Schule digital: Medien(bildungs)konzepte – ohne geht's nicht
Seite 3: Erfahrung mit digitalen Werkzeugen ist Voraussetzung fĂĽr konzeptionelle Arbeit
Zu Anfang der Pandemie mussten Fortbildungen unkompliziert organisiert werden. Die Anmeldung zu einer meiner Veranstaltungen hatte ich über ein kollaboratives Tabellendokument organisiert. Die Teilnehmer:innen sollten sich vorab eintragen und Fragen formulieren. Es gab Teilnehmende, die die Eingaben nicht im Browser vorgenommen haben, sondern das Dokument nach langem Suchen über eine Schaltfläche herunterluden, es in ihrem Sinne veränderten und mir das Dokument dann wieder per E-Mail zusendeten. Es war für sie unvorstellbar, dass es die technische Möglichkeit gibt, mit mehrere Personen an einer Stelle im Internet am gleichen Dokument zu arbeiten.
Zwei Aspekte sind bei dieser Anekdote sehr wichtig:
Der erste Aspekt: Es ist absolut nicht zielführend, das auf die technische Inkompetenz der betroffenen Teilnehmenden zurückzuführen beziehungsweise ihnen das vorzuwerfen. Sie hatten vorher noch nie erfahren, dass so etwas überhaupt möglich ist. Sie kannten das Prinzip der lokalen Datei, nicht aber die erweiterten Möglichkeit eines Dokuments in einer Cloud.
Der zweite Aspekt: Auf der Fortbildung selbst konnte das nur deshalb reflektiert werden, weil ich auf die Haltung "Wo wart ihr die letzten 20 Jahre?" bewusst verzichtet habe. Wir haben auf der Fortbildung gemeinsam Ideen entwickelt, an welchen Stellen ein solches Dokument im Schulalltag sinnvoll genutzt werden könnte. Nachdem das Prinzip technisch verstanden war, erschien dieser Schritt dann klein. Die meisten Lehrkräfte haben sehr wohl Ideen, wie digitale Werkzeuge Unterricht bereichern und verändern können.
Technikerfahrung und Pragmatismus als Bausteine
Wenn deutlich wird, dass digitale Technik immer weitere Bereiche unseres Lebens mitprägt und wenn Erfahrungen mit digitalen Werkzeugen vorhanden sind, dann ist es viel eher möglich, konzeptionelle Arbeit im Bereich Medienbildung an einer Schule überhaupt in die wirkliche Umsetzung zu bringen.
Medienbildung bedeutet nicht, Schule zu technisieren. Medienbildung bedeutet, Schule an eine digitalisierte Gesellschaft und ihre veränderten Strukturen anzupassen.
Widerspruch klingt dann oft so: "Kinder sollen doch lieber Lesen und Schreiben lernen!" Unbedingt. Aber selbst grundlegende Fertigkeiten wie das Lesen verändern sich in einer digitalisierten Gesellschaft: Wenn Sie in einem Fachforum die Lösung für ihr Problem suchen, können Sie einen gesamten Diskussionsfaden durchlesen oder einfach von hinten anfangen, weil meist dort die gewünschte Information zu finden ist.
Wenn Sie die Qualität eines Wikipedia-Artikels einschätzen wollen, sind klassische Qualitätskriterien wie die Anzahl der Einzelnachweise nicht ausreichend. Da Texte in der Wikipedia ständigen (Weiter-)Entwicklungen unterliegen, sind bei der Beurteilung die Versionsgeschichte und die zugehörige Diskussionsseite mindestens ebenso wichtig – letztlich also Wissen, wie Texte auf Wikipedia entstehen.
Die Kunst besteht nun darin, einen inhaltlich-pädagogischen Anspruch mit den formalen Erfordernissen des Digitalpakts zusammenzubringen. Und das von der Förderschule bis hin zur beruflichen Bildung. Es braucht schließlich für den Digitalpakt ein niedergeschriebenes Konzept.