Seat Leon Cup Racer
Nur 50 PS mehr - doch der Seat Leon für die Rennstrecke ist in jeder Hinsicht ein anderes Autos als der Leon Cupra 300. Fahrwerk, Getriebe, Motor und diverse Sparmaßnahmen an der Karosserie prägen den Seat Leon Cup Racer
- Jürgen Wolff
Jordi Gené warnt schon mal vor: „Wenn Sie was wissen wollen, fragen Sie gleich, unterwegs werden Sie kein Wort verstehen.“ Eine brauchbare Geräuschdämmung gehört nun mal nicht zu den Prioritäten im Lastenheft eines Rennwagens. Entsprechend lautstark meldet sich der Leon Cup Racer denn auch, sobald der Werksfahrer den Motor in der Boxengasse anlässt. Mit einer Mischung aus krawalligem Motorsound und dem Scheppern diverser Bleche, deren einzige Verkleidung aus einem dünnen, weißen Lacküberzug besteht, rollt der Cup Racer zum Ausgang der Boxenstraße. Damit es kein Blitzer-Ticket gibt, lässt sich das Tempo per Speed Limiter auf 40, 50, 60, 80 oder 120 km/h begrenzen.
Mut als limitierender Faktor
Die gut vier Kilometer lange Rundstrecke bei Castellolí in der Nähe von Barcelona hat nicht nur ein gutes Dutzend Kurven, sondern ist auch relativ hügelig. Das macht flinke Rundenzeiten zu einer Herausforderung – sowohl für das Fahrwerk des Autos wie auch für den Fahrer. Gené kennt die Strecke offensichtlich sehr gut. Er prügelt den Cup Racer in einem Tempo um die Kurven, dass sich normale Autofahrer auch nach ein paar Runden der Eingewöhnung kaum trauen würden. Hier dürfte in den meisten Fällen der Mut des Fahrers der limitierende Faktor sein – und nicht das Auto.
Seat Leon Cup Racer (12 Bilder)

(Bild: Seat)
Den Seat für Tourenwagen-Rennen gibt es alternativ auch mit einem Sechsgang-DSG, Gené ist aber lieber mit dem sequenziellen Getriebe unterwegs, sagt er. Das erleichtert den Wagen mit nun 1150 um 40 Kilogramm gegenüber der DSG-Version. Die paar Kilogramm weniger machen den 4363 mm langen und an Heckflügel wie Frontspoiler 1950 mm breiten Renn-Leon noch einen Tick schneller und agiler. Im Grenzbereich können solche Unterschiede entscheidend sein.
60 Prozent des Gewichts lasten auf der Vorderachse. Über einen Drehknopf im Cockpit kann der Fahrer die Bremsbalance zwischen Vorder- und Hinterrädern einstellen. Die vorderen innenbelüfteten Scheibenbremsen haben einem Durchmesser von 378 mm, was nicht viel mehr ist als die optionale Bremse vom Leon Cupra 300. Dort wird gegen Aufpreis eine Bremse vom Brembo angeboten, deren Scheiben vorn 370 mm messen.
Vieles aus dem Serienmodell
Gebaut wird der Leon Cup Racer bei Seat im Stammwerk Martorell. Angelegt ist die Produktion auf 240 Stück, 220 sind aktuell montiert. Daneben entstehen dort auch Rennsportwagen für Audi und Volkswagen, insgesamt gut 400 Stück. Gebaut werden jeweils fünf Wagen parallel, etwa 80 Stunden dauert die Montage pro Stück. Rund 70 Prozent der Teile stammen aus der normalen Serienproduktion im Seat-Werk nebenan. „Wir haben alle Prozesse zum Bau von Sportwagen hier bei uns im Haus“, sagt Seats Sportdirektor Jaime Puig. Als Plattform dient der Modulare Quer Baukasten (MQB), auf dem mittlerweile rund 50 Modelle von Audi, Seat, Skoda und VW aufbauen.
Auch der Motor kommt aus der Serienfertigung und ist praktisch der gleiche, der auch den zivilen Leon Cupra antreibt: vier Zylinder, zwei Liter Hubraum. Im Cupra leistet die Maschine 300 PS und bietet ein maximales Drehmoment von 380 Nm. Im Alltag findet sich damit nur selten einer, der flinker ist – Autos dieser Leistungsklasse sind nicht weit verbreitet. Für die Rennversion darf es noch etwas mehr sein: Sie bietet bei 6200/min noch einmal 50 PS mehr und stellt ein Drehmoment von bis zu 420 Nm bereit. Die kompromisslose Auslegung ist freilich zu spüren, denn die Serienversion muss einerseits Rücksicht auf Verbrauchswerte, Geräusch und Schadstoffwerte andererseits fährt sie sich auch hinsichtlich der Fahrbarkeit auch ganz anders. Leistung und Drehmoment liegen in einem breiteren Bereich an. In einem Rennauto ist der Drehzahlbereich, in dem es optimal vorangeht, etwas schmaler als im Serienmodell.
100-Liter-Tank
Der Renn-Leon beschleunigt von 0 auf 100 km/h in 5,2 Sekunden und erreicht maximal 267 km/h. Der Serien-Cupra braucht für den Spurt 5,8 Sekunden und macht bei 250 km/h dicht. Der Durst des Rennmotors ist gewaltig: Zwischen 37 und 42 Liter Super Plus kommen pro 100 Kilometer auf einer Rennstrecke locker zusammen. Der 100-Liter-Tank ist also nicht abwegig dimensioniert. Die Kosten für den Leon Cup Racer sind vergleichsweise moderat: Der Basispreis liegt bei 90.000 bis 115.000 Euro – je nach dem, ob mit DSG oder sequenziellem Getriebe. Im Schnitt, hat irgendein rennsportbegeisterter Controller bei Seat ausgerechnet, kostet der Renn-Kilometer acht Euro.
Mit im Preis ist eine Komplettbetreuung. Die 220 Wagen sind rund um den Globus und übers Jahr bei etwa 230 Rennen in 21 Rennserien auf der TCR-Plattform unterwegs. In Bahrain, Monaco und Abu Dhabi gehören die TCR Rennen zum Vorprogramm der Formel 1. Immer mit dabei: Service-Trucks von Seat oder lokalen Partnern. Der Kundendienst funktioniert wie ein Supermarkt: Wenn während eines Renn-Wochenendes ein Teil an einem der Cup Racer ausfällt, ist Ersatz aus Servicetruck schnell da. Die Rennteams selbst müssen keine umfangreichen Ersatzteillager mehr vorhalten.
(imp)