Motorradmarkt: Zukunft bringt Wandel
Der Markt ist in Bewegung: Altbekannte Motorradmarken könnten verschwinden, andere übernommen werden oder ihre Strategie ändern. Ein Blick in die Zukunft.
(Bild: Ingo Gach / heise Medien)
- Ingo Gach
Ausgerechnet Ex-KTM-Boss Stefan Pierer hat vor einigen Jahren prognostiziert, dass langfristig nur eine Handvoll Marken auf dem Motorradmarkt überleben würden. Er hatte natürlich geglaubt, dass KTM dazugehören würde, aber seine riskante Expansionsstrategie um jeden Preis hat in die Insolvenz und zur Übernahme durch Bajaj geführt. Doch welche Marken könnten zukünftig übrig bleiben?
Zunächst ein Blick auf die einzelnen Märkte. In Europa und den USA sind die Motorradverkäufe in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter geschrumpft, wohingegen sie in Asien gewaltig gewachsen sind. In den westlichen Märkten dominieren zwar die teuren Motorräder mit großen Hubräumen, aber auf asiatischen Märkten werden Millionen kleine Motorräder und Roller abgesetzt, die Hersteller machen hier ihr Geld über die schiere Masse. Hier beginnt auch die Elektrifizierung zu greifen.
In Asien liegt die Motorradzukunft
Wer in Asien gut aufgestellt ist, dem gehört vermutlich die Zukunft. Die japanischen Marken haben das schon vor langer Zeit begriffen und sind Kooperationen mit einheimischen Firmen in China, Indien, Thailand und anderen asiatischen Ländern eingegangen oder haben selbst Werke vor Ort errichtet. Sie bauen in den jeweiligen Ländern komplette Bikes oder liefern die Technik. Inzwischen haben die europäischen und amerikanischen Marken die Vorteile erkannt und produzieren in Indien, China oder Thailand.
(Bild: Honda)
Immer wichtiger wird auch der lateinamerikanische Markt. Er ist von 3,7 Millionen Krafträdern 2012 auf 5,86 Millionen im vergangenen Jahr deutlich gewachsen. Brasilien stellte dort den größten Markt mit einem neuen Rekord von 2,35 Millionen Motorrädern 2025. Dabei ist Mexiko (zwei Millionen Motorräder) noch gar nicht berücksichtigt, weil es zum nordamerikanischen Markt gerechnet wird. Mit einem Plus von 20,6 Prozent war Lateinamerika vergangenes Jahr der weltweit am schnellsten wachsende Markt.
Japanische Schwergewichte bleiben
Die japanischen Schwergewichte der Motorradbranche Honda, Yamaha, Suzuki und Kawasaki werden sicherlich überleben. Allen voran der Gigant Honda, der 2025 einen neuen Rekord von 20,7 Millionen motorisierten Zweirädern verkauft hat, einen erheblichen Anteil davon in Asien in Form von Rollern. Auch die anderen drei japanischen Marken sind „too big to fail“ und finanziell ausgezeichnet aufgestellt.
(Bild: Ingo Gach / heise Medien)
Yamaha als weltweite Nummer zwei hatte 2025 einen Umsatz von rund 13,8 Milliarden Euro und dabei fast 700 Millionen Euro Gewinn gemacht. Suzuki hat 2024 über 2,1 Millionen Motorräder verkauft, macht aber den Löwenanteil seines Umsatzes mit Autos und setzt zudem erfolgreich Außenbordmotoren ab. Kawasaki kam im selben Jahr auf 478.125 Motorräder, aber hinter Kawasaki Heavy Industries steckt ein riesiger Konzern, der unter anderem im Schiffsbau, Hoch- und Tiefbau sowie der Luft- und Raumfahrttechnik tätig ist.
(Bild: Kawasaki )
Indien hat rosige Aussichten
Die großen indischen Hersteller wie Hero, TVS, Bajaj und Royal Enfield dürften ebenfalls einer rosigen Zukunft entgegensehen, denn ihre Heimat ist der weltweit größte Motorradmarkt. Auf dem Subkontinent wurden vergangenes Jahr 20,7 Millionen Krafträder verkauft, Das entspricht einem Plus von 3,5 Prozent, und Experten prognostizieren für Indien weiteres Wachstum. Marktführer Hero hat 2025 über sechs Millionen Motorräder weltweit abgesetzt, davon 5,7 Millionen in Indien. Auch TVS und Bajaj liegen in der Produktion bei mehreren Millionen Krafträdern. Selbst die kleinste der vier genannten Marken, Royal Enfield, baute vergangenes Jahr 1,1 Millionen Motorräder, produziert aber im Vergleich zu ihren einheimischen Konkurrenten deutlich größere Hubräume und ist damit auch in Europa erfolgreich.
