Der letzte Schliff
Wenn man den letzten Schliff weglässt, kann man mit viel weniger Ressourcen auch ein Fahrzeug anbieten. Hyosung tut genau das mit der GD 250i. Sie sieht cool aus, fährt super und ist bezahlbar
Stuttgart, 27. Mai 2015 – Der italienische Ökonom Vilfredo Pareto prägte die Faustregel "80 zu 20": 80 Prozent der Ergebnisse eines Projekts erreicht man mit 20 Prozent der aufzuwendenden Arbeit. Die verbleibenden 20 Prozent benötigen dann 80 Prozent der Projektarbeit. Der letzte Schliff kostet immer einen Haufen Ressourcen, das stellt jeder Mensch fest, der zum ersten Mal etwas erschafft, das Schliff braucht zur Vollendung. Man kann sich dieses Prinzip allerdings auch ökonomisch zunutze machen, indem man den letzten Schliff weglässt und ein wenig geschliffenes Ergebnis zu einem super Preis anbietet. Das macht Hyosung jetzt wieder mit einer top ausgestatteten, modern gezeichneten 250er zum Kampfpreis von 3500 Euro.
Motor
Der Einzylinder verdeutlicht am stärksten Hyosungs Prinzip, bei etwa 85 Prozent eines durchgeschliffenen Motorrads die Werkzeuge niederzulegen. Die Nennleistung von 28 PS passt super. Zum Vergleich: Hondas CBR 250 R leistet 26 PS, bei ein paar kg mehr Gewicht. Der Drehmomentverlauf des koreanischen Einzylinders erschwert jedoch das Fahren etwas. In den ersten zehn, fünfzehn Prozent des Drosselklappenöffnungsverlaufs generiert der Single so wenig Drehmoment, fällt in ein derartiges Loch, dass die Maschine kurz langsamer statt schneller zu werden scheint, was in Kurvenfahrten nerven kann. Es fühlt sich an, als gingen die Drosselklappen beim Gas aufziehen erst etwas zu und dann auf. Mehr Feinarbeit bei der Abstimmung (z. B. Drosselklappenöffnungskinematik) hätte sich hier gelohnt, aber (tja) auch einige Ressourcen gekostet.
Der letzte Schliff (20 Bilder)

Ich finde sie schick. Und sie macht auch auf der LandstraĂźe SpaĂź.
Unter dem Höcker zwischen Sitz und Lenker bringt Hyosung außer dem Tank noch den Luftfilterkasten unter. Daher blieb der Tank mit 11 Litern Inhalt auf die erste Vermutung eher klein. Die Kollegen von der tz haben jedoch einen Verbrauch von 3,5 Litern erfahren, womit sich Kunden mit Restfeuchte bei über 300 Kilometern auf dem Tageskilometerzähler zur Tanke schleppen könnten. Ich habe mit Rucksack 4,6 Liter auf der Landstraße verbraucht. Somit reicht also dieser kleine Tank bei den meisten Fahreinsätzen für Motorrad-übliche Etappen von 200 bis 250 km. Passt.
Chassis und Fahrwerk
Am meisten Spaß macht mir an der 250er neben dem Aussehen die Geometrie: kompakt, knackig und daher sehr handlich. Das hat auf Anhieb gesessen. Selbst die Abstimmung der Federung und Dämpfung finde ich sehr gelungen, vor allem im Hinblick auf die niedrigen Komponentenpreise. Nur diese Segelstange von Lenker passt nicht dazu, der enorme Hebel über so einem handlichen Fahrzeug macht die Lenkung sehr nervös. Persönlich würde ich den Lenker gegen Stummel tauschen, wenn man die mit Risern gut da hinkriegt, oder sehr Seventies-mäßig einen M-Lenker montieren. Dann hätte man einen richtigen kleinen 250er-Racer. Die glänzendere Seite der Medaille der Nervosität bei höheren Geschwindigkeiten: Die Segelstange macht die GD ultrahandlich, selbst zu zweit noch. Überhaupt möchte ich das Fahrverhalten mit Beifahrer noch einmal explizit loben. So soll es sein. Sagen wir es so: Wer sich auf seine 600er eins dieser Geweihe von LSL geschraubt hat, wird Hyosungs Lenkgeweih ebenfalls lieben.