Was war. Was wird.
Alte Revolutionäre gegen junge Wilde? Ach, weit gefehlt, CeBIT ist's nur. Und was da nicht alles kürzer wird: IT-Budgets, Röcke, Medien, Begriffe und Zeitgeist-Vorhaben, wundert sich Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Noch tobt sie, die CeBIT, doch schon kann man ein Fazit ziehen. In Zeiten, in denen die Schwarze Null wütet und überall gespart wird, spart man zuerst an der Rocklänge der Hostessen. Oder gibt es einen intimen Zusammenhang zwischen den knappen Röcken bei der Pearl Agency und den Katalogen, die die Firma auslegt? Transportieren die Hostessen eine tiefere Bedeutung als sex sells, die mir entgeht? Eigentlich sind es nur Vorstände der auf der CeBIT verlachten Dotcoms, die Porno-TV für 100.000 Euro brauchen. Aber das Böse, das Unaussprechliche ist schon lange vorbei, von Fachleuten unter die Erde gebracht, oder braucht es da doch eine Software zur Kontrolle?
*** Was also machen etwa kurzberockte Blondinen auf den Stufen einer Art Pyramide anderes als ihre Beine zu öffnen, um den Besucher vorbei zu lassen, der diesen Stand -- die Firma nenne ich nicht -- betritt? Na klar, dies wenigstens als Hinweis, um den geneigten Leser nicht ganz unbefriedigt ins Bette fallen zu lassen, na klar, sie verkaufen CRM-Software. In solch einem erhitzten Kontext wirkt selbst die für JVC werbende Verona Feldbusch zweideutig mit der Erklärung, dass ein WLAN-Subnotebook auf dem Schoß ein geiles Gefühl erzeugt. Inmitten der allgemeinen Anmache muss man geradezu die Firma Verdisoft loben, die einen hermetisch abgeriegelten Stand bauen wollte. Leider brauchte es einen Eingang in den Würfel, was den Trend zur Kaaba demolierte. Und dann noch Sehschlitze an den Seiten, welch ein Stilbruch.
*** Was ist stärker als die unbezwingbare Firma Microsoft? Natürlich der deutsche Zoll. In seinen starken Armen behielt er die Beta-CDs von Office 2003, die eigentlich in einer großen CeBIT-Pressekonferenz an die Journalisten verteilt werden sollten. Da dreizehn CDs nicht einfach a la main verhundertfacht werden können und auch die ganze Registrierungschose hinfällig wäre, blieb es bei einer aparten Improvisation, bei der der Pressesprecher seinen Chef interviewen durfte. Es war ein liebes Getändel wie es der Doris ihrem Gerd sein Foto-Handy gerne geknippst hätte. Ergänzt wurde die Sache durch den starken Auftritt des Microsoft-Datenschutzbeauftragten, der IRM vorstellte. Nie gehört? Das Information Rights Management mit dem Tungsten-Server ist das "unverzichtbare Recht jeder Firma, über die Dateien zu bestimmen, die ihr gehören". So unterscheidet sich das I vom D, diesem Digital Rights Management als unverzichtbarem Recht einer Firma , über die Dateien zu bestimmen, die sie dem Kunden leihweise zur Verfügung stellt. Ob das nun Musik-, Video- oder Computersoftware ist, es geht den Weg alles Irdischen: Shreddern oder geshreddert werden.
*** Wer hier wen shreddert, das ist noch die Frage, die CeBIT-Veranstalter geben sich in bestimmter Hinsicht jedoch schon sehr sicher. Auch wenn sich ein paar der Aussteller im Zuge einer gesunden Renaissance darauf besinnen, Produkte auf den Markt zu bringen, die nicht nur modern und cool sein wollen, so geht es auch anders. Klassisch schön in grellem Rot mit Hardcover-Bindung und Griffleiste präsentiert sich der Messekatalog. Sieht wirklich gut aus, der knapp vier Pfund schwere Block und wertet so manch leeres Bücherregal auf. Und wem das ganze Ding zu schwer ist, der hat ja noch die CD? Weit gefehlt: Eine CD ist nach Überzeugung der Messe-Spitze nicht mehr zeitgemäß. Die rund 80 Katalog-Monster, die nach meinen gewöhnlich gut informierten Kreisen ihren Weg in den Heise-Verlag fanden, werden wohl mehrheitlich im Shredder landen. Und dann -- dies immerhin sehr zeitgemäß -- in der Altpapierverwertung.