(Bild: Ingo Gach / heise Medien)
China ist auf dem Sprung
China ist mit 12,6 Millionen Krafträdern (2025) der zweitgrößte Motorradmarkt der Welt, die meisten der dort verkauften Motorräder stammen aus heimischer Produktion. Inzwischen sind die chinesischen Hersteller auf dem Sprung, die westlichen Märkte zu erobern. Sie haben dazu beste Voraussetzungen: niedrige Produktionskosten, gut ausgebildete Fachkräfte und eine schnelle Lernkurve. Chinesische Marken weisen einen raschen Generationswechsel bei den Motorrädern auf und bieten eine große Vielfalt an Modellen an. Sie probieren auch gerne neue Ideen aus, wie einen Achtzylinder-Boxermotor. Welche Chancen solche Projekte haben, wird sich zeigen.
(Bild: CFMoto )
Kopieren haben die Chinesen nicht mehr nötig, sie entwickeln eigene Motoren in allen Hubräumen, bieten oft eine umfangreiche Ausstattung an und auch die Qualität befindet sich inzwischen größtenteils auf hohem Niveau. Zudem drängen sie nun in die leistungsstarken Klassen. Wer sich von den vielen chinesischen Marken wie CFMoto, Loncin, QJ Motor, Yadea und Kove auf lange Sicht durchsetzen wird, kann zurzeit noch nicht gesagt werden. Höchstwahrscheinlich werden einige chinesische Hersteller dazugehören, die in Europa und Nordamerika gerade versuchen, Fuß zu fassen.
Wackelkandidaten
Bei den europäischen und amerikanischen Marken gibt es einige Wackelkandidaten. KTM hatte zu viel gewollt und ist nach der Insolvenz von Bajaj übernommen worden. Auch wenn der neue KTM-CEO Gottfried Neumeister versucht, sich betont optimistisch zu geben, liegt die Entscheidungsgewalt nicht in seiner Hand. Der Stellenabbau in Mattighofen seit 2024 war heftig und Rajiv Bajaj, Managing Director von Bajaj, hat sich in Interviews sehr kritisch über den teuren Standort Europa geäußert. Eine Verlagerung der Produktion nach Indien ist nicht ausgeschlossen, zumal dort schon lange die kleineren KTM-Modelle gefertigt werden.
(Bild: Ingo Gach / heise Medien)
Entschieden ist diesbezüglich bislang – soweit bekannt – noch nichts, hingegen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Modellpalette zusammengestrichen wird. Sinnvoll wäre eine Konzentration auf KTMs Kernkompetenz Offroad (Motocross und Sportenduro), wo die orange Marke immer noch Marktführer ist. Auch die Modelle in der Einsteiger- und Mittelklasse dürften profitabel sein. Was aus den KTM-Marken Husqvarna und Gasgas langfristig wird, ist offen. Vorerst werden sie weiter in Mattighofen produziert. Die Unternehmensberatung Boston Consulting hat allerdings schon während der Insolvenz empfohlen, die Zahl der Plattformen zu reduzieren. Bislang werden fast identische Modelle unter den drei Labels KTM, Husqvarna und Gasgas angeboten.
BMW bleibt stabil
Gut geht es hingegen BMW Motorrad. Die bayerische Premium-Marke hat 2025 weltweit 202.563 Motorräder verkauft und lag damit zum vierten Mal in Folge über der Marke von 200.000 Stück. Dabei gilt der Markt über 500 cm3 Hubraum zurzeit als rückläufig, weil der Preisdruck, regulatorische Vorgaben und neue oder unsichere Zollregelungen enormen Druck auf die Hersteller ausüben. Die große Boxer-Enduro bleibt der unangefochtene Bestseller. Die „R 1300 GS Adventure“ kam vergangenes Jahr auf 33.570 und die „R 1300 GS“ auf 32.555 Stück.
(Bild: BMW)
Sie machen zusammen rund ein Drittel der Gesamtproduktion aus. Der wichtigste Markt für BMW bleibt der kaufkräftige europäische mit fast 119.000 verkauften Motorrädern. Dass der US-Motorradmarkt schwächelte, konnte BMW gut kompensieren. Einen kräftigen Schub erhofft sich BMW durch die neue kleine Enduro F 450 GS, die beim Partner TVS in Indien gebaut wird.