Fotojahr 2025: Wie sich die Fotografie weiterentwickelt – ohne radikalen Umbruch
Seite 4: Objektive
Lang, länger, Supertele-Zooms: Brennweiten-Extreme auf dem Vormarsch
Das Bonmot, dass Brennweite nur durch Brennweite zu ersetzen ist, hat durch eine ganze Reihe neuer Supertele-Objektive im Jahr 2025 an Aktualität gewonnen. Genauer gesagt: Supertele-Zooms. Jenseits dieser Gemeinsamkeit zeigen sich doch allerhand Unterschiede bei den neuen Brennweiten-Boliden, wenngleich die Konzepte von Canon und Sony einander ähneln: Sowohl das FE 400–800 mm F6.3-8 G OSS von Sony als auch das Canon RF 200–800 mm F6.3-9 IS USM verzichten zugunsten von Handlichkeit und Preis auf Lichtstärke. Mit einem Preis zwischen 2.500 Euro (Canon) und 3.000 Euro (Sony) sowie einem Gewicht von zwei (Canon) bis zweieinhalb Kilogramm (Sony) dürfen beide 800-mm-Kandidaten noch als bezahl- und tragbar gelten.
Das gilt nur eingeschränkt für das unbestrittene Schwergewicht unter den Neuen: Sigmas 300–600 mm f/4 DG OS aus der Sports-Reihe kostet 7.000 Euro, wiegt knapp vier Kilo und verfügt dafür über eine durchgängige Lichtstärke von f/4. Es eignet sich somit beispielsweise für ambitionierte und zahlungskräftige Safarifotografen, die mit dem Gewicht und der Größe zurechtkommen.
In puncto Handlichkeit verfolgt OM System mit seinem MFT-Ansatz ohnehin einen eigenen Kurs. 2025 schickte der Hersteller das neue, überarbeitete M.Zuiko 100-400 mm F5.0-6.3 IS II ins Rennen, das am langen Ende ebenfalls einen kleinbildäquivalenten Bildwinkel von 800 mm bietet. Mit 1.120 Gramm Gewicht und einem Preis von 1.400 Euro reiht es sich unterhalb des Rekordhalters M.Zuiko Digital ED 150-600 mm F5.0-6.3 IS ein. Letzteres wiegt zwei Kilogramm und kostet 2.500 Euro, bietet dafür aber bereits kleinbildäquivalente 1.200 mm. Man darf gespannt sein, wie das Rennen um die längsten Brennweiten weitergeht. Am Ende müssen die „langen Tüten“ auch noch beherrschbar sein, idealerweise aus der Hand.
(Bild:Â Christine Bruns)
Was ist besser als f/2.8?
Na klar, f/2! Seit dem Herbst buhlen gleich zwei lichtstarke 200-mm-Festbrennweiten um die Gunst und den Geldbeutel von vor allem Porträt- und Sportfotografen: Zunächst brachte Sigma das 200-mm-F2-DG-OS-Objektiv in seiner Sports-Reihe auf den Markt und kurz darauf zog Laowa mit dem AF-2/200-mm-Objektiv nach. Die Laowa-Variante ist mit Preisen zwischen 2.000 und 2.300 Euro (je nach Anschluss) deutlich günstiger als das Sigma (3.500 Euro). Sie verzichtet jedoch auf einen Bildstabilisator. Außerdem ist das Sigma nur für L- und Sonys E-Mount erhältlich, das Laowa hingegen für E-, Nikon-Z- und Canon-EF-Bajonett. An dieser Stelle sei noch einmal darauf verwiesen, dass Canon das Vollformat-RF-Bajonett für Drittanbieter von AF-Objektiven nach wie vor verschlossen hält – dem Controlling mag das gefallen, der Fotografengemeinde eher nicht.
Canon sorgte mit seinem RF 45 mm f/1.2 für Schlagzeilen. Prestigeträchtige Lichtstärke, kompakt und leicht, dabei mit 500 Euro bezahlbar – dafür waren ein paar Kompromisse an anderer Stelle nötig. Erste Tests bemängelten die fehlende Randschärfe und die starken Farbsäume, attestierten dem Objektiv aber einen ganz eigenen Charakter und ein hervorragendes Freistellpotenzial.
Für Wirbel sorgten 2025 auch zwei f/2.8-Zooms: Sonys FE 50–150 mm F2 GM richtet sich mit einem Preis von 4.400 Euro vor allem an Profis, und das nicht nur im Hochzeits- und Porträtbereich. Mit seinem Brennweitenbereich macht es alteingesessenen Favoriten wie dem 2,8/70–200 Konkurrenz und hat das Potenzial, gleich mehrere Objektive zu ersetzen.
Eine weitere Neuankündigung kam von OM System: Mit dem M.Zuiko Digital ED 50–200 mm F2.8 IS PRO (3.500 Euro) präsentierten die MFT-Spezialisten eine kompakte, lichtstarke und wetterfeste Variante im beliebten Kleinbildäquivalent-Brennweitenbereich von 100 bis 400 mm. Verständlicherweise tropfte manchem MFT-Fotografen sofort das Wasser im Mund zusammen.
