ZurĂĽck in die Zukunft (Teil 2)
Der TR Online-Jahresrückblick (Teil 2): Blättern Sie mit uns zurück - und denken Sie nach vorne. Perspektiven, Möglichkeiten, Entdeckungen und Versprechungen des Jahres 2006 aus TR-Online.
Zum Jahresende wird man von allen Mediengattungen mit Jahresrückblicken bombardiert: Die Lokalzeitung lässt die Geschehnisse vor der Haustür Revue passieren, die Nachrichtenmagazine widmen sich der großen Politik und die Boulevard-Blätter den Eskapaden der so genannten Prominenz. Wir sind in der glücklichen Lage, mit unserem Jahresrückblick jedoch gleichzeitig eine Art Vorschau zu liefern: Blättern Sie mit uns zurück - und denken Sie nach vorne. Perspektiven, Möglichkeiten, Entdeckungen und Versprechungen des Jahres 2006 - kurz, die interessantesten Artikel aus TR-Online. Hier der zweite Teil. Den ersten finden Sie hier.
Juli
Wie viele Pixel braucht eine digitale Kamera? Offensichtlich sind die 12 bis 16 Millionen zu wenig, die inzwischen in mancher "Prosumer"-Kamera stecken. Der US-Spezialhersteller Semiconductor Technology Associates zeigte im Juli einen Bildsensor mit 111 Millionen Pixeln. Den werden wir allerdings wohl kaum demnächst in unseren Kameras findet: Das Extrembauteil kostet bis zu 100.000 Dollar und wird nur als Spezialanfertigung an Kunden in Wissenschaft und Industrie geliefert.
Roboter für Spaß und Profit sind wieder im Kommen – und nicht erst seit dem RoboCup (siehe Juni), bei dem die deutschen Mannschaften gar nicht schlecht abschnitten. Während Microsoft in diesem Monat eine eigene Plattform zum Programmieren der dienstbaren Geister vorstellte, fragte man sich in Europa, welcher Robi für den Militäreinsatz geeignet sein könnte. Nur jeder Dritte kam bei einem Test der Bundeswehr durch.
Die Nanotechnik und ihre möglichen gesundheitlichen Auswirkungen waren 2006 ein wichtiges Thema. So gab es im Frühjahr eine Meldung, laut der in Deutschland Menschen nach der Nutzung eines Dichtungsmittels namens "Magic Nano" Vergiftungserscheinungen zeigten. In einem Interview mit einem Vertreter der Herstellerfirma, das TR-Autor Niels Boeing führte, ergab sich allerdings en detail, dass das alles mit Nano wenig zu tun hatte. Dennoch gab sich der Anbieter gegenüber zukünftiger Prüfverfahren aufgeschlossen – man will eine Rückrufaktion nicht nochmals riskieren.
Wie werden wir künftig ins All gelangen? Die finanziell wie technisch gebeutelte NASA griff im Sommer zu einem Ausschreibungsverfahren, um möglichst kostengünstige Raumfahrt-Technik einzuwerben. Vielleicht hilft es ja, hier mehr privatwirtschaftliche Luft in die angestaubte Behörde zu lassen, bei der man inzwischen schon froh ist, wenn das Shuttle heil zurück auf die Erde kommt.
Marvin Minsky treibt sich seit 50 Jahren im Forschungsgebiet der Künstlichen Intelligenz um. Im TR-Interview sprach er über den Zeitenlauf der KI, Erfolge und Misserfolge und die grundsätzlichen Probleme, die das Feld immer noch plagen: "In der KI steht in den Studien immer nur, was das Programm tat und nicht, wo es fehlschlug und in welchen Bereichen entsprechende Probleme noch nicht gelöst wurden. Die sind für die KI-Wissenschaftler offenbar nicht wichtig." Theoretisch werde viel zu wenig nachgedacht.
August
Als Gerd Binnig und Heinrich Rohrer 1981 die ersten Messungen mit ihrem frisch erfundenen Rastertunnelmikroskop bei einer renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift eingereicht hatten, wurde der Aufsatz zurückgewiesen. Zum Glück gab's dann aber fünf Jahre später für die Entwicklung den Physik-Nobelpreis. Im Gespräch mit TR im August sprachen Binnig und Rohrer über den Ursprung von Innovation und Nanotech.
