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Was war. Was wird.

Die Geschichte vergibt -- möglicherweise nicht Tony Blair, aber Antje ganz sicher. Bis es soweit ist, bewundert Hal Faber ontologische Beweise Microsofts.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Genie oder Goldfisch, das ist seit Shakespeare die Frage, die sich jedem Künstler stellt. Eine hat sich nicht daran gehalten und wählte die geniale Form: Antje, das Walross des NDR, der Inbegriff des Nordens, zeigte uns die klare Welt nördlich von Hannover. Eine Frau von Format, deren Oberlippenbart jeden Menschenschnauzer lächerlich machte, ist von uns gegangen. "In der manchmal kalten heutigen Computerwelt war sie ein kleines Pünktchen des Tierisch-Menschlichen", so Jo Brauner, Chef-Versprecher der Tagesschau. Ja, das Walross als Pünktchen, so informativ kann es nur die Tagesschau auf den Fleischklops bringen. Zurück bleiben die kalten Computer in Antjes Eisbecken und ein trauernder Norden, den auch ein festlich begangener Jadevertrag nicht wirklich trösten kann. Außerdem war Antje Russin, nicht Borussin. "Siempre Viviré" -- ich werde immer leben! Antje mag es summen und brummen, Celia Cruz hat es gesungen. Auch die Queen des Salsa ist nicht mehr, oder besser, NDR-mäßig gesehen, sie ist nur noch ein Fünkchen in der großen Geschichte der Musik, die uns vom Tierischen zum Menschlichen geleitet. Zuletzt schenkte sie uns Hommy, das dem Tommy der Who antwortete.

*** Wo geht es denn noch lustig zu, wenn nicht auf den Friedhöfen, diesen Mahnweiden zum Weitermachen. Wo sonst fasst man Journalisten an den Schritt, wenn Kinder, nicht Nachrichten gewünscht werden? Es sollte eine kleinen Urnenschlenzerei sein, solange der rotgrüne Senat nocht im Amt ist, aber dann rauschte in dieser Woche die Berliner Grablegung von Herbert Marcuse durch das Feuilleton und schwere Sätze fielen zur Linken wie zur Rechten. Aber, was jeden Heise-Fan trösten wird: Der Kämpfer gegen das eindimensionale Denken liegt Seit an Seit mit dem großen Rudi Strahl, auf dessen Stein das Deutsche Fazit gemeißelt ist: "Lasst uns die nächste Revolution in einem August beginnen". Weitermachen im Geschäft der Kritik, mahnte Marcuse und einer seiner Schüler zeigt gerade in Wien, wie das geht. Allan Sekulas Triptychon einer schwimmenden Annäherung Dear Bill Gates endet mit einem Brief an den Chefdenker von Microsoft, warum er für Winslow Homers Bild Lost on the Grand Banks 30 Millionen Dollar gezahlt hat: "And as for you Bill, when you're on the net, are you lost? Or found?"

*** Microsoft macht auch weiter. Die Firma hat in dieser Woche einen 90 Millionen Dollar schweren Vertrag gelandet, mit der Microsoft den gesamten amerikanischen Heimatschutz als "primary technology provider" bestreitet. Das Ganze ist insofern ein viel zu wenig beachtetes KunststĂĽck der Lobbyarbeit, weil weitere Gelder in diesem Komplex gestoppt wurden. Aber einheitliche Systeme haben ihre Vorteile -- zumindest fĂĽr den, der sie liefert. 49 Milliarden Dollar auf der hohen Kante sollten Beweis genug sein. Da lassen sich auch 1,1 Milliarden Dollar rausgeschmissenes Geld leicht verkraften, zumal die Lobbyisten schon benannt sind, die dies wieder reinholen sollen. Monopol? Pah, Peanuts. Microsoft ist das erste ontologische Unternehmen der neueren Wirtschaftsgeschichte. Alle anderen bilden sich dagegen nur ein, zu existieren.

*** Die Vorteile der einheitlichen Systemumstellung werden übrigens auch deutlich, wenn Oracle Reisende auf Orbitz stoppt und die wirklich weltweit wichtigen Flugdaten nicht wandern können, wie sie müssen. Der Kampf gegen den Terrorismus und seine überall erhältlichen Massenvernichtungswaffen braucht alle Mittel, auch wenn die Ziele sich ändern. Um in den Worten von Tony Blair zu bleiben: History will forgive. Nur die Menschen nicht. Und einige Menschen vergeben sich nicht einmal selbst.