Nach längerer Pause meldete sich Zeiss mit zwei neuen manuell fokussierten Festbrennweiten klassischer Provenienz zurück. Die beiden Otus-Linsen ML 1,4/50 mm und 1,4/85 mm sind für Sony-, Canon- und Nikon-Spiegellose erhältlich und kosten 2.500 oder 2.800 Euro.
(Bild:Â Zeiss)
Chinesische Objektivhersteller mit Produkt-Feuerwerk
Am anderen Ende der Preisskala erweitern chinesische Objektivhersteller praktisch jeden Monat ihre Produktpalette um erschwingliche Festbrennweiten mit manuellem Fokus. Spätestens im Zuge der Fotomesse P&E in Peking im Mai häuften sich jedoch auch die Ankündigungen von Autofokus-Objektiven. Eine Auswahl: 7Artisans präsentierte ein 1,8/85 mm und ein 1,8/24 mm, Viltrox ein 1,4/50 mm und ein 1,4/85 mm, jeweils für Sony-Bajonett. TTArtisan stellte das lichtstarke APS-C-Tilt-Objektiv 35 mm F1.4 vor und Laowa brachte unter anderem ein 180-mm-Makroobjektiv mit Autofokus auf den Markt. Auch die Anzahl an Cine-Objektiven wächst rasant. Kein Wunder, denn allein der Inlandsmarkt ist riesig. Laut den Branchenkennzahlen der CIPA war China im Jahr 2024 der weltweit größte Absatzmarkt für japanische Kameras und Objektive, mit einem Zuwachs von rund 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Sigma auf Rekordjagd
Richtig viel los war 2025 bei Sigma: „Sigma bringt schneller neue Objektive heraus, als man Geld verdienen kann, um sie zu kaufen“, seufzte ein Fotograf in einem Online-Forum. Bei insgesamt zwei Dutzend Objektiv-Premieren blieb Sigma der bewährten Mischung aus lichtstarken Festbrennweiten und universellen Zooms treu. Für APS-C-Sensoren wurden Festbrennweiten mit 12 mm, 16 mm und 23 mm vorgestellt, jeweils mit einer Lichtstärke von f/1,4 (was 18 mm, 24 mm oder 35 mm im Kleinbildäquivalent entspricht). Die Preise für die Objektive der Contemporary-Reihe liegen zwischen 440 und 600 Euro. Mit dem 17–40 mm F1.8 DC Art legte Sigma zudem ein vielseitiges Standardzoom für APS-C-Kameras vor (1.000 Euro). Das 730 Euro teure 16-300 mm F3.5-6.7 DC OS hingegen punktet mit einem mehr als 18-fachen Zoombereich.
Der Vollformat-Bereich wuchs neben den bereits erwähnten 4/300-600- und 2/200-Teleobjektiven aus der Sports-Serie um zwei Art-Festbrennweiten. Das „Bokeh-Monster“ 135 mm F1.4 DG für 1.900 Euro ist das weltweit erste derart lichtstarke 135-mm-AF-Objektiv. Modellpflege betrieb Sigma beim 35 mm F1,2 DG II (1.500 Euro): Die überarbeitete zweite Auflage der beliebten Reportage-Brennweite ist rund ein Drittel leichter und etwa 20 Prozent kürzer als das Vorgängermodell. Außerdem wurde ein flexibles, vollformatiges Contemporary-Superzoom mit ungewöhnlichem Ultraweitwinkelbereich (20–200 mm F3.5–6.3 DG) und einem Preis von 900 Euro ins Produktportfolio aufgenommen.
(Bild:Â Sigma)
Vorbestellen statt im Laden mitnehmen
Dann ließ eine Pressemitteilung zum 14 mm F1.4 DG Art aufhorchen. Sigma hatte das Objektiv zwar schon Mitte 2023 vorgestellt, es gab aber seither erhebliche Lieferprobleme. Nun ändert Sigma nicht nur den Namen, das äußere Design und die Verpackung des lichtstarken Ultraweitwinkels, sondern auch den Preis und die Vertriebsmethode. Künftig soll das Objektiv 1.700 Euro kosten, also 100 Euro mehr als zuvor. Zudem wird es nur noch auf Vorbestellung erhältlich sein. Bestellungen werden für einen begrenzten Zeitraum angenommen und zu einem späteren Zeitpunkt versandt. Offenbar plant Sigma, das vor allem bei Astrofotografen beliebte Objektiv nur noch einmal pro Jahr in der benötigten Stückzahl zu produzieren. Nur wer vorbestellt, hat ein Exemplar sicher.
Da sich nicht nur Sigma mit Lieferverzögerungen herumschlägt, stellt sich die Frage, ob diese Vorgehensweise ein Fingerzeig dafür ist, was Fotografen und Fotografinnen künftig auch bei anderen Herstellern erwartet. Man könnte es auch positiv formulieren: Beide Seiten gewinnen an Planungssicherheit, sofern die angekündigten Liefertermine tatsächlich eingehalten werden. Andererseits könnte man sagen: Funktionierende Produktions- und Lieferketten sehen anders aus.