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Was war. Was wird.

Kein digitales Nervensystem hindert an ganz althergebrachten Ausreden. Und zum Mond wird man wieder mit veralteter Technik schippern, erweist sich die neue doch immer wieder als unzuverlässig, vermutet Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Bislang glaubte ich, die Kolonisierung des Mars mit AIDS-freien Menschen von einer Mondbasis aus sei die Idee eines verwirrten Präsidentschafts-Kandidaten. Nun ist es George W. Bush, der in dieser Woche eine menschenfeindliche Vision hatte. Während "Spirit" und "Opportunity" zeigen, dass die Zukunft der unbemannten Raumfahrt gehört, will Bush Menschen schicken, die im Stil eines Selbstmordkommandos draußen bleiben müssen. Man kann die Sache sportlich sehen, dann ist es beim Spielstand von 20:16 einfach Zeit, einmal einen ganz anderen Angriff zu starten. Wobei man hoffen darf, dass die Software diesmal nicht Kilometer und Meilen verwechselt oder Jahre und Tage im Computer vertauscht werden -- die IT-Branche wirds bedauern, dass ihre neuesten Errungenschaften wieder nicht zum Zuge kommen, erweisen sie sich doch immer wieder als reichlich unzuverlässig. Gute Geschäfte scheinen trotzdem garantiert, wird man doch wenigstens mal das ganze alte Zeug los.

*** Man kann sich der Sache freilich auch literarisch nähern, was heute, am 90. Geburtstag des großen Deutschen Arno Schmidt natürlich naheliegend ist. Seine Beschreibung des von Chinesen besiedelten Mare Crisium ist jedenfalls einer Vision vorzuziehen, die den Mond mit lauter tatendurstigen Super-Amerikanern bevölkert, die sich dann den Mars vorknöpfen. Für Arno Schmidt wiederum gilt sicher nicht Gottfried Benns Sottise "Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind, nennt man in Deutschland Seher." Ein armes Land, das Leute wie Schmidt kaum noch wahrnimmt, obwohl sie Weltbildern und was da sonst noch so anliegen mag weit mehr als nur sprachlich gewachsen sind. Man kann sich ja stattdessen mit der Vergesslichkeit und dem Wissen von 19-jährigen NSDAP-Mitgliedern herumschlagen. George W. Bush aber wäre besser aufgehoben beim Philosphieren im Heidedorf Ödingen als in der Stadt der Vergnügten, in die mittlerweile die halbe Welt strebt. "Nichts Niemand Nirgends Nie !"

*** Zugunsten von Präsident Bush nehme ich an, dass nicht Lyndon LaRouche sein Inspirator ist, sondern Dan Quayle, der Vizepräsident unter Bush senior. Diesem Danny Quayle hat die SciFi-Autorin Pamela Sargent das preisgekrönte Stück Danny goes to Mars auf den Leib geschrieben: Der belächelte Vizepräsident Quayle zeigt, dass in jedem Amerikaner ein harter Kämpfer steckt. Am Ende sind die Profis tot und der Vizepräsident der einzige Überlebende. "-- Niemand Nirgends Nie": Kaff, über-All.

*** Mycroft Holmes IV, kurz Mike genannt, ist der Computer, der auf dem Mond das Sagen hat, jedenfalls bei Robert A. Heinlein. Anders als mein Vetter Hal macht Mike mit den Mondmenschen gemeine Sache und sie setzen sich von der fiesen Erde ab. Die Unabhängigkeitserklärung der Loonies "There ain't no such thing as a free lunch" ist aus der hohen Literatur inzwischen in den Alltag übergewechselt. Ja, wirklich: Die Sache mit dem Free Lunch gehört zu den Lieblingssätzen von Darl McBride, Manager einer seltsamen Firma. Bislang glaubte ich, dass die Rede vom Digital Nervous System amerikanischer Firmen mindestens bedeutet, dass die Vorstände einer Firma im Notfall in wenigen Stunden benachrichtigt werden können. Wie frohlockt Bill Gates zum DNS: "Verabredungen sind nicht mehr nötig. Die Details für ein virtuelles Treffen können jederzeit in Echtzeit minutenschnell ausgehandelt werden". Nur nicht bei der SCO Group. Im Zeitalter des AlwaysOn müssen wir jedoch nach "Tibbetts Beichte" lernen, dass es Firmen wie SCO gibt, bei denen Vorstände tagelang nicht erreichbar sind, bei denen in den Ferien der ganze Laden in Totenstarre fällt und selbst die Webpräsenz ruckelt. Was SCO anbelangt, so konnte man dieser Woche noch lernen, dass die Suche nach Untaten von IBM mangels Software schief ging, Novell mehr Rechte hat als gedacht und die Firma voller Risiken steckt, die schwer abschätzbar sind. Nun taucht die Firma im deutschen Zentralverband der Digitalen Wirtschaft auf, um in Deutschland ihre Ansichten in geschlossener Vereinsgesellschaft verbreiten zu können. Schon Shakespeare kannte die Taktik: "Wer nicht bei Tage gehen darf, schleicht bei Nacht, Und wie man dran kömmt, haben ist doch haben."

*** Über das Haben freuen können sich die Firmen im gegnerischen Lager, die bei dem künftigen Oscar, dem Hugo oder dem Bambi der Open Source mitgemacht haben. Die Preisverleihung letzte Woche war nicht glamourös und wahrscheinlich guckte wirklich kein Schwein, aber der Anfang ist gemacht, die Gewinner sind berauscht. Bei so viel Freude über neue Software wird man leichten Herzens die verabschieden, die abgeschaltet wird. Leichten Herzens? "Das Internet, für das dieses Programm geschrieben wurde, gibt es nicht mehr."

