Opfer müssen gebracht werden (Teil 2)
Seite 3: Otto Lilienthal und die kopernikanische Wende in der Flugtechnik 1874
Die Jahre 1873/74 können als Geburtsstunde der Grundlagen des Menschenflugs bezeichnet werden. In seinem Vortrag von 1873 wies Lilienthal den Flügelbewegungen eines Vogels noch verschiedene Funktionen zu: Der Niederschlag hebt das Gewicht des Tieres, der Aufschlag treibt es vorwärts.
Diese Funktionsaufteilung gilt jedoch nicht für alle Vögel gleichermaßen. Störche z.B. fliegen stundenlang, ohne einen einzigen Flügel zu bewegen. Aber die Störche bewegen sich gleichmäßig in der sie umgebenden Luft. Diese gleichmäßige Bewegung galt es jetzt zu untersuchen. Dies war mit dem alten Schlagflügelmessgerät nicht mehr möglich. Die bereits bekannte Idee des Rotationsapparat griff Lilienthal auf, ohne deren Herkunft zu nennen, und entwickelte das Messgerät für seine speziellen Ansprüche weiter.
(Bild: Otto Lilienthal, „Der Vogelflug...“)
Mit Hilfe des neuen Apparates konnte Otto Lilienthal nachweisen, dass in Richtung der Luftströmung sich bewegende Flügel großen Auftrieb bei geringem Luftwiderstand lieferten und dass hierbei das gewölbte Flügelprofil der ebenen Platte überlegen ist. Und durch seine Experimente hat er festgestellt, dass zum Gesamtauftrieb des Flügels sowohl die Unter- als auch die Oberseite des Flügels beitragen. Diese Ergebnisse stellten einen Innovationssprung in der Flugphysik dar, der zum Bau herantragender Luftfahrzeuge führte.
Die Helmholtz-These
In einem 1893 verfassten Aufsatz griff Lilienthal die These Helmholtz´ aus dem Jahre 1873 noch einmal auf und setzte sich mit ihr polemisch auseinander: „Man hatte damals von Staatswegen durch eine gelehrte Comission gerade feststellen lassen, dass der Mensch ein für alle Mal nicht fliegen könne“.
Diese Äußerung ist voller Ironie. Seit 1891 führte Lilienthal seine Gleitflüge durch. Die Praxis habe somit die Helmholtzsche Theorie widerlegt. Lilienthals Satz beinhaltet die Siegespose des Praktikers über den unterlegenen Theoretiker. Allerdings nennt Lilienthal Helmholtz nicht namentlich. Er bleibt bei dem unbestimmten Wörtchen „man“.
Es ist bereits dargestellt worden, dass es 1873 nicht um die Frage ging, ob der Mensch jemals werde fliegen können, sondern ob der Mensch mit eigener Muskelkraft wird fliegen können. Diese Frage beantworteten Lilienthal und Helmholtz methodisch unterschiedlich, kamen aber zum selben Ergebnis. Und die damalige Behauptung hat bis heute Bestand, wenn man das damals der These zugrundeliegende Prinzip des Schlagflügelfluges berücksichtigt.
Weshalb also der späte unsachliche Seitenhieb auf Helmholtz? Die Ursachen hierfür liegen nicht in persönlichen Differenzen zu Helmholtz, sondern in einer weiter zurückliegenden allgemeinen persönlichen Kränkung. Helmholtz repräsentierte für Lilienthal die theoretische Wissenschaft, die im Gegensatz zu einer an der Praxis orientierten Ingenieurswissenschaft stand. Im Oktober 1867 begann Otto Lilienthal das Studium der Mechanik und Maschinenbaukunde an der Berliner Gewerbe-Akademie, Vorläuferin der Technischen Hochschule. Er erfuhr, dass dies Studium mit einem Universitätsstudium nicht gleichwertig sei, denn ein Stipendium, das er beantragte, wurde ihm mit dem Hinweis verwehrt, dass die Gewerbeakademie keine vollständige Universität sei. Diese erfahrene Kränkung war mit ein Antrieb für seine akribische Arbeit und der praktische Flug eine späte Genugtuung, es den universitären „Theoretikern“ gezeigt zu haben. Helmholtz nahm für Lilienthal nur die Rolle des willkommenen Prügelknaben ein. Sein später Seitenhieb auf Helmholtz ist zwar sachlich unbegründet, menschlich aber nachvollziehbar.
- Anlässlich seines Todestags am 10. August 1896 beleuchten wir in einer Artikelserie die künstlerisch-visionäre Seite von Otto Lilienthal. Der erste Teil über die Legendenbildung rund um eine Jugendanekdote ist bereits nachzulesen, der dritte und letzte Artikel erscheint am 16. August.
(hch)