Photovoltaik: Wie Anlagen auf Freifeldern Klima und Naturschutz vereinen

Blühende Blumenwiese und Photovoltaik müssen kein Widerspruch sein. Einige Solarparks zeigen, wie sogar die Artenvielfalt erhöht werden kann.

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Photovoltaik-Anlage in ThĂĽngen/Bayern Foto: OhWeh, Lizenz Creative Commons CC BY-SA 2.5

(Photovoltaik-Anlage in ThĂĽngen/Bayern)

(Bild: OhWeh?uselang=de:OhWeh, Lizenz Creative Commons CC BY-SA 2.5)

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Von
  • Jan Berndorff

Wie Klima- und Naturschutz Hand in Hand gehen können, zeigt sich gut im Biosphärenreservat Bliesgau östlich von Saarbrücken. Das zweieinhalb Hektar große Gelände bietet Lebensraum für Schmetterlinge, Bienen und Vögel. Doch es ist keine reine Naturidylle. Hunderte Solarmodule mit einer gesamten Leistung von 1,85-Megawatt sind hier in langen Reihen alle fünf Meter aufgeständert. Das berichtet MIT Technology Review in der neuen Ausgabe 7/21.

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Die Solarmodule scheinen weder Pflanzen noch Tiere zu stören. Im Gegenteil: "Hier wurden die Ziele des Naturschutzes und des Klimaschutzes zugleich verwirklicht", schreiben Bernd Demuth und Alexander Maack vom Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der TU Berlin in einem Handbuch über die ökologischen Wirkungen von Photovoltaik-Freiflächenanlagen (PV-FFA).

Dieser Text stammt aus: MIT Technology Review 7/2021

Auch wirtschaftlich können sie punkten: Auf der letzten Ausschreibungsrunde der Bundesnetzagentur bekamen Freiflächenanlagen eine Einspeisevergütung von fünf Cent pro Kilowattstunde. Strom aus Onshore-Windparks ist etwa ein Cent teurer. Und im Vergleich zu Mais oder Zuckerrüben für Biogaskraftwerke holen PV-FFA rund 50-mal mehr Strom aus der gleichen Fläche heraus, hat das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) berechnet.

Trotzdem durften sie lange nur auf sogenannten "Konversionsflächen" gebaut werden – also etwa alten Industriebrachen, Militärgeländen und ähnlichen Arealen. Außerdem wurden gern schmale Streifen entlang von Autobahn- und Eisenbahntrassen freigegeben. Dabei zeigen Installationen wie das Biosphärenreservat Bliesgau, dass sich klimaneutrale Energiegewinnung und Naturschutz vertragen. Trotzdem haben nur wenige Bundesländer dieses Korsett in den letzten Jahren gelockert und lassen PV-Parks nun auch auf "benachteiligten Acker- und Grünflächen" zu, auf denen viel Dünger eingesetzt werden muss, damit auf ihnen etwas wächst.

Aktuell sind in Deutschland knapp 57 Gigawatt Photovoltaik-Leistung installiert, davon entfallen gut 30 Prozent auf Freiflächenanlagen. Nicht alle sind so naturverträglich wie die im Saarland. Damit sie für die Natur Positives bewirken können, müssen sie gewisse Kriterien erfüllen. Der Naturschutzverband Nabu hat dazu kürzlich gemeinsam mit dem Bundesverband Solarwirtschaft einen entsprechenden Leitfaden veröffentlicht.

Dennoch produzieren solche Bio-Solarparks durch ihre großen Modulabstände bis zu 20 Prozent weniger Strom pro Fläche. Im Gegenzug steigern sie aber auch Artenvielfalt und damit die Akzeptanz der Bevölkerung, sagt die Landschaftsökologin Nathalie Arnold vom Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE). Denn die ist keineswegs immer gegeben: Bei den Mulkwitzer Hochkippen, eine rund 410 Hektar große ehemalige Abraumhalde im Osten Sachsens, sollten beispielsweise zwei Solarparks errichtet werden. Eine lokale Interessengemeinschaft monierte jedoch, dass sich auf dem renaturierten Gelände neue, intakte Ökosysteme gebildet hätten. Daher hält der Nabu die Flächen für nicht genehmigungsfähig.

Ein zentraler Kritikpunkt an Freiflächenanlagen ist zudem, dass sie die Pachtpreise für Ackerflächen in die Höhe treiben. Der Bauernverband bezeichnet Solarparks deshalb als "Flächenfraß". Ein Einwand, der auf den ersten Blick gerechtfertigt ist: Die durchschnittliche Jahrespacht für Ackerland liegt in Deutschland bei etwa 430 Euro pro Hektar, bei Grünland sind es 234 Euro. Doch Grundstücke, auf denen Solaranlagen errichtet werden, erzielen 1.500 bis 3.000 Euro.

Doch wenn der Gesetzgeber richtig steuert, ließe sich diese Befürchtung zerstreuen: Der Bundesverband Neue Energiewirtschaft weist darauf hin, dass nur 2,5 bis 3 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche ausreichen würde, um den Strombedarf des gesamten Landes zu decken. Und dies ist nur ein kleiner Teil der Flächen, die aktuell für Energiepflanzen genutzt werden, also ohnehin nicht der Nahrungsmittelversorgung dienen.

Wo genau das Flächenpotenzial liegt und was es mit der sogenannten Agriphotovoltaik auf sich hat, lesen Sie in der neuen MIT Technology Review (im Bahnhofsbuchhandel und im heise shop). (grh)