Mit 130 an die Leitplanke

Tempo 130 mag kurzfristig gut fürs Klima sein. Langfristig schaden solche Verbote dem Umweltschutz, weil sie das alte Öko-Image nähren.

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  • Matthias Urbach

Die Gelegenheit scheint günstig. Öko feiert sein Comeback, da müsste es doch ein Klacks sein, endlich ein Tempolimit auf Autobahnen durchzusetzen. Im Bundestag sammeln Reinhard Loske (Grüne), Heidi Wright (SPD) und Josef Göppel (CSU) Stimmen für einen Gruppenantrag für Tempo 130. Die Grünen stehen komplett dahinter, in der SPD sind es immerhin schon drei Dutzend Parlamentarier – nur Göppel steht in seiner Fraktion noch einsam da, wie die taz am Dienstag prominent berichtete.

Es gibt viele gute Gründe für ein Tempolimit. Fahren auf der Autobahn würde weniger gefährlich, Raser hätten keinen Grund mehr zum drängeln - Unfälle nähmen ab. Vor allem für die, die langsam fahren möchten, würde das Fahren angenehmer. Güte Gründe, die an vielen Streckenabschnitten zu Tempolimits führten – und wohl auch eine generelle Regelung rechtfertigen könnten.

Aber das ist hier nicht der Grund. Es ist der Schutz der Umwelt. Schon zu Zeiten des Waldsterbens wurde Tempo 100 gefordert – „dem Wald zuliebe". Der Wald starb dann auch ohne Tempolimit nicht, dank Katalysatortechnik. Aber das politische Instrument des Tempolimits ist seit dem verbrannt in Deutschland. Ein Instrument des ökologischen Kulturkampfes.

Wie der Wald ließe sich auch das Klima retten, ohne Tempo 130 zu verordnen. Es gibt gleich reihenweise Instrumente, die ohne große Kosten das Klima schützen: Mehr Investitionen in Wärmeisolierungen, Heizkessel, sparsame Fahrzeugtechnik oder in geregelte Industriemotoren. Jede einzelne Maßnahme dürfte mehr Sparpotenzial haben als Tempo 130. Und bei jeder von ihnen rentiert sich die Investition schnell durch geringere Energiekosten.

„Win-win" nennt man in Ökokreisen solche Lösungen. „Win-win" ist seit Jahren die Botschaft besonnener Umweltpolitiker, um den Umweltschutz vom Miesmacher-Image zu befreien. Vielleicht mag es am Ende nicht reichen, nur solche Instrumente zu nutzen. Aber es wäre gut, erst einmal all diese auszuschöpfen.

Zwar kostet Tempo 130 außer ein paar Schildern kein Geld. Sie kostet aber Lebensqualität, Spaß am Autofahren. Die Möglichkeit, mal etwas schneller wo anzukommen, wenn man in Verzug geraten ist. Ein eingefleischter kulturell ökologisch geprägter Mensch wird diese Vorteile nicht vermissen. Viele andere wird es nerven, auch auf freier Strecke langsam bleiben zu müssen. Dann ist Tempo 130 eine Spaßbremse. Und eine Gefahr für das gute Image, dass der Umweltschutz nach langer Zeit endlich wieder mal hat.

Es gibt, siehe oben, berechtigte unmittelbare Gründe für Tempo 130. Aber es komme bitte niemand mit der Klimakeule, der Drohung mit dem Untergang, um einen Kulturkampf gegen das vorgeblich falsche Leben zu führen – und gegen das schnelle Fahren. Das löst nur unnötigen Widerstand aus. Ein Marketing-Gau, der am Ende der Umwelt selbst schadet. (wst)