Das Online-Lexikon Wikipedia ist sicher nicht perfekt – ist und bleibt aber der spektakulärste Erfolg im Bereich nutzergenerierter Medien seit Jahren. Gründer Jimmy "Jimbo" Wales ist stolz auf das Werk - und vergleicht die User-getriebene Wissenssammlung gar mit Rock'n'Roll - der sterbe trotz verständnisloser Eltern ja auch nicht.
In immer mehr Fahrzeugen stecken große Batteriepacks – seien es nun Hybrid-Autos oder vollelektrische Modelle. Dummerweise ist die Akkutechnik aber noch keineswegs gänzlich auf diese Anforderungen abgestimmt: Die beliebten LiIon-Batterien werden heiß und können sogar explodieren. Der neue Elektro-Sportwagen von Tesla setzt daher auf spezielle Sicherheitstechnik, bevor eine bessere chemische Zusammensetzung der Batterien gefunden ist.
Krieg ist heute auch nicht mehr das, was er einmal war. Wie wir in einer zweiteiligen Serie zeigten, haben es die einst so mächtigen Streitkräfte wie die USA vermehrt mit asymmetrischen Konflikten zu tun. Raketentechnologie, die enormen Schaden anrichten kann, gelangt inzwischen auch in die Hände von Terrorgruppen. Flugzeugträgergruppen der großen Seemächte werden so zu abschießbaren Enten im Wasser. Bessere Anti-Proliferations-Abkommen müssen her, schreibt TR-Autor Mark Williams in seiner Analyse.
September
Indien, die aufstrebende IT-Wirtschaftsmacht mit ihrem Heer an gut ausgebildeten und kostengünstigen Arbeitskräften, hat ein Problem: In Sachen Forschung und Entwicklung liegt sie noch ganz weit hinten. Erst in den letzten Jahren setzt in dem Land ein kleiner Patentboom ein, wie wir im September berichten. Vergleichbar mit dem Innovations- und Erfindungsreichtum des Westerns ist dieser aber keineswegs. Nur an öffentlich finanzierte Forschungseinrichtungen in anderen Ländern kommt man langsam heran.
Wenn Indien die Programmierschmiede der Welt ist, dann ist China die Werkbank. Dort schuften Arbeitnehmer teils unter im Westen kaum nachvollziehbaren Bedingungen. So werden etwa iPods und Handys zu Mindeslöhnen von 44 Dollar im Monat fabriziert, wie Janek Kuczkiewicz von Internationalen Bund freier Gewerkschaften im TR-Gespräch sagte. Und besser wird es offenbar nicht: "Man muss bedenken, dass bei einer solch hohen Arbeitslosigkeit auch die beste Bildung nicht hilft, angemessene Jobs zu finden. Die Firmen müssen ihre Leute nur soweit ausbilden, dass sie die Qualität ihrer Produkte unter Kontrolle halten können."
Das UN-Umweltprogramm UNEP hat einen Online-Atlas der Umweltzerstörung geschaffen, der in eindrucksvollen Bildern zeigt, was wir in den letzten Jahrzehnten mit unserem Lebensraum angestellt haben. "Diese Satellitenaufnahmen sind ein Weckruf an uns alle, um uns die schrecklichen Bilder der Zerstörung vor Augen zu führen", sagt UNEP-Direktor Achim Steiner im September gegenüber Technology Review.
Mit welchen Weltraumfahrzeugen will die NASA bis 2020 wieder zum Mond? Die angedachte Technik orientiert sich erstaunlich akkurat an jener, mit der bereits beim Apollo-Programm gearbeitet wurde, schreibt TR-Autor Wade Roush. Kombiniert mit verbesserter Technologie, versteht sich. Von der Bedienung her wird sich das neue "Crew Vehicle" namens "Orion" eher an einem Flugzeug orientieren, sagt Patrick McKenzie von Lockheed Martin.
Oktober
Essen ist eine hoch komplizierte Angelegenheit. Zu diesem Schluss kommt der Adipositas-Experte Michael Schwartz in einer groß angelegten Studie über die Ursachen des überbordenden Hungergefühls, das Fettsüchtige plagt. So hat Abnehmen anfänglich vor allem viel mit dem Kopf zu tun – wortwörtlich mit bestimmten Gehirnregionen. Eine Kombination mehrerer Präparate könnte dann tatsächlich eines Tages zum "Abnehmen im Schlaf" führen. Bis es soweit ist: weniger essen!
