Was war. Was wird.
Der eine setzt sich wegen eines prallgefĂĽllten Arbeitsspeichers zurĂĽck und macht halblang. Ein anderer verdoppelt sich. Und das Internet erbebte wie seit ĂĽber zwei Jahren nicht mehr, denn die Welt hat gesehen, wer wes Fleisches Kind ist.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Als ich klein war und das Fernsehen groß und wunderbar, da gab es die Bezaubernde Jeannie und eine sehr aufgeregte Diskussion darüber, ob der Bauchnabel des Flaschengeists gezeigt werden durfte. Natürlich nicht, der Nabel musste mit einem Schmuckstück entdramatisiert werden und wurde niemals freigeblinzelt. Hey, nette Titten müsste es heute eigentlich beiläufig heißen, wenn Janet Jackson ihre neuesten Brustpiercings zeigt, weil es halt Allahs Wille war, dass die Kleidung eine Fehlfunktion hatte. Aber nein, die Aufregung ist groß, die guten Sitten sind gefährdet und das Web erbebt noch heftiger als im September 2001. Aufgeregt auch die Mac-Lover, die sich an einen ziemlich lausigen Pepsi-Spot halten mussten, den, Ehre wem Ehre gebührt, ein Mac-Fan in die richtige Perspektive rückt. Der Rest ist Schweigen.
*** Anders als Janet Jackson hat sich DaimlerChrysler rechtzeitig von der Wirkung des geplanten Lingerie Bowl überzeugt und sich aus dem Projekt abseilen können. Andere wiederum durften sich zum Superbowl nicht hochseilen und konnten so nicht zeigen, wes Fleisches Kind sie sind. Dabei ist nacktes Fleisch ein Bringer. Das wissen die WWWW-Leser seit der Welt Weiten Wurst, jener herrlichen Assoziation an das bunte Internet. Die Welt ist eine Scheibe und happ, happ, weg ist sie. Jawohl, das ist ja das Traurige: Fleischerei Freese gewann für ihren Web-Auftritt dereinst den renommierten Webhammer desselben Handwerks, das in dieser Woche seine Zahlungsunfähigkeit meldete. Nicht mal einen Wurstzipfel haben sie mehr übrig, und dennoch wird im besten Internet-Stil weiter auf Best Practice im Handwerk gemacht.
*** Best Practice möchte auch Microsoft bieten, das beim aktuellen Viren-Rundgang auf die sinnige Idee gekommen ist, Viren per Poster zu bekämpfen. Denn nicht der Virus ist die Gefahr, sondern die Assoziationen und Gedanken, die er auslöst. Wirklich. Man nehme nur die MyDoom-Diskussion, die in der alternativen taz über den "politisch korrekten" Virus geführt wurde. Wobei es MyDoom einfach nur am politisch korrekten Start-Knopf für den politisch bewussten Computer mangelte: "Willst du dich an der großen Anti-Microsoft-Attacke beteiligen? Dann drücke jetzt auf 'Start'!" Es ist an der Zeit, dass Microsoft dieser Redaktion einen Stapel Poster schickt. Irgendwas sollten sie auch der NASA schicken. Wie muss sich Microsoft fühlen, wenn das Versagen eines Roboters auf dem Mars mit einem Hinweis auf Windows erklärt wird, wo halt das System instabil wird, wenn man den Arbeitsspeicher nicht in Schuss hält? Dabei arbeitet in den Mars-Spähern nicht einmal Windows, sondern ein Echtzeit-System von Wind River.
*** Bleiben wir bei dem heiklen Thema des Speicherüberlaufs. Unser aller Kanzler, geplagt von einem prallgefüllten Arbeitsspeicher, hat den Vorsitz der ruhmreichen deutschen Sozialdemokratie an Franz "Münte" Müntefering abgegeben. Schröder macht halblang, während andere sich verdoppeln. Ab sofort haben wir die Kanzler-Ich AG und den Münte-Papst, da werden die Räume eng, selbst für Deutschlands Musik-Minister Dietlinde. Politik erfordert es, dass endlich einmal der amerikanische Grundsatz all governments rest on opinion ernst genommen werde, hat der große Ernst Vollrath in seinem letzten Buch gefordert. Gehört haben ihn nur wenige. Am 30. Januar ist er gestorben.
*** Aus der Sicht der Netizen fand das politische Ereignis der Woche ohnehin anderswo statt. Was wurde nicht alles über Howard Dean geschrieben, der Dank einiger Blogger zum Star-Kandidaten wurde, natürlich nur in der Phantasie der Blogger, die Netz und Realität verwechseln. Immerhin sind mit der Niederlage von Howard Dean im beginnenden US-Wahlkampf die Allmachtsphantasien von sozialer Software gründlich gespült worden. Deanspace ist nicht mehr. Das große Lexikon der Internet-Krankheiten wird Deanspace unter Cyberschizophrenie einordnen, kurz vor der e-Thrombose.
