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Intel propagiert "Mobile Internet Devices"

Computex Jörg Wirtgen

In Mobilen Internet Devices (MID) sieht Intel die nĂ€chste innovative GerĂ€teklasse. Es handelt sich um GerĂ€te zwischen Smartphone/PDA und Notebook, ĂŒber die es noch viel zu lernen gibt.

Jeder kennt das Dilemma: Auf der einen Seite haben Handys, Smartphones, PDAs und Ă€hnliche GerĂ€te dieser GrĂ¶ĂŸenklasse [1] zu kleine Displays und zu eingeschrĂ€nkte Browser, um alle Internetseiten problemlos darzustellen, und auf der anderen Seite sind selbst die kleinsten Notebooks der 1-kg-Klasse [2] zu schwer und zu akkuhungrig, als dass man sie wirklich jederzeit mitschleppen möchte, zudem kosten sie zu viel. Als Lösung sieht Intel [3] eine GerĂ€teklasse dazwischen und tauft sie Mobile Internet Devices, abgekĂŒrzt MID. Anand Chandrasekher, Senior Vice President der Ultra Mobility Group von Intel, erlĂ€uterte auf der Computex, dass sich ein MID nur unzulĂ€nglich ĂŒber die Begriffe "Smartphone" und "Notebook" beschreiben ließe und griff blumig darauf zurĂŒck, dass erste Fernseher auch nur unzureichend als "Radio mit Bildern" vermarktet wurden, was ihren Kern nicht getroffen habe.

Intel propagiert neue GerÀteklasse MID (0 Bilder) [4]

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Ganz so weit mag man nicht zurĂŒckgehen: Ein MID ist sozusagen genau das, was man braucht, um einen praxistauglichen mobilen Internet-Zugang zu bekommen. Eigentlich wĂ€re der Begriff ĂŒberflĂŒssig, denn genau so hatte sich Intel vergangenes Jahr die UMPC, die Ultra Mobile PCs, vorgestellt, wenn auch weniger visionĂ€r angepriesen [6]. Doch deren erste Generation wog viel, hatte kurze Akkulaufzeiten, war mangels GSM/UMTS/HSDPA gar nicht in der Lage, anders als per WLAN ins Internet zu gehen, kĂ€mpfte mit Fehlermeldungen, weil Windows auf die niedrige Displayauflösung nicht angepasst war, krankte an schlechter Bedienung und kostete viel. UMPCs wie der Samsung Q1 Ultra [7] und Sony UX1 [8] sind zwar hochinteressante und innovative GerĂ€te, aber sie erfĂŒllten die eigentliche Zielsetzung nur eingeschrĂ€nkt. Möglicherweise wollte Intel den Begriff nicht mehr vom faden Beigeschmack der ersten GerĂ€te befreien, sondern hat sich lieber einen neuen ausgedacht.

Somit stehen die Eckdaten fĂŒr ein MID fest:

Intel will diese GerĂ€te nicht nur durch die eigene Prozessorplattform nach vorne bringen, sondern auch durch Mitarbeit an der BedienoberflĂ€che und an der Funkanbindung. Als Partner im Funkbereich konnte Option gewonnen werden, einer der grĂ¶ĂŸten Hersteller von UMTS/HSDPA-Hardware. Die einstige Kooperation mit Nokia [9] haben die Partner abgebrochen, vielleicht, weil MIDs und Nokias Smartphones zu sehr in Konkurrenz miteinander stehen. Als vielleicht weiteren Seitenhieb prĂ€sentierte Intel gar eine andere finnische Firma, den MID-Hersteller EB (Elektrobit [10]). Beim Betriebssystem setzt Intel verstĂ€rkt auf Linux und zeigte eine spezielle Mobilversion von Ubuntu [11], tatsĂ€chlich liefen viele der gezeigten MIDs (siehe Fotogalerie [12]) unter Ubuntu. Auf Intels nĂ€chster Powerpoint-Folie stand dann "Thanks Microsoft" unter dem Vista-WoW [13], aber Chandrasekher ließ sich wĂ€hrend seines Vortrags keinen Sarkasmus anmerken.

