Test: Benelli Leoncino 500
Der Fahrer gleitet auf einer kräftigen Drehmomentwoge dahin und erfreut sich an der beherrschbaren Leistung. Das kommt den Motorradeinsteigern in der A2-Klasse entgegen, denn die Leoncino überfordert ihren Reiter nie. Selbst im sechsten Gang kann durch die City gerollt werden, ohne dass der Motor Schluckauf bekommt. Das Getriebe arbeitet unauffällig, selbst schnelle Gangwechsel bringen die Leoncino nicht in Verlegenheit.
Fette Gabel
Jenseits der Stadtgrenze legt sich der in China gefertigte Motor zwar ordentlich ins Zeug und lässt durchaus auch einen flotteren Fahrstil zu, jedoch zeigt das Fahrwerk der Leoncino, dass sie eher ein Sportmuffel ist. Die fette, nur in der Zugstufe einstellbare Upside-down-Gabel mit 50 mm Durchmesser täuscht ihre Sportlichkeit nur vor, Schläge in Schräglage mag sie überhaupt nicht, da reagiert sie bockig. Das direkt angelenkte Federbein lässt sich zusätzlich noch in der Vorspannung variieren. Mit 125 mm vorne und 128 mm hinten weist die Leoncino durchschnittliche Federwege auf und bewährt sich sogar im Soziusbetrieb als bequemes Transportmittel. Allerdings ist die Sitzbank zwar breit und gut geformt, jedoch zu weich gepolstert und sitzt sich deshalb auf längeren Fahrten durch.
Die Stärke der Benelli liegt in ihrer Handlichkeit. Unterstützt durch den breiten Lenker und der nicht zu breiten Bereifung – hinten rollte sie auf einem 160er-Pneu – wedelt die Leoncino ohne Kraftaufwand durch die Kurven. Benelli verzichtet wohlweislich darauf, billige Reifen aus China aufzuziehen, sondern greift zu den etwas teureren, aber sehr zuverlässigen Pirelli Angel ST. Zwar fährt die Leoncino nicht übertrieben agil, aber vermittelt selbst Anfängern ein Gefühl der Problemlosigkeit und bleibt auch bei Topspeed von 160 km/h stabil. Kaum zu glauben, dass die 500er vollgetankt 207 kg auf die Waage bringt, gefühlt sind es während der Fahrt deutlich weniger. Erst beim Rangieren im Stand machen sich die knapp über vier Zentner bemerkbar.
Bremsen aus China
Im Kapitel Bremsen schneidet das China-Bike mit italienischen Wurzeln gut ab. Die von Benelli selbst gefertigte Bremszange an der einsamen 320-mm-Bremsscheibe des Vorderrads packt ohne größeren Kraftaufwand zuverlässig, aber nicht übertrieben bissig zu, die hinter Bremse unterstützt unauffällig. Ihr ABS stammt von Bosch und arbeitet feinfühlig, allerdings stieß sie auf sandigem Untergrund einmal kurz an ihre Grenze.
Für das schicke Naked Bike verlangt Benelli 5990 Euro. Der Verbrauch pendelt sich bei knapp über vier Liter Benzin ein und ermöglicht ihr so eine Reichweite von über 300 Kilometer. Die Leoncino erfreut mit netten Details wie einem gut zugänglichen Drehgriff zum Einstellen der Federbein-Vorspannung, einer Warnblinkanlage, die per Schalter am Lenker bedient wird, Klarglasblinkern mit je drei LEDs, gute Sicht in den Rückspiegeln, dem eingelassenen Aluminium-Tankdeckel mit Leoncino-Schriftzug und der kleinen Löwenfigur auf dem vorderen Kotflügel.
Auch wenn die Verarbeitungsqualität der Benelli verblüffend gut ist, kann sie nicht völlig überzeugen. Manche Schweißnaht wirkt ein wenig grobmotorisch und als besonders ärgerlich erweist sich die Klarglas-Abdeckung des digitalen Cockpits, die bei Tageslicht schlecht ablesbar ist und bei ungünstiger Sonneneinstrahlung sogar blendet.
(chlo)