*** Wo überall im Netz Verbotsschilder stehen und Missetäter sich anzeigen, nimmt es nicht Wunder, dass die Verbote in die Sprache wandern. Weh dem die Rache der SCO Group, der aus der Skotomisation eine SCOtomisation macht. Photoshoppen, so lustig es auch ist, darf man nicht. Verboten ist das Wort und schändlicher noch die Taten. Wer die im letzten Focus abgebildeten algerischen Asyslbewerber scannt und die dort negativ gedruckten Bilder photoshoppt, macht sich strafbar, nicht der Bildredakteur, der schlichten Gemüts ein Negativ als verschlüsseltes Bild definiert. Überhaupt, die Bilder: Mit einer Instamatic fing bei mir die Knippserei an, die Kodak nunmehr einstellt. Bald muss man sich die Kameras wieder aus Pappe ausschneiden, wenn man nicht Material für das Fotoschoppen sammelt.

*** Aus und vorbei heißt es für das traditionsreiche Zeichentrickstudio von Disney in Orlando, wo man 1928 mit Steamboat Willie begann. 2D ist tot, Computer sind einfach die besseren Zeichner, heißt es nun, doch ist diese schöne Kunst am Schluss an grausam schlechten Drehbüchern gestorben. Das Geburtstagskind von gestern, Popeye, hat es auf den Punkt gebracht: "They ain't no myskery to life-ya gits borned, an' tha' all they is to it !" Der Abschied von Bambi gibt mir immerhin Gelegenheit, an den Anfang zu erinnern. Heute vor 225 Jahren wurde Peter Mark Roget geboren, der in der englischen Welt mit einem Thesaurus verewigt wurde. Roget war es, der nach Experimenten die maximale Reaktionszeit der menschlichen Retina mit 1/16 Sekunde berechnete und damit Stampfer und Uchatius auf den richtigen Weg brachte.

*** Mit Cary Grant, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, könnte man an eine andere große Zeit des Kinos erinnern, die ebenfalls zu Ende gegangen ist -- oder an den Erfinder einer Diät aus LSD und Margarine, die Archibald Alexander Leach über manche Klippe half. Und während sein größter Film in unseren Köpfen abgespult wird, darf die Musik nicht fehlen, die Bernhard Herrmann komponierte. Popeye, Cary Grant und Bernhard Herrmann, sie alle schmelzen vor dem "Konzert der Konzerte", das heute vor 60 Jahren in der ChevronTexaco Opera stattfand. Früher, als Opernhäuser und Stadien noch nicht käuflich waren, wurde sie Metropolitan Opera oder auch Met genannt. Hier traten in der First Esquire Jam Session Armstrong, Bailey, Bigard, Casey, Catlett, Tommy und Jimmy Dorsey, Eldridge, Goodman, Hampton, Hawkins, Holiday, Krupa, Norvo, Pettiford, Tatum und Teargarden auf, die komplette Elite des Jazz. Verträge mit verschiedenen Labels verhinderten sonst, dass diese Größen miteinander spielen konnten, doch war die Veranstaltung der schwarzen Studentenzeitschrift Esquire der Wohltätigkeit gewidmet und zeichnete über 600.000 Dollar an Kriegsanleihen. Noch herrschte der Recording Ban, darum landeten die meisten Mitschnitte dieses Konzertes als V-Discs an der Front, in Europa. Und schlugen Wurzeln.

Was wird.

Aus den hehren Sphären schöner Klänge schreckt spätestens am Dienstag ein Thema auf, das Kanzler Schröder nur noch mit dem Unwort M tituliert. In Straßburg tritt der Verkehrsausschuss des Europaparlaments zusammen und berät über die baldige Einführung einer PKW-Maut. Das ist eine Volkssteuer, die bei uns von Minister Clement in der abgelaufenen Woche freudig begrüßt wurde. Die Vorlage des italienischen Christdemokraten Cocilovo enthält den Vorschlag, dass die PKW-Maut bald kommen soll. Die technisch fortschrittlichen Österreicher können sie mit ihren Billigboxen gar binnen eines Jahres realisieren. In Deutschland wartet man indes auf den nächsten mutigen Vorstoß von Toll Collect bei der LKW-Maut. Fakt ist: Wenn die PKW-Maut kommt, kann man den Unsinn mit den OBUs vergessen und gleich die flächendeckende Überwachung aller Teilnehmer einführen.

Was macht Minister Clement unterdessen? Richtig, er gibt den Homo Davosiensis, weil zu Davos das Weltwirtschaftsforum unter der Leitung von John Chambers und Bill Gates beginnt, die Frage von "Security and Prosperity" zu erörtern. Erstmals beschäftigen sich zwei Sitzungstracks mit Open Source. Kanzler Schröder ist nicht dabei, er plattnert lieber: Am Mittwoch wird SAP-Gründer Hasso Plattner 60 Jahre alt. Die Superparty zum Geburtstag findet einen Monat später mit Schröderns und vielen Promis in Potsdam statt, von den Agenturen wird Plattner bereits als der "hemdsärmeligste Vertreter der IT-Industrie" gefeiert. Und die anderen haben nur T-Shirts an oder was? Bei solchem Überschwang bleibt mir nur noch übrig, an das Motto einer anderen kommenden Konferenz zu erinnern: Die Transmediale startet bald in Berlin und hat es auf den Punkt gebracht: "Get Brainwashed". Aber pronto? "Nichts Niemand Nirgends Nie !" (Hal Faber) / (jk)