Der SchlĂŒssel zum Erfolg sei auch nicht das Betriebssystem, erlĂ€uterte er, sondern die BedienoberflĂ€che des MID. Die UMPC-Erweiterungen von Microsoft [14] zeigte er gar nicht erst, sondern fĂŒhrte Glide vor, eine Anwendung, die dem Nutzer jeden Kontakt mit dem Betriebssystem erspart (daher spricht der Hersteller Transmedia auch vom Glide OS [15]) und die komplette Bedienung des MID ermöglicht. Wichtig sei es, die Anwendungen so anzupassen, dass man sie per Touchscreen und (großflĂ€chigem) Daumen bedienen kann, statt auf fummlige Mausersatzwippen am Displayrand oder auf den bei PDAs so (un)beliebten Stift fĂŒrs Anvisieren winziger KĂ€stchen angewiesen zu sein. Ob unter der OberflĂ€che Windows oder Linux laufen wĂŒrde, sei fĂŒr die Bedienbarkeit unwichtig.

Der zweite SchlĂŒssel ist eine bezahlbare Internet-Anbindung per UMTS/HSDPA, worauf Intel natĂŒrlich keinen Einfluss hat. Chandrasekher verwies auf die fallenden Preise sowohl beim Kabel-Internet als auch bei HandygebĂŒhren und folgerte, dass gĂŒnstige HSDPA-Flatrates unweigerlich kommen werden.

Zum nĂ€chsten kritischen Punkt, nĂ€mlich der Bereitschaft der Anwender, neben ihrem Mobiltelefon ein zweites GerĂ€t mitzunehmen, sagte Intel wenig konkretes. Chandrasekher prĂ€sentierte eine Umfrage, die unter Anwendern durchgefĂŒhrt wurde, die schon jetzt mehr wollen als nur zu telefonieren: Dabei haben rund die HĂ€lfte aller Besitzer von NavigationsgerĂ€ten, Medienplayern (MP3, Video), Smartphones und tragbaren Spielekonsolen gesagt, dass sie ein MID zusĂ€tzlich oder statt ihres ZusatzgerĂ€ts nutzen wollen. Chandrasekher wertete das als Erfolg fĂŒr die Idee, aber andererseits ist es doch eher ein schlechtes Zeichen, dass selbst von den Leuten, die schon jetzt ein zweites GerĂ€t mitnehmen, nur die HĂ€lfte ein MID nutzen wĂŒrden. Eine Umfrage unter Nur-Handy-Nutzern fehlte zudem – oder ergab möglicherweise so schlechte Ergebnisse, dass Intel sie lieber nicht prĂ€sentierte.

Aber in der Tat: Ein problemloser Internetzugang per coolem MobilgerĂ€t ist mit den momentanen GerĂ€ten und Kosten so schlecht vorstellbar, dass die Umfragen keinen RĂŒckschluss auf die tatsĂ€chliche Akzeptanz erlauben. Wer hĂ€tte schon den Boom des iPod, der GPS-Navis, der Notebooks und der Handys genau zu dem Zeitpunkt erwartet, als sie stattgefunden haben. Immerhin erfreuen sich gerade die aufwendigen Webdienste wie YouTube, Google Earth und die mobilen wie Google Street View [16] momentan einer so hohen Beliebtheit [17], dass es durchaus vorstellbar ist, dass viele Anwender ohne funktionale EinschrĂ€nkungen mobil darauf zugreifen wollen.

Chandrasekher sieht dann auch einen Markt, der zwar kleiner ist als der von Handys, aber um ein mehrfaches grĂ¶ĂŸer ist als der von Notebooks. Es geht also um mehrere hundert Millionen GerĂ€te pro Jahr, und in möglichst vielen davon soll ein Intel-Prozessor stecken. Auch Intel-CEO Paul Otellini hĂ€lt daher die Ultramobil-Plattform fĂŒr die wichtigste ProdukteinfĂŒhrung [18] seit Jahren. Neue Prozessortechniken gab es derweil nicht zu sehen, Intel zeigte lediglich die im April gestartete Plattform McCaslin mit dem den A100 und A110 [19], die nur abgespeckte ULV-Dothans [20] sind, und die schon auf dem IDF in Peking [21] angekĂŒndigte, im ersten Halbjahr 2008 erscheinende Ultramobilplattform Menlow. Erst dann werden auch die vorgefĂŒhrten GerĂ€te ihren Presample- oder gar Mockup-Status verlieren und marktreif sein.

