Schule digital: Medien(bildungs)konzepte – ohne geht's nicht

Seite 2: Technisierung vs. Digitalisierung

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Wird digitale Technik jetzt in jedem Fach, in jeder Unterrichtssequenz zum alleinigen Maßstab? Tauschen wir von nun an Hausaufgaben ausschließlich über digitale Plattformen aus? Wird im Bereich der Individualisierung künstliche Intelligenz die Auswahl und Auswertung von Aufgaben übernehmen? Wird wirklich überall in der Schule alles nur noch mit dem digitalen Endgerät erledigt?

Digitalisierung wird in der öffentlichen Darstellung oft mit dem Einsatz von digitaler Technik gleichgesetzt. Digitalisierung bedeutet dabei lediglich: Möglichst viel in Schule technisieren. So legen es die meisten Bebilderungen von Digitalisierung in Schule nahe, auf denen Endgeräte mit stolzen Politiker:innen davor zu sehen sind.

Genau wie Informatik nicht gleichbedeutend mit "Programmieren" ist, wäre es verkürzt, Medienbildung lediglich durch den Einsatz digitaler Werkzeuge und Geräte in der Schule zu beschreiben. Das ist ein wichtiger Ausgangspunkt bei der Erstellung eines Medien(bildungs)konzeptes, weil er auch für Kritiker:innen in einer Schulgemeinschaft anschlussfähig ist.

An einem (dann doch gar nicht so) einfachen Beispiel versuche ich zunächst einmal, die inhaltlichen Dimensionen von Medienbildung aufzuzeigen.

WhatsApp ist ein beliebter Messengerdienst, dessen Stern nicht zuletzt durch die aktuellste Änderung der AGB öffentlich sinkt. Konkret geht um den erweiterten Zugriff der Konzernmutter Facebook auf bestimmte Daten, die bei der Nutzung von WhatsApp entstehen. Es gab nicht wenige Aufforderungen in unterschiedlichsten Medien, WhatsApp zugunsten anderer Messenger aufzugeben.

WhatsApp ist in der Pandemie durchaus von Lehrkräften für die Kommunikation mit ihren Lerngruppen verwendet worden. Das war pragmatischen Überlegungen geschuldet. Die Datenschutzproblematik ist evident.

Durch die Nutzung kam es nicht selten zu Entgrenzung von Arbeit und Freizeit: Bei WhatsApp wie auch bei Messengern allgemein gibt es bestimmte Erwartungshaltungen – zum Beispiel bezüglich der Reaktionszeiten. Wer nicht schnell genug reagiert, gerät gerne in Verdacht, das Anliegen des Gegenübers zu ignorieren. Das ist bei anderen Formen der Kommunikation nicht in dieser Ausprägung gegeben.

Durch Profil- und Sicherheitseinstellungen lässt sich das Problem entschärfen, etwa durch das Ausschalten der Lesebestätigung. Oder durch Disziplin: Geschaut wird nur zu festen Zeitpunkten am Tag.

Bei Verabredungen ermöglichen Messenger das unkomplizierte Verlegen von Zeiten oder Treffpunkten, verändern also zumindest im Freizeitbereich bei vielen Menschen die Wahrnehmung des Wertes "Pünktlichkeit".

WhatsApp-Klassengruppen sind oft Ausgangspunkt von Konflikten: Einerseits bietet rein schriftliche Kommunikation immer Raum für Missverständnisse, andererseits schreibt es sich oft leichter – übrigens ganz allgemein auf SocialMedia. Das Gleiche jemand direkt ins Gesicht zu sagen ist immer herausfordernder.

Viele Menschen sind über WhatsApp mit Menschen und Gruppen verbunden, die sie nicht von heute auf morgen aufgeben wollen oder gar können. Schließlich müssen die anderen Menschen dann sprichwörtlich zu einen anderen Messenger mitziehen. Manchmal fehlt es am Willen, manchmal an der Einsicht in die Notwendigkeit, gelegentlich an der technischen Kompetenz.

Auf den ersten Blick scheinen Messenger wie WhatsApp einfach nur eine Technik zu sein. Auf den zweiten prägen sie anderen Lebensbereiche wie unsere Art der Kommunikation mit. Sie erfordern andere Formen der Reflexion und die gesellschaftliche Aushandlung veränderter Normen. Das ist bei digitaler Technik oft der Fall – prominent zurzeit vor allem im Bereich des Datenschutzes. Beim Einsatz von adaptiver Lernsoftware geht es sehr schnell um ethische Fragen.

  • In der Grundschule wird oft darĂĽber gesprochen, wie man fair streitet. Man kann ĂĽber die Unterschiede zwischen einem Streit von Angesicht zu Angesicht und einem Streit ĂĽber Messenger sprechen.
  • Im Deutschunterricht der weiterfĂĽhrenden Schule spricht man ĂĽber Kommunikationsmodelle. Was von diesen Modellen lässt sich auch auf SocialMedia ĂĽbertragen und was gerade nicht?
  • Im Politik- und Geschichtsunterricht sind Privilegien einer sozialen Schicht oft Thema: Was hat das mit der Möglichkeit zu tun, sein soziales Netzwerk oder seinen Messenger frei wählen zu können?
  • Im Informatikunterricht wird ĂĽber Daten und Informationen gesprochen. Warum sind Nachrichteninhalte (Informationen) fĂĽr WhatsApp vielleicht gar nicht so relevant, Metadaten aber schon? Welches Anliegen steckt dahinter, Metadaten aus digitalen Kommunikationsprozessen zusammenfĂĽhren?
  • Welche sozialen Normen gibt es in der Messengerkommunikation? Welchem Wandel unterliegen diese? Welche Profileinstellungen gibt es in Messengern, wie komme ich daran und was bewirken bestimmte Einstellungen fĂĽr mich und meine Freunde?

Das Beispiel von WhatsApp beziehungsweise Messengern ist hier stellvertretend gewählt, um zu zeigen, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, über digitale Technik und ihre kulturellen Auswirkungen an einer Schule zu sprechen. Dafür wird diese Technik selbst gar nicht immer benötigt – wohl aber die persönliche Erfahrung mit ihr.