Fahrbericht: Yamaha Tracer 9 GT

Seite 2: Fahrwerk, Elektronik, Fazit

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Das linke Lenkerende ist mit Schaltern völlig überfrachtet und mir passierte es während des Tests mehrmals, dass ich versehentlich den falschen Schalter erwischte und, statt den Fahrmodus zu wechseln, meinen Vordermann mit der Lichthupe ärgerte. Auch das Einstellen diverser elektronischer Assistenzsysteme im linken TFT-Display erwies sich als nicht gerade benutzerfreundlich und ich ertappte mich immer wieder dabei, viel zu lange auf das Display zu starren, anstatt auf die Straße.

Sind jedoch erst einmal alle elektronischen Parameter nach Wunsch eingestellt, wird der Ausritt auf der Tracer 9 GT zum Genuss, denn der CP3-Motor gehört zu den besten Antrieben auf dem Markt. Interessanterweise hat Yamaha gar nicht erst versucht, die Höchstleistung des MT-09-Motors in der Tracer 9 zugunsten eines besseren Drehmomentverlaufs zu reduzieren. Der Dreizylinder verfügt über eine vorbildliche Laufkultur, seine fast lineare Leistungsentfaltung bietet überall genügend Kraft und er stürmt bei Bedarf rasant bis zur Nennleistung bei 10.000 U/min. Dabei kommt ihm das geringe Leergewicht zugute, denn die Tracer 9 GT bringt nur 220 kg auf die Waage – für einen Sporttourer erfreulich wenig.

Doch nicht nur im Sprint, sondern auch im Durchzug zeigt sich die Yamaha von der flotten Sorte: Sie gleitet Ruck frei im sechsten Gang mit 50 km/h durch die Stadt und zieht am Ortsausgang hurtig auf Landstraßentempo. Das geht auf der Tacer 9 GT zwar nicht ganz so seidenweich und druckvoll vonstatten wie mit der seligen FJR 1300, ist aber dennoch über jeden Tadel erhaben. Ihr großer Vorteil ist die Handlichkeit: Wollte die FJR 1300 Ultimate Edition mit ihren 296 kg noch mit Nachdruck in die Kurve gebracht werden, lässt sich die Tracer 9 GT erheblich leichter anwinkeln.

Im Vergleich mit der MT-09 SP ist die Tracer 9 GT zwar nicht ganz so behände, denn ihr Radstand wurde um 70 auf 1500 Millimeter erhöht, aber sie dürfte den meisten Sporttourern auf winkligen Strecken locker enteilen. Die Yamaha lässt sich präzise steuern und durcheilt Kurven wie auf Schienen. Ihr serienmäßiger Quickshifter verleiht der Tracer 9 GT eine zusätzliche Dynamik, da er das Hoch- und Runterschalten ohne Betätigung des Kupplungshebels ermöglicht. Als exzellent erweisen sich die beiden Vierkolben-Bremszangen am Vorderrad, sie haben die Yamaha jederzeit sicher im Griff und liefern ein glasklares Druckpunkt am einstellbaren Bremshebel.

Die Tracer 9 GT verfügt über eine Sechs-Achsen-IMU, die unter anderem vier Motor-Fahrmodi ermöglicht, von Yamaha „D-Mode“ getauft: D-Mode 4 ist ein Regenmodus mit reduzierter Leistung, D-Mode 3 stellt die volle Leistung nur mit nerviger Verzögerung bereit, D-Mode 2 ist für die City und entspanntes Cruisen auf der Landstraße gut und D-Mode 1 stellt den Sportmodus mit spontanem Ansprechverhalten dar. Stufe 4 und 3 kann man getrost vergessen, denn selbst einen heftigen Platzregen meisterte die Yamaha im D-Mode 2 zuverlässig. Wirklich gut hat mir das semi-aktive Fahrwerk gefallen, auf Knopfdruck ändert sich die Kennlinie des „SUS-Mode“ von der Sänfte zur Sportlerin.

Yamaha Tracer 9 GT Details (7 Bilder)

Der CP3-Motor erfüllt jetzt die Abgasnorm Euro 5 und leistet 119 PS. Der Dreizylinder gehört zu den harmonischsten Motorradantrieben und ist für einen Sporttourer wie die Tracer 9 GT prädestiniert.

Allerdings wird die Vorspannung in der Gabel noch per Schraube und das hintere Federbein per Handrad eingestellt, was bei einem elektronischen Fahrwerk skurril anmutet. Jetzt wird es kompliziert: Die Tracer 9 GT bietet außerdem noch ein einstellbares Traktionskontrollsystem (TCS), bei dem die Schlupfregelung, die Rutschkontrolle und das Anti-Wheeli-Kontrollsystem in zwei vorinstallierten Modi oder manuell eingestellt und auch ganz ausgeschaltet werden kann. Doch das ist noch längst nicht alles an elektronischen Assistenzsystemen: Neben dem Tempomat hat die Tracer 9 GT auch ein zweistufiges Kurven-ABS (BC) an Bord. Warum es im Menü jedoch einen Rundentimer für die Rennstrecke gibt, weiß nur Yamaha allein.

Über die Serienausstattung kann sich der Tracer 9 GT-Käufer also nicht beschweren, und deshalb relativiert sich auch der Listenpreis von 13.999 Euro. Die Yamaha erweist sich sowohl im Solo- als auch im Zwei-Personen-Betrieb als angenehmer Reisebegleiter. Der Komfort lässt kaum zu wünschen übrig und die beiden Koffer bieten insgesamt 60 Liter Gepäckraum, auch wenn sie kurioserweise mehr hoch als breit sind. Die Handschützer sind serienmäßig und in der obersten Position schützt der Windschild den Oberkörper zuverlässig vor Regen, allerdings zerren bei höheren Geschwindigkeiten nervige Luftwirbel am Helm, daher ließ ich ihn meist in der untersten Position, wo dann aber wiederum die Windgeräusche lauter sind.

Der Dreizylindersound aus dem extrem kurzen Auspuff ist wohltönend, aber nicht zu aufdringlich. Umso mehr erstaunte mich, dass in den Papieren 96 Dezibel Standgeräusch eingetragen sind, subjektiv hätte ich weniger vermutet. Die Reichweite der Tracer 9 GT liegt bei einem Durchschnittsverbrauch von 5,4 l/100 km bei insgesamt 333 km. Unsere Testmaschine war in der Farbgebung „Icon Performance“ lackiert, was einen silbernen Tank und Heckverkleidung sowie blaue Felgen bedeutet, außerdem bietet Yamaha die Tracer 9 GT noch in den Lackierungen „Redline“ und „Tech Kamo“ (Mattschwarz) an.

Die neue Tracer 9 GT ist ein komfortabler und handlicher Sporttourer, der mit einer umfangreichen Ausstattung erfreut. Das semiaktive Fahrwerk funktioniert tadellos und der Dreizylindermotor ist ein Gedicht. Ein ebenbürtiger Ersatz für die mächtige FJR 1300 ist die Tracer 9 GT mangels Hubraum zwar nicht, dafür aber rund 7000 Euro günstiger. Wenn Yamaha jetzt noch die Menübedienung etwas Benutzer freundlicher gestaltet, würde sich die Tracer 9 GT vermutlich zum Klassenprimus mausern.