Magni-MV Agusta Filo Rosso

Es sind peinliche Momente, wenn man sich als gestandener Motorradjournalist beim ersten Anblick eines wunderschönen Bikes sicher ist, es mit einem Oldtimer zu tun zu haben, und dann eines Besseren belehrt wird. So geschehen bei der Magni-MV Agusta Filo Rosso

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Zweirad
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Von
  • Ingo Gach
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Köln, 20. September 2016 – Es sind peinliche Momente, wenn man sich als gestandener Motorradjournalist beim ersten Anblick eines wunderschönen Bikes sicher ist, es mit einem Oldtimer zu tun zu haben, und dann eines Besseren belehrt wird. So geschehen bei der Magni-MV Agusta Filo Rosso. Die Verblüffung ist maßlos, wenn offenbart wird, dass es sich um ein nagelneues Motorrad handelt. Naja, denkt der verschämte Schreiberling, dann ist es garantiert wieder so ein unbezahlbarer Prototyp, der nie in Serie gehen wird. Wieder falsch: Das atemberaubende Kraftrad aus Italien kann für rund 35.000 Euro von jedermann käuflich erworben werden. Einziger Haken: Für die Zulassung muss jeder in seinem Heimatland selber sorgen. Was problematisch werden könnte.

Doch fangen wir am Anfang an. Arturo Magni ist in Sportkreisen eine Legende. Was für die italienische Autofraktion Enzo Ferrari ist, ist für die dortigen Zweiradler jener geniale Ingenieur, der von den 1950er bis in die 1970er Jahre als Rennleiter für MV Agusta tätig war und unter dessen Ägide Fahrergrößen wie Giacomo Agostini, Mike Hailwood und John Surtees 75 (!) Weltmeistertitel und über 3000 Siege errangen. Der ehemalige Flugzeugingenieur und begeisterte Pilot beschloss 1977, nachdem MV Agusta die Rennabteilung dicht gemacht hatte, selber Motorräder zu bauen. Dafür griff er zu MV Agusta-Serienmotoren – später auch zu BMW-, BSA-, Honda-, Moto Guzzi- und Suzuki-Motoren – und strickte sportliche Stahlrohrrahmen, Fahrwerke und Komponenten um den Antrieb herum. Magnis Werke galten immer als sehr edel und sehr schnelle Motorräder. Allerdings erlahmte das Interesse an der Marke in den 1990er Jahren, als die günstigen japanischen Sportmotorräder sehr gute Aluminiumrahmen bekamen, an denen kaum noch Verbesserungsbedarf bestand. Heute schwingt das Pendel jedoch wieder um, Motorräder im Retro-Look sind schwer angesagt und damit auch wieder Stahlrohrrahmen, die Spezialität von Magni.

Magni-MV Agusta Filo Rosso (15 Bilder)

Ein Oldtimer? Nein, die Magni-MV Agusta ist nagelneu. Selten wurden Historie und Moderne so schön vereint wie hier. Selbst Fachleute werden sie auf den ersten Blick für ein Rennmotorrad aus den frühen 1970er Jahren halten.

Bis heute besteht die Magni-Werkstatt in Samarate nördlich von Mailand. Nachdem Arturo Magni letztes Jahr verstarb, führen seine Söhne Carlo und Giovanni die Firma weiter und sind sehr stolz auf das Projekt zu Ehren ihres Vaters: Eine Magni, die endlich wieder einen MV-Agusta-Motor trägt, wie seine legendären Rennbikes. Als die zwischenzeitlich insolvente Marke MV Agusta 1997 unter dem neuen Besitzer Claudio Castiglioni wieder Motorräder baute, war es für Magni sicher eine Herzensangelegenheit, irgendwann wieder ein Bike mit MV Agusta-Motor zu entwerfen.