Der Kick fehlt
Harley-Davidson feiert 50 Jahre Electra Glide. Ihr Komfortplus war zunächst ihr elektrifizierter Starter. Danach hat Harley es konsequent "mit Gemütlichkeit probiert" und die Electra Glide über Generationen zu einem Wohnzimmer auf zwei Rädern ausgebaut, mit dem auch vollschlanke Amerikaner gern reisen
- Ingo Gach
Köln, 4. Mai 2015 – Nur wenige Motorrad-Baureihen können auf eine derartig lange Historie zurückblicken, wie die Harley-Davidson Electra Glide. Die Fans verehren sie als Kult-Bike und nennen sie liebevoll „King of the road“.
Sie ist eine Ikone auf zwei Rädern, ein Kreuzfahrtschiff auf dem Highway, eine rollende Couchgarnitur mit Dolby-Surround-Stereo. Die Rede ist von der Harley-Davidson Electra Glide, die ihr 50. Jubiläum feiert. Kein anderes Motorrad aus Milwaukee hat so die Firma so nachhaltig geprägt wie der komfortable Cruiser. Seit 1965 ist er im Modellprogramm von Harley-Davidson. Seine Bezeichnung verdankt er dem E-Starter, den er aus Harley-Davidsons Trike namens Servicar übernommen hat. Gleichwohl wurde der Kickstarter nicht eingespart wie bei der im gleichen Jahr als reines Behördenkrad vorgestellten Moto Guzzi V7.
Der Kick fehlt (11 Bilder)

(Bild: Hersteller (alle))
Eigentlich war es eine Duo Glide, die nicht mehr per Kickstarter zum Leben erweckt werden musste, was bei den Käufern offensichtlich gut ankam: scharenweise rannten sie den Händlern die Läden ein. Von Beginn an zeichnete sich die Electra Glide durch hohen Komfort aus: ein voluminöses Sitzkissen, breiter Lenker, Trittbretter für die Boots und Packtaschen gehörten zur Serienausstattung. Ganz wichtig war aber dem Hersteller, dass die Electra Glide über ein 12-Volt-Bordnetz verfügte, was Mitte der Sechziger Jahre auch für Autos noch keine Selbstverständlichkeit war.
Wenig Leistung fĂĽrs Gewicht
Der sogenannte „Panhead“-V2 wurde bereits seit 18 Jahren gebaut und kitzelte aus 1208 Kubikzentimetern gerade mal 54 PS heraus. Er hatte seine liebe Not, das 320 Kilogramm schwere Motorrad zu bewegen. Deshalb griff Harley bereits im zweiten Baujahr zur nächsten Evolutionsstufe, dem „Shovelhead“-Motor. Natürlich behielt er den klassischen 45-Grad-Zylinderwinkel bei und auch der Hubraum blieb identisch, besaß jedoch einen geänderten Ventiltrieb und rund zehn Prozent mehr Leistung. Ab 1969 gab es die Electra Glide dann mit einer lenkerfesten Verkleidung, der sogenannten „Batwing“, um Fahrer und Sozia vor dem Fahrtwind zu schützen. Zunächst war diese noch abnehmbar, als die Instrumente einige Jahre später auf den Tank wanderten, wurde sie fest installiert. 1972 erhielt die Electra Glide zum ersten Mal eine Scheibenbremse am Vorderrad, was das schwere Gerät wesentlich sicherer machte.
Harley-Davidson litt aber zunehmend unter der schlechten Qualität seiner Produkte, sogar die US-Polizei wechselte zu Beginn der 1970er Jahre in manchen Bundesstaaten auf ausländische Motorräder. Motorschäden, Rost und Fahrwerksschwächen wurden den Twins aus Milwaukee zu Recht angekreidet, dazu kamen noch hohe Preise.