4W

Was war. Was wird.

Sind die Götter nur verrückt oder doch tot? Weder Musik- noch IT-Branche wissen die Antwort -- die den Usern egal ist, denn die Konsequenzen müssen sie so oder so ausbaden, bedauert Hal Faber, der sich lieber den Glühwürmchen widmet.

vorlesen Druckansicht 231 Kommentare lesen
Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** War es ein Fingerzeig des Himmels? Erzürnte Götter, die einen Orkan schickten, eine Satellitenschüssel wegzublasen, damit die Peinlichkeit nicht mehr zu sehen ist? Nein, die Direktübertragung vom WWWDC vor 600 geladenen Gästen in Berlin ging wenig später als mickriger Webcast weiter und erreichte den peinlichen Höhepunkt nach der Verkündigung des Betriebssystem-Segens, als Apple sich mit laut beklatschten SPECmarks endgültig unter die Affen der PC-Branche einreihte. Nein, Steve Jobs ließ sich nicht beirren: In Amerika haben Computerleute wohl andere Götter. Und weil wir hier in dem poetischen, angedröhnten Teil des Web sind, in einem literarischen gar, sei an die leidenschaftlichen Verse des Beatnick Gary Snyder erinnert, der seinen Mac allzeit gut behandelte.

And because my computer and me are both brief
in this world, both foolish, and we have earthly fates,

We fill up our baskets, get back home,
Feel rich, relax, I throw it a scrap and it hums.

*** Ganz andere Götter mag Jobs zwar haben, es sind aber offensichtlich dieselben wie die einer in letzter Zeit in der Öffentlichkeit recht umstrittenen Branche. Wie sonst könnte Apple auf die Idee kommen, den eigenen Online-Musikdienst als Revolution für die Branche zu feiern, die die gemeinen User doch eigentlich schon lange erfolgreich durchgefochten haben wollen. Nun, der Branche täte eine wirkliche Revolution recht gut. Denn was soll man davon halten, wenn Zeps How the west was won fast schon als einzig halbwegs interessante Veröffentlichung der Majors in der letzten Zeit erscheint, während Gruppen wie die Vandermark 5, für die sich Free Jazzer wie HipHoper gleichermaßen interessieren, in den Plattenläden praktisch nicht existieren? Man muss schon froh sein, wenn solche Gruppen noch auf Diensten wie EMusic, die mittlerweile nur noch Indies führen, zu finden sind, während Apple sich gerade einmal gnädig mit den kleinen Labels an einen Tisch setzt, ob sie denn auch mal in den iTunes-Store dürfen. So funktioniert es jedenfalls nicht, mag sich auch die gute Hillary Rosen gesagt haben, die gerade noch rechtzeitig den Absprung schafft. Zwar ist sie mit verantwortlich dafür, die Musikbranche auf die Schiene der Kriminalisierung ihrer eigentlich treuesten Kunden gesetzt zu haben, aber die Konsequenzen muss sie nicht mehr ausbaden. Das dürfen, geht es nach dem Willen der Lobby, nun die Künstler, die sich keines großen Airplays erfreuen -- und diejenigen, die, wenn sie nur könnten, gerne für Internet-Angebote bezahlen würden. Die aber gibt es bislang nur für eingeschränkte Nutzergruppen wie die Mac-Anwender oder zu Bedingungen, die kein halbwegs intelligenter Mensch zu akzeptieren bereit ist. Rosen hat ihre Schäfchen im Trockenen -- die Musikindustrie noch lange nicht. Mögen die Götter beiden gnädig sein und die Musiker von ihrem Zorn verschonen.

*** Die Schicksale der Erdlinge aber, ihrer Musik und auch ihrer Computer, was gehen sie eigentlich die Götter an? Es waren keine Engel über Berlin, heute wie damals, vor 40 Jahren, als John F. Kennedy am 26. Juni die Stadt eroberte. Als der amerikanische Präsident das harmlose Redemanuskript vergaß und eine scharfe Hetze vom Stapel ließ, die hübsch endete: "Ich bin ein Berliner". Ein Satz, der heute nichts mehr aussagt. Heute ruft der Präsident "Ich bin ein Amerikaner", doch längst nicht alle Amerikaner sehen das so einfach. Ach, Berlin, glückliches schwules Berlin, das sogar mit Amerika feiern kann.

*** Transatlantische Bindungen sind immer kompliziert, das macht halt die Entfernung. Nehmen wir nur die unter der Woche bekannt gewordene amerikanische Forderung, das Frequenzspektrum des abgeschalteten C-Netzes für die zukunftssichere CDMA-Technik von Qualcomm zur Verfügung zu stellen, um dem schlingernden Blaulichtfunk Beine zu machen. Das Jammern der Lobby über entschwindende Arbeitsplätze passt gut zu dem ganzen Klamauk. Da hilft nur ein Blick auf die Beschlüsse, die die ITU in dieser Woche gefällt hat, um den Unsinn mit dem freien C-Netz zu begraben. Apropos ITU: Die endlos tagenden Telekom-Vertreter zeigten, dass transatlantische Kompromisse möglich sind. Das 5-GHz-Band wurde international für die WLAN-Kommunikation standardisiert und dennoch bleiben die amerikanischen Radarsysteme geschützt, die in diesem Bereich arbeiten. Ja, das kann man feiern, im "ersten" Internet-Biergarten mit grünem Punkt. In Bielefeld.