Ein paar GerÀte zeigte Intel, teils Mockups (funktionslose PlastikgehÀuse), teils VorseriengerÀte, teils fertige Produkte wie das Fujitsu FMV [22]. Andere GerÀte waren das HTC Shift sowie Modelle der hierzulande eher unbekannten Hersteller Amtec, USI und IEC. Nicht alle entsprechen dabei allen MID-Vorgaben.

Allen ist gemeinsam, dass man sie mit dem Display nach außen geklappt bedienen kann, einige haben mehr oder weniger pfiffige Lösungen, um die Tastatur unterzubringen; nur wenige kommen ohne einen irgendwie gearteten Mausersatz aus. Von der technischen Seite entsprechen sie einem Intel-Notebook mit Hauptspeicher, Festplatte (teils SSD) und Chipsatz mit Grafikkern.

Die Konkurrenz hat in diesem Formfaktor wenig anzubieten. VIA hat zwar gerade Mobile ITX vorgestellt, ein scheckkartengroßes Modul mit Prozessor VIA C7M und Chipsatz, aber zumindest bislang blieb den Notebooks mit C7M der große Erfolg verwehrt. Außer dem schon bekannten UMPC zeigte VIA auch nur ein einziges neues Modell, das von FIC gefertigte Nanobook [23]. Es kommt allerdings in der wenig innovativen Notebook-Bauform.

Auch AMD kann den Ultrastromspar-Prozessoren von Intel nicht viel entgegen setzen. Der Turion64 kommt auch in 65-nm-Fertigung [24] nicht auf niedrige Leistungsaufnahmen herunter (genaue DatenblÀtter fehlen), besondere Stromsparversionen [25] und Neuentwicklungen [26] sind bislang noch nicht erhÀltlich. Lediglich die Geode LX/NX genannte Stromspar-Version des alten Athlon XP, die auch im 100-Dollar-Laptop [27] zum Einsatz kommt, mag eine annÀhernd so niedrige Leistungsaufnahme haben, aber sie bietet auch weniger Rechenleistung.

Konkurrenz droht dann auch vielleicht eher von anderer Seite: Chandrasekher prĂ€sentierte eine Untersuchung dazu, wie fehlerfrei die weltweit 57 beliebtesten Internet-Seiten von verschiedenen Systemen aus abrufbar sind. Einwandfrei schnitt dabei nur Windows XP mit dem Internet Explorer ab, schon mit FireFox traten einige Fehler auf. Unter Linux beobachtete Intel rund 30 Darstellungsfehler. Mit ARM-Prozessoren unter Windows Mobile und anderen Betriebssystemen zĂ€hlten die Tester jedoch ĂŒber 120 Fehler, wodurch die meisten Seiten unbenutzbar wurden.

Die einzige Lösung dieses Problems ist jedoch nicht, ein MID mit Intel-x86-Prozessor einzusetzen, sondern man könnte auch einfach die anderen GerĂ€te verbessern. AnsĂ€tze dazu gibt es mehrere, und auch hieraus könnten interessante GerĂ€te entstehen, die Intels MID-Idee entsprechen – teils mit, teils ohne Intel-Hardware: Apple hatte im Januar das iPhone [28] auch mit dem Argument angepriesen, einen vollwertigen Internetzugang zu bieten, was bei der Displayauflösung von 480 × 320 Punkten schwierig werden dĂŒrfte; genaueres weiß man aber erst nach dem Verkaufsstart, derzeit fĂŒr den 29. Juni [29] geplant. HTC hat das Touch [30] vorgestellt, ein Smartphone mit angeblich deutlich verbesserter BedienoberflĂ€che, aber ebenfalls nur kleinem Display (320 × 200 Punkte). Diese GerĂ€te wollen das Mobiltelefon ersetzen, haben aber fĂŒr einen vollwertigen Internetzugang ohne umstĂ€ndliches stĂ€ndiges Scrollen oder Zoomen ein zu kleines Display.