*** Oh Deutschland, bleiches Vaterland in bleiernen Zeiten, bitte nicht. Bitte nicht diese Liste. Es gibt sie aber doch: Der Filmkanon soll politisch korrektes Wissen einbimsen. Ich sehe schwarz für die Kinder, die die Odyssee im Weltraum verpassen und Filme beurteilen sollen, ohne jemals einen Rivette gesehen zu haben, und die Bunuel für einen Schokoriegel halten. Für die King Kong an ein Videospiel erinnert, Casablanca eine Kneipe ist und "Vom Winde verweht" in einer Nordseedüne spielt. Aber es muss ja nicht beim Schwarzsehen bleiben. Sommerlich gestimmt fordere ich alle Heise-Stalker auf, die unsichtbaren Dritten anzumelden, die Filme, ohne die kein Auge schließen sollte, bevor es in die Urne wandert. Eine neue Liste also, ähnlich, wie an dieser Stelle schon der Musik gehuldigt wurde. Vor allem sind da die Computerfilme, die Streifen mit unseren bleichen Gefährten. Wer erinnert sich an Apple in Forrest Gump? An den Film, in dem der Computerexperte Arnold Schwarzenegger die Passwortabfrage in der arabischen Version von Windows 3.1 hackt? Und was ist mit Electric Dreams? Haben wir nicht alle Computer gekauft, um endlich den richtigen Partner zu bekommen?

*** Überhaupt, diese Technik. Vor 30 Jahren setzte "in diesem unseren Lande" (Kohl) die Technikfeindlichkeit mit einem großen Rumms ein, als am 19. Juli 1973 bekannt wurde, dass in Wyhl am Oberrhein ein AKW entstehen soll. So begann der westdeutsche Atomkrieg, mit Wyhl und Wackersdorf als strahlende Stätten des Sieges, mit einer wundersamen antitechnischen Stimmung. Und die Bewegung entwickelte eine gesellschaftliche Relevanz, von der manche 68er träumten -- und die sie daher auf den esoterischen Trip brachte. Mit der Bachblüte zur Revolution -- oder erst auf den Schoß von Madeleine Albright und anschließend in die Arme von Colin Powell.

*** Stimmungen sind ambivalent: Wer am 20. Juli eine Kolumne schreibt, die nicht das Attentat auf Adolf Hitler als Zeichen des anderen Deutschlands würdigt, bekommt Probleme. Ist aber das Reichskonkordat dafür ein Nicht-Datum? In einer Zeit, in der die katholische Kirche vom Bundespräsidenten angemahnt wird, darf ein kleiner ökumenischer Gedanke nicht fehlen. Nicht zuletzt, weil sich gute Christen von diesen schlimmen Fear-to-Fear-Netzen zu distanzieren wissen.

*** Zwei Akkorde, ein Fake: In der Welt der Musik und ihrer Computer hat es Metallica nicht leicht. Für viele hat es den Anschein, die Band würde sie zwingen, die Musik nicht zu hören. Andere wiederum sind mit den Metallica-Texten unzufrieden und schlagen Alternativen vor, die das Leben schrieb. Die Jagd hat erst begonnen.

Was wird.

Mit Shakespeare beginnt auch dieser Abschnitt, schließlich hat das große Sommertheater seine Spielszeit nicht beendet: "Was List verborgen, wird ans Licht gebracht, wer Fehler schminkt, wird einst mit Spott verlacht." Am Montagmittag ist High Noon, schaltet doch die SCO Group eine weltweite Telekonferenz, auf der Klarheit über die Beweislage in der Klage gegen IBM geschaffen werden soll. Gleichzeitig soll es eine Solidaritätsaktion der 8000 registrierten SCO-Entwickler und 11.000 Wiederverkäufer im Internet geben, die ihre Kunden anmailen und den Kampf für eine gerechte Sache erläutern. Das freut mich und viele Kollegen: Bislang ist es so gut wie unmöglich gewesen, registrierte SCO-Entwickler zu befragen, was der Irrsinn soll, ein öffentliches Gut wie Wasser und Luft zu vereinnahmen und zu privatisieren. Was wird mit SCO? Das wird sicher auch am Montag nicht entschieden sein, doch Shakespeare hat das letzte Wort schon längst geschrieben:

Wir hören auf, was wir sind, zu sein
Bei schlechtem Spiel um ein erhofftes GlĂĽck
Und unser Ehrgeiz schafft uns stete Pein,
Nur Mängel im Besitz zeigt er dem Blick.

Neben den Mängeln im Besitz der Wahrheit sind es Mängel im Support, die zu unerquicklichen Erfahrungen führen können. Nehmen wir einmal den Fall von DirecTV, der Firma, die in den USA Programmierer mit Klagen und Schadensersatzforderungen überzieht, nur weil sie Lösungen entwickeln, in denen Smartcards eingesetzt werden. Jeder, sich mit Smartcards beschäftigt, führt Schlimmes im Schilde, meinte einst auch bei uns Dorothee Belz. In dieser Hinsicht sei den Wissenschaftlern in Darmstadt ein Humpen Mut spendiert, wenn sie sich in der Woche mit biometrischer Sicherheit und Smartcards beschäftigen.

Der letzte Freitag im Juli naht und so gehen wir daran, IHN zu feiern, den Herren der Server, den gnadenlosen Löscher aller Dateileichen und privatim gebastelten Nutzerkonten, IHN, den großen Systemadministrator. Bei all dem Macho-Gehabe dieser exzentrischen Berufsgruppe fragt sich niemand, ob die System-Administatorinnen mitfeiern. Schenken wir IHM also die richtige Actionfigur für seinen knochenharten Job -- und natürlich den Filmkanon für die viele Freizeit --> mit einer Mail an hal@heise.de. (Hal Faber) / (jk)