*** "Ich bin ein Bielefelder" wäre vielleicht die Losung gewesen, die Bill Gates in der US-amerikanischen Hauptstadt durch die Sicherheitskontrollen gebracht hätte, auch ohne den verlangten Identifikationsnachweis, den seine Mitarbeiter eilends holen mussten. Was wäre wohl passiert, wenn die Passage nur mit den besonders sicheren Ausweisen mit biometrischen Merkmalen gestattet wäre, die hüben wie drüben der letzte Schrei sind? Jedenfalls fand sich eine Identität, Gates passierte und durfte bei einer Konferenz George Orwell als Zeuge für die IT-Sicherheit à la Microsoft benennen. Was insofern logisch ist, weil Orwell als Beamter mit Passdingen befasst war und ein bisschen unlogisch, weil Microsoft nicht die Technik in 1984 stellt. Orwells Update von 1984 auf 2003 erfolgt demnächst. Was die IT-Sicherheit anbelangt, sind sich transatlantisch alle einig, auch das BSI, für das es keine Software abseits von Microsoft gibt. Bill Gates konnte sich in Washington gleich doppelt freuen, über einen dicken Auftrag und einen goldenen Preisfür das weltbeste Interface-Design.

*** Wer bis hier durchhielt, ist sich sicher: Die Götter müssen verrückt sein. Nein, noch nicht überzeugt? Also gut, weiter im Text: Heute vor 390 Jahren brannte Shakespeares Globe Theatre nach einem live dargebotenen Kanonenschuss im Heinrich VIII. Das bringt uns -- "Denn jeder Mensch hat Neigung und Beruf" -- zum großen Sommertheater mit den dramatis personae SCO, IBM, Linux und Tux. Jawohl, Tux: Was SCO kann, das schafft die GEZ ganz locker. Wer den Verlauf der Schlacht nicht kennt, kann trotzdem mitfiebern und genießen. Etwa die leise Ironie, mit der IBM verkündete, dass seine Server nun mit Power5-Prozessoren arbeiten und dabei entweder AIX oder Linux verwenden, die beiden universalsten Betriebssysteme. Oder nehmen wir die Drohung von SCO, AIX-Kunden einem Software-Audit zu unterziehen. Sehr schön auch der Vorwurf Richard Stallmans, dass der Streit die blitzblanke Linux-Welt verschmutzt. Wobei der ganze Schmutz offensichtlich anziehend wirkt. Derweil ziehen irregeleitete Kinder durch die Straßen und kämpfen für ihr Stofftier. Die Inszenierung hat Längen, überrascht aber immer wieder durch neue Wendungen. Dabei haben ein paar Akteure noch gar nicht in die Handlung eingegriffen.

*** In Nordrhein-Westfahlen hat Ministerpräsident Steinbrück auch gesagt, wie eine Wendung aussehen kann: Der Metrorapid, die schnellste Straßenbahn des Ruhrgebiets, wird nicht gebaut. Das beweist, dass in Nordrhein-Westfalen vieles möglich ist, etwa die Verleihung eines Online-Awards durch lachende Schauspieler, die im Jahre 2003 offen bekennen, von Computern und dem Internet soviel Ahnung zu haben wie von asiatischen Spitzmäusen. Das Grimme-Institut ist also renommiert und forscht der Kommunikationskultur nach, soso. Was deutsche Kommunikationskultur ist, zeigt die deutsche Telekom, die immer im Sommer wechselweise ihr Magenta und ihr T in großer Verwechslungsgefahr sieht. Nicht auszudenken, wenn das WWW, wie ursprünglich angedacht, TIM (The Information Mine) benamst worden wäre -- es hätte in Deutschland keine Chance gehabt.

*** Nein, der knutschende Harry Potter ist nach der Bibel und dem Koran nicht das weitverbreiteste Buch diese Welt, das ist Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry, der heute Geburtstag hat und 103 Jahre alt wird. Der Erfinder, Pilot, Philosoph und Schriftsteller hat mit seinem Prinzen eine ganz eigene Sprache gefunden. "Man kann die Welt nur nach dem verstehen, was man erlebt." Nein, die Götter sind nicht verrückt, sie sind tot. Und machen auch keine Revolutionen mehr.

Was wird.

Was mit dem Erleben ist, wenn es durch Maschinen vermittelt wird, ergründen Wissenschaftler im England Harry Potters. Digitalisierte Tafeln in Kindergärten sind schwer im Kommen und verschiedene Programmiersprachen für die Allerkleinsten werden vorgestellt. Nicht sehr weit davon entfernt beratschlagt die Wissenschaft, wie Informationskriege am besten geführt werden können. Und in Magdeburg wird diskutiert, ob es den Cyber-Kapitalismus gibt. Was sagt uns der bunte Mischmasch? Es ist Sommer und die Wissenschaftler schwirren. Man kann freilich im Sommer auch einfach nur Celten, Quasseln und Saufen gehen, ohne Powerpoint und Krawatte. Und man kann auch einfach nur den Glühwürmchen zuschauen. Ja, die gibt es wieder, auch in der norddeutschen Tiefebene. Die toten Götter sind mit uns. (Hal Faber) / (jk)