*** Nun hatte die CeBIT auch ihre beflügelten Momente, ganz ohne Foto-Mail bei Kanzlers oder einer Waschmaschine namens Hermine, die Harry Potter für eine hartnäckige Verschmutzung hält. Nehmen wir nur die gut gewaschenen, doch gräulich eingekleideten Mitarbeiter der Telekom, die als Zombies im Anzug den Angriff der Clone-Krieger probten und dazu auch noch singen mussten. Oder das Mini-Fest bei Swatch, das vor zwanzig Jahren das Geschäft mit den Wegwerf-Uhren startete: Ich will Spaß. Tralala, tralala. Heute gibt es die Swatch "Access to the Net", die Uhr mit Transponder, die jede Firma mit Firmenlogo und sonstiger Corporate Identity ausstatten kann. Gerade weil die Uhr so abgefahren daherkommt, "wird kein Mitarbeiter Probleme haben, wenn der Dresscode zum Tragen der Uhr verpflichtet." Vom Accesscode zum Dresscode ist es nur ein kleiner Schritt. Zumindest für Swatch, wo gestern vor zwanzig Jahren das Firmenmotto in die Welt posaunt wurde: "Innovation, provocation, fun. For ever".
*** Wenn wir weiter zurückgehen, genau 35 Jahre, kommt My Lai ins Visier, ein Ort mit 450 Toten, ein amerikanisches Trauma, das natürlich keine Verbindungen zur aktuellen Situation zulässt. Doch das Leben ist eine seltsam unernste Zeitmaschine, wenn CNN den Weg eines Peter Arnett wiederholt, natürlich als Blog. So leben wir in Zeiten, in denen selbst Texaner Schwierigkeiten haben, einen Song anzustimmen. "Vorsicht", warnte Egon Friedell einen ahnungslosen Passanten, als er sich heute vor 65 Jahren aus dem Fenster stürzte. Aus seiner Kulturgeschichte ist zu lernen, dass die Vergangenheit niemals tot ist.
*** Mit gutem Grund ist darum heute ein Frauentag, nicht nur als Antwort auf die endlose Anmache der CeBIT. Begehen wir den ersten Profi-Boxkampf der Frauen; er fand 1876 zwischen Nelly Saunders und Rose Harland statt. Freuen wir uns ĂĽber den Geburtstag der Malerin Rosa Bonheur, die 1822 geboren wurde. Und denken wir an den Geburtstag der groĂźen Hannoveranerin Caroline Herschel. Ein Glas Wein gebĂĽhrt der groĂźen deutschen Hexe Valeska Gert, die gestern vor 25 Jahren starb: "FrĂĽh sind wir der WĂĽrmer FraĂź".
Was wird.
When the music is over in Hannover, wenn die letzte CRM-Schachtel der CeBIT entsorgt ist, dann beginnt auch für die hartgesottenen Freunde der IT-Technik die Fastenzeit. Nur die richtig angefixten machen weiter, die anderen gehen in sich und halten es mit der versteckten Revolution und hören das Lied vom traurigen Sonntag. Was mich zu unserer kleinen Musike bringt. Er ist noch nicht vorbei, CeBIT-bedingt geht es weiter! Es sei noch einmal an die Spielregeln unseres in der Wochenschau von vergangenem Sonntag gestarteten Wettbewerbs für einen historischen Moment erinnert, der der Musikindustrie zeigt, was eine Harke ist -- und auch den jungen Wilden der Tauschbörsen, die zwar den Ruf der Revolutionäre und Verteidiger der Musikliebhaber haben, aber sich doch nur mit der Old Economy der Majors um die Beherrschung des Marktes kabbeln. Immer in der Hoffnung, dass sich ein tragfähiges Geschäftsmodell trotz allem ergebe. Das interessiert uns hier aber nur am Rande, mehr dagegen die Listen der Leser. "Alle Kunst strebt kontinuierlich den Zustand von Musik an": Es geht also nicht nur um die Musik, es geht um das Geschichtenerzählen. Hier und woanders. (Hal Faber) / (jk)