Was war. Was wird.
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen." Nein, das sagte nicht Hal Faber, auch wenn er vorbehaltlos zustimmt.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** "Wer nicht bei Tage gehen darf, schleicht bei Nacht,
und wie man dran kömmt, haben ist doch haben."
Es ist an diesem königlichen Geburtstags-Sonntag unschwer zu sehen, dass der Börsen-Flieger SCO sich weiterhin getreulich an Elisabeths Lieblingsdichter Shakespeare hält und anderswo erlittene Scharten auswetzt: Eine weitere, natürlich namentlich nicht genannte Firma hat eine Antidot-Lizenz erworben.und damit Halstead, Kansas, in die Nachrichten gebracht. Spannend bleibt nur noch die Frage, ob es Dörpen, Friesland, erwischt, wenn die Rechnungen an Firmen rausgehen, die per Suchmaschine gefunden wurden oder freimütig der Presse gestanden haben, was sie auf den Servern einsetzen. Vielleicht sollte man sich bei SCO weniger an Shakespeare halten, sondern ans andere Geburtstagskind, an Dame Edith Sitwell, die ihre Gedichte über die deutschen Bombardements von London per Megaphon vorlas: "Auf jeden Schwätzer einen Zitteraal und das Leben wird erträglich".
*** Bei all den Geburtstagen soll Pierre Ambroise Francois Choderlos de Laclos nicht vergessen werden, der am 5. September vor 200 Jahren starb, einer der Erfinder der Handgranate (boulets creux) und der Autor der "Liasions dangereuses", auf Deutsch erschienen als "Briefe in einer Gesellschaft gesammelt und in Druck gegeben zur Unterweisung einiger anderer". Ein bitterböses Buch, nicht nur in der Verfilmung von Stephen Frears, das jede Liebe zur Kosten-Nutzen-Kalkulation herababstuft und 1782 den Absturz des französischen Adels vorhersagte. Heute ist der Absturz nicht minder raffiniert, wenn rollernde amerikanische Touristen bei Fragen zur Boulette beim nächsten McDonalds enden.
*** Mitunter gibt es Nachrichten und Nicht-Nachrichten, die zusammen gehören, doch nicht zusammen wachsen. Für schlappe 46 Millionen Dollar stattet Microsoft 700 Schüler und ihre Lehrer in Philadelphia mit all der Technologie vom Tablet PC bis zum drahtlosen Netz aus, damit die Schüler effektiver lernen können. Einen Bruchteil dieser Summe würden Informatiklehrer kosten, die nicht nach fünf Jahren auf eBay zum Dumpingpreis verhökert werden müssen, wie die dann obsolete Einrichtung der Schule. Natürlich gibt es bescheidenere Projekte als 46 Millionen pro Schule auszugeben, aber das ist ja eine Nicht-Nachricht. Was bleibt, ist das Warten auf einen Benchmark, der den Gewinn aus Schulvernetzungem im Verhältnis zur eingesetzten Technik messen kann.
*** Apropos eBay: Der Lackmus-Test auf die Warentauglichkeit von regulär gekauften Musikdateien wurde gestoppt, zu gefährlich hätte der Präzedenzfall werden können. Der Beteuerung, dass die Ware nicht über das Internet geliefert wird, schenkte man bei eBay keinen Glauben. Auch hier ist die Nicht-Nachricht mitzudenken, nach der die RIAA eine Art Gnadenakt für Dateitauscher gewährt, wenn diese ihrem Schuldeingeständnis einen gültigen Identifikationsnachweis beifügen: Pardon wird nicht gegeben, schließlich ist Kopieristan ein wildes, unbezähmbares Land. Dabei sind putzige Modelle denkbar, etwa die Rückgabe einer Un-CD nur mit Ausweis zu gestatten. Was ist Inpol-neu gegen die Datei aller Musikfans? Übrigens: Wer nach dem WWWW der letzten Woche glaubt, anonym bleiben zu können, kennt das BKA nicht.
*** Was haben Flughäfen und Kleiderläden gemeinsam? In ihnen geht es turbulent zu. Passagiere wie Kleidungsstücke müssen schnell in einer Datenbank identifiziert sein. Mitunter krankt die Datenbank, wenn die Software schwächelt. Nach Tampa hat man auch in Boston die Erfahrung gemacht, dass die Gesichter der Bösewichter nicht von alleine Alarm schlagen können wie die RFID-Tags an Kleidungsstücken, die bei uns seit Jahren am Eingang von Modehäusern Laut geben. Nun lässt man die Tags der besseren Logistik halber in der Kleidung - und ist bald rechtzeitig informiert, wenn Träger oder Trägerin wiederkommen, um sich Passendes zu suchen.
