Fotojahr 2025: Wie sich die Fotografie weiterentwickelt – ohne radikalen Umbruch

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Aus und vorbei: Kurz vor Weihnachten erhielten die Abonnenten die 84. und letzte Ausgabe des Fotomagazins „Fine Art Printer“; auch das E-Paper/PDF wurde eingestellt. Das Magazin erschien seit 2005 und beschäftigte sich in vier jährlichen Ausgaben mit „qualitätsorientierter Fotografie von der Aufnahme bis zum Druck und der Präsentation“. Die Macher um Hermann Will und Roberto Casavecchia haben unter photocampus.eu einen Online-Fotoclub mit Webinaren, Videokursen, Workshops und Bildbesprechungen gestartet. Die Basisversion ist kostenfrei.

Menschen in Warteschlangen, Menschen an Stränden, Menschen beim Selfie, Menschen beim Schlafen, Menschen auf Messen. Wer einmal ein Foto von Martin Parr gesehen hat, blickt anders auf seine Umgebung. Der Brite war einer der eigenwilligsten Chronisten unserer Zeit. Seine Dokumentationen menschlicher Verhaltensweisen, bestehend aus scheinbar zufälligen Bildausschnitten aus dem Alltagsleben, sind vordergründig fast erschreckend farbenfroh und hintergründig grotesk bis schonungslos. Parr interpretierte die Dokumentarfotografie auf seine ganz eigene Weise: bunt, grell und verspielt, mit Ironie, Humor und Sozialkritik, die sich ins Empfinden der Betrachter schlichen.

Der Einsatz von direktem Blitzlicht (Aufsteckblitz mit Diffusor oder Ringblitz) und die oft beunruhigende Nähe zum Motiv zeichneten seinen markanten Bildstil aus – der Wiedererkennungswert ist enorm. Manche feierten Parr für seine Objektivität und sahen in ihm einen brillanten Satiriker, andere warfen ihm Voyeurismus vor. „Ich erwarte nie, dass Fotografie irgendetwas verändert“, sagte er im Februar 2025 in einem Interview mit dem „Guardian“. Dafür haben seine Aufnahmen viele Diskussionen angestoßen. Ende November ist Martin Parr im Alter von 73 Jahren gestorben. Unser Film-Tipp: „I Am Martin Parr“, die Dokumentation von Lee Shulman aus dem Jahr 2024.

Mit Martin Parr ist am 6. Dezember 2025 einer der prägendsten Fotografen des Vereinigten Königreichs gestorben.

(Bild: Raph_PH, CC BY 2.0)

Es war Schockwerbung im Wortsinn: In den 1980er-Jahren tauchten in den Innenstädten plakatwandgroße Skandalfotos auf. Zu sehen waren einander küssende Priester und Nonnen. Ein blutverschmiertes Hemd mit Einschussloch, bunte Kondome, Kinder unterschiedlicher Hautfarbe auf dem Töpfchen – dazu der Slogan „United Colors of Benetton“. Unabhängig davon, wie man zu den polarisierenden Motiven stand, kannte seit den kontroversen Kampagnen praktisch jeder die italienische Modemarke Benetton.

Fotograf Oliviero Toscani, der Kopf hinter den Kampagnen, hatte sein Ziel erreicht. Die provokanten Arbeiten für Benetton „prägten nicht nur die Welt der Werbung, sondern lösten globale Debatten über soziale und politische Themen aus“, schrieb der Art Directors Club für Deutschland in seinem Nachruf. Wer sich die Motive noch einmal anschauen möchte, findet eine Bildergalerie als Hommage an den im Januar 2025 verstorbenen Kreativkopf auf der Benetton-Website.

Lange Zeit standen Menschen im Mittelpunkt von Sebastião Salgados Fotografien: Menschen in afrikanischen Flüchtlingscamps, Arbeiter, die gegen brennende Ölquellen in Kuwait kämpfen, und Goldsucher in der Mine Serra Pelada. Mit seinen faszinierenden Schwarzweiß-Fotos öffnete der in Brasilien geborene und lange in Paris lebende Fotograf den Betrachtern zumindest vorübergehend ein Fenster zu unbekannten Teilen der Welt. Jahrelang dokumentierte er in Krisenregionen Not und Elend, Vertreibung und Flucht, Hunger und Umweltkatastrophen. Der Verzicht auf Farbe verstärkte die Wucht und Wirkung seiner Bilder. Im Spiel mit Gestaltung, Kontrast und Licht war Salgado ein Meister. Gelegentlich musste er sich den Vorwurf erwehren, Elend zu ästhetisieren. In einem Interview sagte er dazu zuletzt: „Warum sollte die arme Welt hässlicher sein als die reiche? Das Licht ist hier wie dort das gleiche. Die menschliche Würde ist hier wie dort die gleiche.“

Desillusioniert von dem, was er während seiner Arbeit im Kongo und in Ruanda gesehen hatte, kehrte er nach Brasilien zurück und widmete sich der Wiederaufforstung des einheimischen Küstenregenwalds auf der einstigen Rinderfarm seiner Eltern. 1998 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Lélia das gemeinnützige Instituto Terra. Die beiden registrierten die Farm als privates Naturschutzgebiet und begannen, ihr erworbenes Wissen über die Renaturierung ausgelaugter Agrarlandschaften weiterzugeben. Aus dem Naturfotografen war ein Naturschützer geworden. Der opulente Bildband „Genesis“ mit Naturaufnahmen und Porträts indigener Völker, der 2013 erschien, war Salgados Liebeserklärung an den Planeten. Im Mai 2025 starb Salgado im Alter von 81 Jahren in Paris. Das Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln zeigt noch bis Mitte März 2026 die Deutschlandpremiere der Ausstellung „Amazonia“. Film-Tipp: „Das Salz der Erde“, ein mehrfach preisgekröntes Doku-Porträt von Wim Wenders und Salgados Sohn Juliano Ribeiro aus dem Jahr 2014.

Der weltbekannte brasilianische Fotograf und engagierte Umweltaktivist SebastiĂŁo Salgado ist am 23. Mai 2025 im Alter von 81 Jahren in Paris verstorben.

(Bild: Taschen Verlag)

Auch der Chemnitzer Fotograf Thomas Billhardt widmete sich den Kriegs- und Krisengebieten der Welt. Seine Karriere begann im Jahr 1961, als die DDR-Jugendorganisation FDJ den damals noch studierenden Billhardt nach Kuba schickte, um dort zu fotografieren. Später arbeitete er als freischaffender Fotograf und prägte mit seinen Aufnahmen aus Ländern wie Mosambik, Angola, dem Libanon, Palästina, Nicaragua und der Sowjetunion über Jahrzehnte den Blick auf diese Regionen. Er reiste mit der Schriftstellerin Brigitte Reimann durch Sibirien, dokumentierte aber auch das DDR-Alltagsleben und hielt den „Bruderkuss” zwischen Honecker und Breschnew fotografisch fest.

Darüber hinaus arbeitete er viele Jahre lang mit dem Kinderhilfswerk UNICEF zusammen. 1988 waren seine Kinderporträts Bestandteil der UNICEF-Ausstellung „Kinder der Welt” in New York. International bekannt wurde er mit seinen Fotos aus dem Vietnamkrieg, darunter die Aufnahme eines Soldatenpaares, das Hand in Hand die Straße entlanggeht, Gewehre geschultert. Thomas Billhardt starb im Januar 2025 im Alter von 87 Jahren.