Datenschutz: PlÀne der neuen Regierung beleben den Streit um Auto-Daten neu

Die von Autofahrern erzeugten Daten wecken grĂ¶ĂŸte Begehrlichkeiten. Die Regierung will sie mit einem TreuhĂ€nder schĂŒtzen, die Autohersteller sind dagegen.

vorlesen Druckansicht 67 Kommentare lesen

Moderne Autos erzeugen bereits eine Menge Daten, selbstfahrende potenzieren die Datenproduktion. Doch wem gehören sie eigentlich und wer darf darauf zugreifen? Im Bild ein autonom fahrender Mercedes in Erprobung 2018

(Bild: Daimler)

Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Carsten Hoefer
  • dpa
Inhaltsverzeichnis

Die Bundesregierung stĂ¶ĂŸt mit ihrem Plan eines TreuhĂ€nders fĂŒr Autodaten auf Widerstand bei den Herstellern. Der TreuhĂ€nder soll die Hoheit der Autobesitzer ĂŒber die FĂŒlle der von ihren Fahrzeugen erzeugten Daten gewĂ€hrleisten, außerdem den Datenzugang fĂŒr Behörden, Versicherungen, TÜV oder auch AutowerkstĂ€tten.

Videos by heise

Der Verband der Automobilindustrie VDA befĂŒrchtet zusĂ€tzliche BĂŒrokratie ebenso wie Missbrauch: "FĂŒr die Übertragung der Daten lehnt der VDA jedoch das sogenannte TreuhĂ€nder-Modell ab, da es aus unserer Sicht verschiedene Nachteile mit sich bringt", sagte VDA-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Joachim Damasky auf Anfrage.

Diskutiert wird ĂŒber den Autodaten-TreuhĂ€nder seit Jahren, maßgeblich angestoßen von der Allianz, dem grĂ¶ĂŸten deutschen Versicherer. "Zur wettbewerbsneutralen Nutzung von Fahrzeugdaten streben wir ein TreuhĂ€nder-Modell an, das ZugriffsbedĂŒrfnisse der Nutzer, privater Anbieter und staatlicher Organe sowie die Interessen betroffener Unternehmen und Entwickler angemessen berĂŒcksichtigt", heißt es im Koalitionsvertrag von SPD, GrĂŒnen und FDP.

Das ist nicht sehr konkret, und Einzelheiten nennt das Bundesverkehrsministerium zu diesem frĂŒhen Zeitpunkt noch nicht: "Wir bitten um VerstĂ€ndnis, dass wir zu einzelnen Projekten derzeit noch keine detaillierten Informationen geben können", sagte ein Sprecher.

Beim Projekt TreuhĂ€nder geht es um eine Vielzahl widerstreitender Interessen und offener Fragen: von der Autoreparatur bis zur Entwicklung neuer GeschĂ€ftsmodelle. Dazu zĂ€hlt die VerfĂŒgbarkeit von Autodaten fĂŒr die UnfallaufklĂ€rung ebenso wie die Frage, ob Autohersteller und -zulieferer kĂŒnftig gezwungen sein werden, die FrĂŒchte ihrer Software-Entwicklung mit Drittfirmen zu teilen.

Potenzielle Interessenten wĂ€ren Start-ups ebenso wie die IT-Großkonzerne aus den USA oder Versicherungen. "Verbraucher und Verbraucherinnen könnten im Zuge der Digitalisierung und Vernetzung ihrer Autos von neuen Dienstleistungen profitieren", sagt Jörg Asmussen, der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Versicherungsverbands GDV.

ZunĂ€chst geht es fĂŒr die Allianz und die Versicherungsbranche um ungehinderten Datenzugriff nach SchĂ€den und UnfĂ€llen. "Wichtig ist, dass es kein Marktteilnehmer ist", sagt Christoph Lauterwasser, Leiter des Allianz-Zentrums fĂŒr Technik (AZT), zum geplanten TreuhĂ€nder. "Wenn es beispielsweise um UnfallklĂ€rung oder Produkthaftung geht, sollte der DatentreuhĂ€nder weder eine Versicherung noch ein Autohersteller noch jemand anders sein, der mit diesen Themen aktiv befasst ist, sondern eine neutrale Stelle."