*** Auch bei den Jubiläen fangen wir heute mit den ungesunden Sachen an. Heute vor 80 Jahren manifestierte sich der Fortschritt der Menschheit mit dem ersten Einsatz der Gaskammer, die als Innovation im humanen Strafvollzug gefeiert wurde. Vor 100 Jahren begann der russisch-japanische Krieg, in dem erstmals so wunderbare Sachen wie das Maschinengewehr zum Einsatz kamen und der moderne Stellungskrieg erfunden wurde. Vor 30 Jahren starb der Schweizer Astrophysisker und letzte Renaissancemensch Ernst Zwicky, dem wir neben der Milch in Tüten die schöne Idee verdanken, die Bahn der Sonne durch Beschuss so zu verändern, dass unser ganzes Sonnensystem sich auf die Haxen macht und in 2500 Jahren Alpha Centauri erreicht. Alles ganz wissenschaftlich, bis auf den Umstand, dass die URLs erst in 40 Jahren funktionieren werden. Zwicky ließ sich "Das dümmste Volk" urheberrechtlich schützen im Versuch, dass keiner mehr die Schweizer als das dümmste Volk der Welt bezeichnen könnte. Vergleicht man die deutsche und die gerade wieder von Fela und Thales vorgestellte schweizerische LKW-Maut, dürfte bei uns niemand solche bösen Sachen sagen.
*** Deutschland, das Volk der Dichter-Berater und Denker-Berater hat heute das Glück, sich über den Geburtstag des großen Philosophen Ludwig Marcuse zu freuen. Zeit seines Lebens beschäftigte sich der atheistische Jude mit dem Streben nach Glück, das er zu unterschiedlichen Lebenszeiten im Opiumrausch, im Sex und in der Philosophie fand. Mit Vergnügen hat Marcuse über das amerikanische Have Fun geschrieben, das "Ja, ich bin Linus. Ja, ich bin euer Gott" seinen Jüngern entgegenschleuderte. Mit Hochachtung hat Marcuse über Jeffersons Pursuit of Happiness geschrieben, das in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung einprogrammiert ist. Nur die Nazguls der SCO Group können das nicht hinnehmen und lesen aus dem Glück ein Recht auf Profit heraus. Im neuesten Waffengang gegen IBM suchen sie ihre berüchtigten Beweise nun in einem Report von IBM-Chef Palmisano, während IBM scheinbar doofe Fragen stellt. Wie kommt es, dass SCO ohne Code-Review den Firmen Hewlett Packard und Sun Microsystems attestieren kann, keine Rechte an Unix zu verletzten. Über die neueste Volte, eine Copyright-Klage gegen IBM zu reiten, wenn das Copyright im Streit mit Novell noch geklärt werden muss, hat schon Shakespeare geurteilt: "Mangel lockt zum Meineid."
Was wird.
"Der Glückseligkeit bedürftig, ihrer auch würdig, dennoch aber derselben nicht teilhaftig zu sein, kann mit dem vollkommenen Wollen eines vernünftigen Wesens, welches zugleich alle Gewalt hätte, wenn wir uns auch ein solches zum Versuche denken, gar nicht bestehen." Vor zweihundert Jahren, am 12. Februar 1804 starb Immanuel Kant. Er machte Gott, "dem vernünftigen Wesen, welches alle Gewalt hätte" den Garaus und wollte die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien. Unter den Computer-Pionieren ist Kant zwischen Bill "vi" Joy und Brian "C" Kernigham eingeklemmt, ein Vierkantschlüssel der rationalen Vernunft, ein Denker eines gottfreien Europas, wie es ein französischer Minister formulieren kann, während sich sein deutsches Pendant der Elite-Eukolie hingibt. Dann lieber Kant, mit Diener Lampe und allen Konsequenzen.
Wenn Philosophen fragen, was der Mensch ist, hilft die Antwort der Informatiker nicht weiter: Sie erkennen im praktischen Einsatz einen Zellhaufen mit besonders markanten Partien an den Pfoten, im Gesicht und den Augenhintergründen. Kantianisch gesprochen ist solchermaßen die Frage nach dem Mensch an sich mit der Frage nach der besten Technik für den Pass beantwortet. Nippel-Ringe sind da wirklich völlig überflüssig. (Hal Faber) / (anw)