*** Unter der Schlagzeile "Die Zukunft ist offen" startet in den USA die bisher größte und teuerste weltweite Werbekampagne für Linux. Finanziert von IBM, gedreht vom Star-Werbefilmer Joe Pytka, wird in dem 90 Sekunden langen Spot ein Neunjähriger namens Linux gezeigt, der in rasendem Tempo von seinen Lehrern mit Wissen gefüttert wird. Zu den Lehrern gehören Muhammad Ali und Henry Lewis Gates, Experte für afroamerikanische Geschichte. Müssen wir uns so die Erziehung nach Auschwitz vorstellen, die mit dem nahen Geburtstag von Adorno in aller Munde ist, eine Erziehung in freier Konversation? Auf alle Fälle wird der Neunjährige salonfähig, ganz wie sein Vater. Bleibt nur die Frage, welche Lehrer in der europäischen Version des Werbespots zu sehen sind. Habermas, Beckenbauer und die Doktoren Klitschko & Klitschko? Es ist ein feiner Zug der Werbung, dass sie uns zu Fragen anregt, die sich einem deutschen Erfolgsautor nicht stellen. Anders gesagt: Die Zukunft ist offen - tauschen wir sie aus.
*** Tux ist also tot -- oder zumindest kommt er aufs Altenteil, vielleicht schreibt er ja seine Memoiren. In der realen Welt aber kehrt Ernsthaftigkeit ein, glaubt man den Marketiers. Aber was soll den kleinen Pinguin, der sanft daherwatschelnd eine ganze IT-Landschaft in Aufregung versetzte, ersetzen? Mein Name ist IBM, Linux IBMÂ ... vielleicht? Jede Firma blamiert sich eben, so gut sie kann.
Was wird.
Es ist gar nicht so lange her, dass die Bobos dieser Welt es ungemein wichtig fanden, auf der Fahrt durch Manhattan in Taxis zu sitzen, die mit dem Internet verbunden waren. Nun werden die Touch-Screens auf Weisung der Taxi-Kommission wieder ausgebaut. Sie waren einfach nur noch lästig. Doch was wäre ein Ende des Booms ohne den Anfang eines Neuen? Umgekehrt wird nämlich ein Riesengeschäft draus. Was gibt es Schöneres, als mit dem Browser den Kilometerstand seines Brausers zu kontrollieren? Die IAA öffnet in Frankfurt am Main ihre Pforten und schenkt uns vorab Schätze wie Das Cockpit als Schaltzentrale zwischen Auto und Gebäude. Am Cock-Pit taut der deutsche Mann auf, da darf der Werbefilmer Wim Wenders fabulieren, dass er sich eher an sein erstes Auto als an die erste Frau erinnert. Dann ist da noch der 4-fach Router, der die Blechkiste zum Car-a-WAN edelt, natürlich mit WiFi-Hotspot für alle Insassen. "I'm in love with my car", der olle Queen-Gröler, kommt dann natürlich als Stream in die Boom-Boxen der Porsche-Fimmler. Oder so.
Nach der IAA steht am 11.9. AAA ins Haus, die geballte Ladung von Adorno, Allende und Atta. Wer die Designer von Autospielen wie Grand Theft Auto schon immer geschmacklos fand, wird sich beruhigen können, dass dieses Level anscheinend noch unterboten werden kann. Wer immer glaubte, dass Allende ermordet wurde, wird erfahren können, dass es ein Selbstmord aus Verzweifelung war, ganz ohne CIA-Einmischung. Poblador, companero poblador: Wer nach dem Dauerfeuer der letzten Tages alles über den katholischen Juden Adorno weiß, darf heute Nacht beim Wettbewerb der Neuen Frankfurter Schule im Postponieren des Sich beteiligen: "Der unbändige Wille, Erster sein zu wollen, bürdet dem Ticker-Leser die schwere Aufgabe auf, im Angesicht der Leere des weltweiten Gewebes zu äußern sich."
Verweilen wir noch einmal kurz, ganz ohne den Drang, Erster zu sein: "Die Signatur des Zeitalters ist es, dass kein Mensch, ohne alle Ausnahme, sein Leben in einem einigermaßen durchsichtigen Sinn mehr selbst bestimmen kann." Am 11. September also, ausgerechnet, würde Theodor W. Adorno seinen hundersten Geburtstag feiern. Das Datum wird so auch zu einer Art Dialektik der Aufklärung, wenn auch nicht so, wie die Dummheiten der Meister aller Verschwörungstheoretiker und die Anti-Veröffentlichungstiraden ihrer Antipoden uns gerne glauben machen möchten: "Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen." Das beschädigte Leben aber scheint den Meisten nicht genug Zeit oder Raum zum klaren Denken zu lassen. "Aber das Verhältnis von Leben und Produktion, das jenes real herabsetzt zur ephemeren Erscheinung von dieser, ist vollendet widersinning. Mittel und Zweck werden vertauscht. Noch ist die Ahnung des aberwitzigen quid pro quo aus dem Leben nicht gänzlich ausgemerzt. Das reduzierte und degradierte Wesen sträubt sich zäh gegen seine Verzauberung in Fassade." Die Kritik an der Zivilisation aber und das Festhalten an ihrer Negativität wird hoffentlich wieder modern werden in einer Zeit, in der angesichts tribalistischer und fundamentalistischer Gewalt die westliche Zivilisation als das Ein und Alles, als die Insel der Seligen propagiert wird. "Der Bürger aber ist tolerant. Seine Liebe zu den Leuten, wie sie sind, entspringt dem Hass gegen den richtigen Menschen." (Hal Faber) / (jk)