Der Versicherungsverband fordert fĂŒr seine Mitgliedsunternehmen grundsĂ€tzlich ein Zugangsrecht zu Autodaten, hat sich aber auf kein bestimmtes Modell festgelegt. "Daten vernetzter Autos gehören nicht den Herstellern", sondern sie gehörten in die HĂ€nde der Halterinnen und Halter, betont GDV-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Asmussen.

"Sie mĂŒssen frei entscheiden können, an wen sie Fahrzeugdaten ĂŒbermitteln." Ein MobilitĂ€tsdatengesetz sollte diese wettbewerbsneutrale Nutzung möglich machen. Ob ein solcher wettbewerbsneutraler Zugang zu den Daten ĂŒber ein TreuhĂ€nder-Modell oder auf andere Weise erfolgt, ist nachrangig."

Der Allianz sei sehr wichtig, dass dem Nutzer die Kontrolle ĂŒber die Daten gegeben werde, betont auch Lauterwasser. "Das wĂŒrde auch fĂŒr uns als Versicherung vollkommen ausreichen, da wir ĂŒber die Mitwirkungspflichten des Kunden bei der Schadenregulierung dann auch die erforderlichen Fahrzeugdaten zur UnfallaufklĂ€rung erhalten könnten."

Eine KlĂ€rung dieser Themen sei dringend notwendig, sagt der Allianz-Sicherheitsfachmann. "Aktuell werden die ersten Fahrzeuge mit automatisierter Fahrfunktion von Mercedes zugelassen." Andere Hersteller wĂŒrden folgen.

"Da stellt sich die Frage, wo genau werden die Fahrmodus-Daten gespeichert, und wie kann der Kunde darauf zugreifen?" Dazu gebe es noch keine Regelung. "Insofern sollte diese aus unserer Sicht jetzt in Angriff genommen werden", sagte Lauterwasser. FĂŒr die Umsetzung wĂŒrde sich aus Sicht der Allianz eine europĂ€ische Lösung ĂŒber die Typgenehmigung der Fahrzeuge empfehlen.

Die Automobilindustrie sei grundsĂ€tzlich zum Teilen der im Fahrzeug generierten Daten bereit, betont VDA-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Damasky. "Wir möchten die Fahrzeugdaten fĂŒr Dritte zugĂ€nglich machen, dabei aber sicherstellen, dass diese bei der Übertragung nicht manipuliert werden können."

Der Gegenvorschlag der Hersteller lĂ€uft darauf hinaus, Autodaten in der Obhut der Industrie zu belassen und ein "Trust Center" einzurichten, das deren IntegritĂ€t gewĂ€hrleistet. "Also eine Einrichtung, die die DatenqualitĂ€t zertifiziert", erlĂ€uterte Damasky. Der Vorschlag trĂ€gt den Namen Adaxo, KĂŒrzel fĂŒr Automotive Data Access-Extended and Open.

Aus Sicht der Hersteller sollen die Fahrzeughalter ihre Zustimmung zur Fremdverwendung der Fahrzeugdaten geben. "Wir glauben, dass ein TreuhĂ€nder-Modell die Datenfreigabe verwĂ€ssert und nicht nutzerfreundlich ist. Aus diesem Grund plĂ€dieren wir fĂŒr die Abfrage aus einer Hand, und zwar ĂŒber die Backends der Fahrzeughersteller." Mit Backend sind in der IT-Sprache die fĂŒr Nutzer unsichtbaren Teile eines Rechnersystems gemeint, also Server und sonstige Infrastruktur.

Ein weiterer Punkt: "Die Freigabe muss zweckgebunden sein", sagt Damasky. Es soll also aus Sicht der Hersteller nicht jeder Interessent von vornherein unbegrenzten Zugang zu Autodaten bekommen. Bei der Allianz klingt das anders: Auch "unabhÀngige Dritte" sollten Dienstleistungen anbieten können, "ohne dass der Fahrzeughersteller als Gatekeeper fungiert", meinte AZT-Leiter Lauterwasser.

(fpi)