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Was war. Was wird.

Nun geht es den Render-Farmen von DreamWorks an den Kragen. Ob ohne angeblich geklauten Code bessere Filme produziert werden? Die Wachowskis wollten die Frage nicht beantworten, bedauert der gekaufte Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Die Matrix hat sich vollendet, die Welt fällt in Finsternis zurück, die Kritiker ins Stammeln. Der Hacker Neo/One hat sein letztes Gefecht geschlagen. Das Programm Agent Smith hat den berüchtigten "Mensch"-Virus erwischt und der Gang der Dinge zwingt die Hardware zum ältesten Computerprogramm überhaupt: Krieg. Die Sprache des Films kann nur verstanden werden, "wenn sie als Indikator eines Hypertextes mit harten Steuerbefehlen, weichen Links und erlesenen Passwords genommen wird, durch den sich die Akteure über das jeweilige Interface der Macht, Illusion oder Freiheit verbinden, trennen, beeinflussen, behindern oder fördern." ^H^H^arte Befehle, erlesene Passwords. Die Macht der Interfaces sei mit dir, Hacker, denn das Kopfgeld ist gesetzt. Revolutions ist der letzte Ausläufer der Cyberpunks, deren Tage gezählt sind. Natürlich geht es weiter, das weiß nicht nur das kleine indische Mädchen. In Bangalore geht es immer weiter.

*** Die Cyberpunks und Cyborgs sind passé. Nehmen wir nur Donna Haraway, die große Prophetin des Cyborg Manifesto. Wie sieht bei ihr heute das Bild des Signifikant Anderen aus? Der Hund, nicht der Hacker ist der Fortschritt aller Biosozialität. Das Companion Spezies Manifesto ist angesagt. Technokulturelle Hundewelten werden kommen, und die Gebrüder Wachowski machen den nächsten Dreiteiler: Lassie. Erste Bilder vom Set lassen aufhorchen. Hunde, wollt ihr ewig leben?!

*** Doch was ist schon die Matrix, was kann der Herr der Ringe gegen die SCO Group ausrichten, die beharrlich weiter am postmodernen Western "Spiel mir das Lied vom FUD" werkelt. Nach einem Report der Zeitschrift Fortune geht es jetzt auf Hollywood los. Schließlich werkeln in den Render-Farmen von DreamWorks oder Digital Domain Tonnen von Linux-Servern, um die tollen Szenen auszurechnen. Und SCO "ist die Firma, die das Coypright an Unix hält, das Linux inspirierte" heißt es im Blatt, als ob es niemals Minix und einen sturen Informatik-Lehrer namens Tanenbaum gegeben habe. Interessant ist dabei vor allem der Begriff Inspiration, den man gemeinhin als Einhauchung zu übersetzen pflegt. Es ist Irrsinn und hat doch seit Shakespeare Methode: "Wie treffend ihre Antworten sind! Das ist ein Glück, dass die Tollheit oft hat, womit es der Vernunft und dem gesunden Sinne nicht so gut gelingen könnte." So liest Hollywood die Bedrohung "zwischen den Zeilen" wie in einem schlechten Mafia-Film, während IBM am liebsten konkrete Beweise lesen möchte.

*** Der Mensch im Hund sagt mir, dass Tollheit überall anzutreffen ist. Nehmen wir nur die verärgerten Reaktionen der GNU-Gemeinde, die in Microsofts Ankündigung von RMS eine Provokation des heiligen IGNUtius RMS sehen. Dabei ist RMS Next Generation längst unter uns und düdeln herum. Wie RMS ist auch das Kürzel Billg berühmt, steht es doch für Bill Gates, aber auch für die Bürgerinitiative Lebensraum Landstraßer Gürtel.

*** In der letzten Woche standen an dieser Stelle einige Sätze über den CDU-Bundestagsabgeordneten Hohmann. Hohmann hat Freunde, wie es ein nur kurz gezeigter Brief bewies, den das ZDF-Magazin Frontal 21 ganz kurz im Bild hatte. Von diesem Fernsehbild abgeschrieben, reichte der Brief zur Entlassung des härtesten Generals aller Deutschen. Hohmann hat auch in diesem Fleck des Internet Freunde. Gehört Heise schon den Juden? fragten "unpolitische" Forumsteilnehmer, die nur IT kennen und die Juden gleich als "Herrenrasse" sahen. "Nichts, jedenfalls nichts Großes, Schweres, oder Verantwortung Beanspruchendes gehörte ihnen." Angesichts der geballten Absurditäten in manchen Foren-Postings zur Wochenschau der vergangenen Woche wird fast gar nichts außer ein bisschen Zynismus. Ja genau, wir sind alle von den Juden gekauft; Osama bin Laden ist ein von satanischen Sekten und den Freimaurern zur Zerstörung von god's own country gebauter Cyborg; die UNO hat im Verbund mit den Illuminaten die schwarzen Helikopter schon in Vorbereitung, die nur auf den Einsatzbefehl von Kofi Annan warten, um erst die US- dann die Weltherrrschaft zu übernehmen; die Weisen von Zion kreiseln -- nur für die Erleuchteten sichtbar -- unter der Reichtstagskuppel. So konstruiert sich ein jeder seinen eigenen Juden und bittet ihn zu Tisch, denn heute jährt sich zum 65. Mal die Reichskristallnacht, die natürlich kein aufrecht denkender Deutscher im Sinn hatte, hat und haben wird. Wird der Jude rausgekramt und hofiert, dann heißt er Friedman und darf den größten Schmonzes von sich geben, bis der letzte Ali in der Moschee eingetrudelt ist.

