Indian Chief Vintage: Neuer alter Häuptling

Indian Motorcycle gedenkt zum 125. Jubiläum seiner Tradition und bringt die Chief Vintage im Stil der 40er-Jahre.

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Indian Chief Vintage

(Bild: Indian)

Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Ingo Gach
Inhaltsverzeichnis

Es gehört zum Marketing bei Indian Motorcycle, mit dem Gründungsjahr 1901 zu kokettieren. Damit ist die Marke zwei Jahre älter als der Erzrivale Harley-Davidson. Allerdings mit dem Unterschied, dass Harley-Davidson seitdem ununterbrochen Motorräder produziert, Indian nach seiner Pleite 1953 hingegen jahrzehntelang nicht. Die Markenrechte gingen durch viele Hände, erst 1998 baute Indian wieder eigene Motorräder in Gilroy/Kalifornien, musste aber bereits fünf Jahre später Konkurs anmelden. 2011 übernahm Polaris die Marke und entwickelte zunächst eine neue Chief, dann die Scout und schließlich den Flat Tracker FTR 1200. Vergangenen Oktober verkaufte Polaris jedoch Indian an die private Kapitalgesellschaft Carolwood LP, weil der Motorradabsatz sich nicht wie erhofft entwickelte.

Mit frischem Kapital will Indian jetzt den 125. Geburtstag feiern und legt dazu ein Sondermodell auf. Die Chief Vintage entspricht dem Stil der 40er-Jahre und ähnelt damit dem Konzept der Chief Classic, einer Idee der Entwicklungsabteilung für den Neustart 2013. Als Blickfang dienen die barocken Kotflügel vorn und hinten, die das halbe Drahtspeichenrad verdecken. Doch die neue Chief Vintage kommt nicht ganz so bombastisch daher, wie die Chief Classic von 2013, die 2021 in Vintage bzw. Springfield umgetauft wurde, bevor sie vergangenes Jahr aus dem Programm fiel.

Indian Chief Vintage Teil 1 (8 Bilder)

Zum 125. Jubiläum legt Indian Motorcycle die Chief Vintage auf. Eine Hommage an ihre Bikes aus den 40er-Jahren. (Bild:

Indian

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Für die Neuauflage setzt Chefdesigner Ola Stenegard auf einen puristischeren Auftritt. Die Chief Vintage kommt mit einem Solositz im Stil eines Fahrradsattels. Zwischen ihm und dem schwarz lackierten Stahlrohrrahmen befindet sich wie vor 80 Jahren viel Luft, was den Retro-Effekt erhöht – die Chief Classic wirkte durch eine dick gepolsterte Sitzbank und riesige Seitenverkleidungen optisch schwerer. Auf der Vintage hockt der Fahrer in nur 686 mm Höhe über dem Asphalt mit den Füßen weit vor sich auf den Trittbrettern geparkt.

Sie erhält einen sehr breiten, geschwungenen Lenker, dahinter sitzt ein rundlicher Tank mit 15 Liter Volumen. Davor montiert Indian einen Rundscheinwerfer mit LED-Leuchten in einem schwarzen Lampengehäuse. Die Vorgängerin hatte noch einen XL-Scheinwerfer, flankiert von zwei kleineren Rundleuchten, was der Mode der 40er-Jahre näherkam. Nicht verzichten will Indian auf den beleuchteten Indianerkopf auf dem Vorderradkotflügel – Rolls Royce würde ja auch kein Auto ohne die Emily auf dem Kühlergrill ausliefern.

Die Chief Vintage rollt auf 16-Zoll-Drahtspeichenrädern mit einem knubbeligen 130er-Reifen vorn und hinten einem 150er, typisch für Bobber. Die gekapselte Telegabel an der Front mutet klassisch an. Die beiden Feder-Dämpferbeine am Heck lassen einem wohlwollenden Betrachter die Illusion eines Starrahmens, weil sie die Rahmenausleger optisch geschickt in direkter Linie Richtung Radnabe verlängern und dank Kapselung keine Feder erkennen lassen. Einstellbar ist das Fahrwerk leider nicht.

Angetrieben wird die Chief Vintage vom 1890 cm3 großen V2 mit dem Namen Thunderstroke 116 – die Amerikaner rechnen in Kubikinch. Der luftgekühlte Langhuber bietet mächtige 156 Nm Drehmoment bei 3300/min, über die PS-Leistung schweigt sich Indian aus. Interessanterweise erreicht der gleiche Motor in anderen Chief-Modellen 162 Nm schon bei 2900/min und eine Höchstleistung von 90 PS. Viel wichtiger ist der Marketing-Abteilung, darauf hinzuweisen, dass Zylinderkopfdeckel und Stößelrohre silbern lackiert sind, mit schwarzen Zylindern wie am Vorbild aus den 40er-Jahren. Ein Sechsganggetriebe und Zahnriemenantrieb übertragen die Kraft auf das Hinterrad.

Indian Chief Vintage Teil 2 (7 Bilder)

Die Chief Vintage ist eine Hommage an die lange Tradition der Marke. (Bild:

Indian

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Bemerkenswert ist, dass Indian einen Auspuff mit zwei übereinanderliegenden, überlangen Endschalldämpfern an der Chief Vintage verwendet, wie er ähnlich bisher bei der Scout (Test) montiert war. Er ist mattschwarz lackiert, wie auch der Großteil des Motors, der Rahmen und die gekapselte Telegabel. Dass die Chief Vintage nicht auf Handlichkeit getrimmt ist, macht ihre Fahrwerksgeometrie klar: Ein sehr langer Radstand von 1626 mm und ein Nachlauf von 131 mm laden nicht zum Kurvenräubern ein, ganz zu schweigen von 28,5 Grad möglicher Schräglage, bevor die Trittbretter aufsetzen.

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Ihr Metier ist das genussvolle Cruisen über den Boulevard und schnurgerade Highways. Zur Verzögerung des 327-kg-Kolosses halten die Entwickler eine Vierkolben-Bremszange mit schwimmend gelagerter 298-mm-Bremsscheibe am Vorderrad und eine Zweikolben-Bremszange mit ebenfalls 298-mm-Scheibe für ausreichend.

Die Elektronik ist ein Zugeständnis an die Moderne: Die Chief Vintage verfügt über die drei Fahrmodi Tour, Standard und Sport, schlüssellose Zündung und Bluetooth-Konnektivität zum Smartphone, um in dem kleinen Rundinstrument mit Touchscreen-Funktion unter anderem ein Navi darzustellen.

Mögliche Alternative aus Bayern im Fahrbericht

Der Gesamteindruck der Chief Vintage wirkt sehr nostalgisch und damit hat die Entwicklungsabteilung ihre Zielvorgabe erfüllt. Es gibt sie ab sofort in Dunkelrot oder Schwarz. Dazu kann der Käufer noch jede Menge Extras ab Werk ordern, unter anderem sind ein Soziussitz und Soziusrasten erhältlich. Warum die bei einem Listenpreis von 20.990 Euro nicht serienmäßig sind, bleibt eine offene Frage.