Eher in die Richtung MID geht der Palm Foleo [31], er hat ein mit 1024 × 600 Punkten angenehm großes Display und eine Tastatur. Allerdings kommt er im wenig innovativen Notebook-Design ohne Möglichkeit, das Display zugeklappt nach außen zeigen zu lassen. Es wiegt ĂŒber ein Kilogramm, so viel wie Mininotebooks. Zudem ist er selbst gar nicht in der Lage, anders als per WLAN ins Internet zu gehen, sondern benötigt fĂŒr UMTS/HSDPA-Verbindungen ein Mobiltelefon. UnverstĂ€ndlicherweise verweist Palm dabei nur auf Smartphones wie Palms der Treo-Serie, das iPhone oder Blackberry-GerĂ€te, aber an sich sollte Foleo doch genau diese GerĂ€teklasse ersetzen und mit einem einfachen Bluetooth-UMTS-Handy ins Internet können. (jow [32])


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[1] https://www.heise.de/news/Bitte-anfassen-Smartphone-mit-Touchscreen-und-Gestenbedienung-von-HTC-136426.html
[2] https://www.heise.de/news/Toshiba-Subnotebook-unterbietet-1-kg-Grenze-137738.html
[3] http://www.intel.com
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/279535.html?back=137941;back=137941
[5] https://www.heise.de/bilderstrecke/279535.html?back=137941;back=137941
[6] https://www.heise.de/news/IDF-Neue-Rechnerkategorie-Ultra-Mobile-PC-108563.html
[7] https://www.heise.de/news/Ultra-Mobile-PC-Die-naechste-Generation-Update-156953.html
[8] https://www.heise.de/ratgeber/Mini-Notebook-Sony-Vaio-VGN-UX1XN-1900623.html
[9] https://www.heise.de/news/IDF-Intel-will-Nokia-Modul-fuer-HSDPA-in-Notebooks-integrieren-166410.html
[10] http://www.elektrobit.com/index.php?599
[11] https://www.heise.de/news/Mobile-Ubuntu-soll-auf-UMPCs-137173.html
[12] http://www.heise.de/computex/bilderstrecke/104
[13] http://www.heise.de/mobil/artikel/88315/2
[14] https://www.heise.de/ratgeber/Der-Ultra-Mobile-PC-UMPC-im-Test-1900259.html
[15] http://www.transmediacorp.com/screenshots.html
[16] https://www.heise.de/news/Googles-Geo-Dienst-zeigt-zu-scharfe-Bilder-134961.html
[17] http://www.alexa.com/site/ds/top_sites?cc=DE&ts_mode=country&lang=none
[18] https://www.heise.de/news/Intels-kommender-UMPC-Prozessor-wichtigste-Produkteinfuehrung-seit-Jahren-137340.html
[19] https://www.heise.de/news/IDF-UMPCs-werden-kleiner-und-laufen-laenger-168593.html
[20] https://www.heise.de/news/Notebook-Prozessor-Dothan-ueberholt-Desktop-Kollegen-98289.html
[21] https://www.heise.de/news/IDF-Intel-demonstriert-seine-Staerken-168903.html
[22] https://www.heise.de/news/Fujitsu-kuendigt-UMPC-mit-Intel-A110-Prozessor-an-179944.html
[23] https://www.heise.de/news/Mini-Notebook-von-VIA-135900.html
[24] https://www.heise.de/news/AMD-liefert-65-nm-Turions-aus-174600.html
[25] https://www.heise.de/news/Stromsparendere-Turion-Prozessoren-in-Sicht-166297.html
[26] https://www.heise.de/news/AMD-verkuendet-Details-zur-naechsten-Mobilprozessor-Generation-179102.html
[27] https://www.heise.de/news/100-Dollar-Laptop-doch-nicht-fit-fuer-Windows-175423.html
[28] https://www.heise.de/news/Macworld-Das-iPhone-von-Apple-gibt-es-wirklich-132636.html
[29] https://www.heise.de/news/Apples-iPhone-ab-29-Juni-in-den-USA-erhaeltlich-135172.html
[30] https://www.heise.de/news/Bitte-anfassen-Smartphone-mit-Touchscreen-und-Gestenbedienung-von-HTC-136426.html
[31] https://www.heise.de/news/Palm-praesentiert-Notebook-PDA-mit-Linux-134016.html
[32] mailto:jow@ct.de