*** Für die Uneinsichtigen ein Wort der Klärung. Juden leben in Deutschland, immer noch. Sie sollten nicht mit Israelis und den Zuständen in Israel vermischt werden. Dort werden andere Koordinaten gesetzt, auch wenn es wohlbekannte Probleme gibt, die nicht verschwiegen werden können.

*** Bei allen Scherben von heute sollte das Andenken an Gottlob Frege nicht fehlen, der heute seinen 155 Geburtstag begehen könnte, wenn er den logischen Beweis seiner Existenz liefern würde. Aber auch gilt der Erkenntnisvorbehalt: Vor dem 1. Weltkrieg war er ein fortschrittlicher Denker, der sich mit Wittgenstein traf, danach wurde er zum rabiaten Antisemiten. Nur passt das nicht in das heile deutsche Bild des Logikers, dessen Judenhetze in den Tagebüchern gerne verschwiegen wird.

*** Ob ich taub geworden wäre und darob die Musiklinks im WWWW vergessen würde, donnerte eine erboste Leserfrage in die Inbox. Aber nicht doch. Was solln wir singen, den ganzen Tag, was solln wir singen, so ein Müll. Küblböck hat Platz 16 der 100 wichtigsten Deutschen aller Zeiten erobert. Heino ist auch dabei, nicht aber Brecht. Was also regt man sich über diesen 16. Platz auf, wenn Heine mit Hannawald, Nietzsche mit Nena, Kant mit Kohl um das Signum "Unseres Besten" wetteifert und Hegel sich zu Brecht gesellt?. Jede Nation hat die Besten, die sie verdient, oder so ähnlich, nicht wahr? Dann doch lieber Sheba, Sheba. Ach ja, "Sonny Bono ist tot", das ist schon mal ein guter Anfang eines Liedes, das in diesen Tagen immer bedrohlicher anschwillt. Eine ganze Branche geht bankrott, heißt es dann, und die andere Branche zahlt dabei drauf. Und die Musik? Sie kann am 50. Todestag von Dylan Thomas nur von einer kompatiblen Quelle kommen und nicht von einem Bub mit Hut.

Was wird.

Bleiben wir in der Vorgeschichte. Am 12. November vor 55 Jahren fand der erste westdeutsche Generalstreik statt. Er wird in den GeschichtsbĂĽchern, wenn ĂĽberhaupt, verharmlosend als Feiertagsstreik gefĂĽhrt. Ludwig Erhard saĂź die Sache unter aktiver amerikanischer Hilfe aus und beendete die Idee von der sozialen Marktwirtschaft, noch bevor die freie Marktwirtschaft von Politikern zur sozialen umgetauft wurde.

Der Blick nach vorn gilt natürlich der Computerbranche. Während in Gießen die Grenzen der Interaktivität ergründelt werden, rüstet sich viele Firmen zum Sturm auf Las Vegas. Die Traditionsmesse Comdex verfällt, doch mehrere Messen sorgen für Ausgleich und Abwechslung. So dreht sich auf der Apachecon alles um einen bekannten Webserver. Dort war einst O'Reilly der Star, jetzt beschickt der Buchverlag die Comdex mit den glücklichen Gewinnern des ersten quelloffenen Catwalks. Zur Comdex gibt es eine Gegenmesse, auf der die SCO Group mit einer Keynote zum Thema "There's No Free Lunch -- Or Free Linux" brillieren will. Natürlich ist dies ein kontroverses Thema, weshalb bereits Offene Briefe an den Moderator der Veranstaltung kursieren, bittschön die richtigen Fragen zu stellen. Da haben es die Keynoter der anderen Konferenzen, Doc Searls bei Apachecon und Bill Gates bei der Comdex, einfacher. Bill Gates hält übrigens seine 20. Keynote, verschiedene Frühjahres-Comdex-Messen mitgerechnet. Dazu wird eine CD mit allen Gates-Reden verkauft. Der Erlös soll für das Tigerhilfswerk bestimmt sein. An die Hunde denkt niemand. Wuff wuff. Wuff wuff. (Hal Faber) / (jk)