Amazon-Boss Jeff Bezos ist der Verkauf eines gigantischen Arsenals an Online-Produkten nicht mehr genug: Er will den bekanntesten E-Commerce-Anbieter der Welt zum Servicedienstleister umstricken. Im TR-Interview spricht der Pionier über seinen Ansatz – und warum neue Online-Infrastruktur-Dienste wie die "Elastic Compute Cloud" oder "S3" den E-Commerce-Bereich nicht verdrängen, sondern sinnvoll ergänzen sollen.
Staus sind nicht nur nervig, sondern auch schlecht für die Umwelt. Könnte man zu verkehrlichen Spitzenzeiten öfter einmal "grüne Wellen" generieren, hätte dies auch positive Auswirkungen auf die Vermeidung von CO2 und Feinstaub. Wissenschaftler bei verschiedenen Verkehrs-Unternehmen und Instituten arbeiten gerade in Ingolstadt daran, die 47 wichtigsten Ampeln des Ortes per Zentralrechner zu Stauvermeidern umzurüsten. „Wir erwarten, dass das System die Anzahl der Halte an den Ampeln um 30 bis 40 Prozent und die Reisezeiten um 15 bis 20 Prozent reduziert“, sagt Florian Weichenmeier, Leiter der Abteilung für Verkehrsforschung und Grundlagenentwicklung beim Studienteilnehmer Gevas. Das dürfte entnervte Autofahrer freuen. Aber ob sich das System auch für Großstädte eignet?
Robotertechnik im Freilaufbetrieb wird an der FH Osnabrück erprobt – im Dienste der Landwirtschaft. "Unser nächster Prototyp kann selbstständig und mechanisch das Unkraut auf dem Acker beseitigen. Das spart Arbeitszeit und Herbizide, senkt Produktionskosten und schont die Umwelt", sagt Studienleiter Arno Ruckelshausen. Damit das funktioniert, müssen die elektronischen Helfer allerdings erst einmal mit der vielfältigen Umgebung zurecht kommt. Bis Spaziergänger regelmäßig auf Feldroboter treffen, dürfte also noch ein Weilchen dauern.
"Rapid Manufacturing" klingt wie ein Traum aus Star Trek: Dabei stellt eine kleine Maschine Produkte aus einem leicht manipulierbaren Werkstoff her, die der Nutzer am Computer vorgegeben hat. Solche "3D-Drucker" kosten inzwischen nicht mehr ganz so viel wie früher – gut 20.000 Euro. Manchen erinnert der Fortschritt auf dem Gebiet an die Anfänge der Computertechnik – inzwischen werden nämlich auch Bausätze angeboten, mit denen das noch wesentlich günstiger geht. Damit das ganz spezielle Produkt im eigenen Heim wachsen kann.
November
Ein Endoskop, das überall hinkommt? Guillermo Tearney, Professor für Dermatologie an der Harvard Medical School, glaubt daran – und zwar mit jeweils gleich guter Bildqualität. Was da von erfahrenen Operateuren zum Blick in den Körper verwendet wird, bringt heute nämlich noch keineswegs das Optimum an Auflösung und Wendigkeit im Gewebe. Mit neuen Verfahren, die auf einzelne Glasfasern setzen, ist sogar ein 3D-Bild möglich. Die Marktfähigkeit wird allerdings noch einige Zeit brauchen.
WWW-Erfinder Tim Berners-Lee findet, dass das Internet noch zu wenig eine Forschungsdisziplin ist. Deshalb versucht der Pionier gerade, ein eigenes Gebiet namens "Web-Wissenschaften" einzuführen, in dem Professoren und Studenten frei von der Leber weg an der Zukunft der Online-Informationsübermittelung arbeiten können. Dazu gehören semantische Ansätze ebenso wie gänzlich neue Technologien. "Wir schauen uns dieses riesige, komplexe System an und versuchen zu verstehen, ob es möglich ist, die darunter liegende Infrastruktur, die ja von Menschen gemacht wurde, zu verändern", meint Berners-Lee.
"Drin" glauben auch die Protagonisten des deutschen "Web 2.0" zu sein. Dabei geben diese im Vergleich zu Konkurrenz aus den USA eher ein mittelprächtiges Bild ab, was ihre Innovationskraft anbelangt In einem kontroversen TR-Interview mit einem hiesigen Web 2.0-Pionier ging es im November darum, was die Szene von früheren blasigen Internet-Entwicklungen unterscheidet. Fazit: Wirklich viel gelernt hat man aus der Geschichte des letzten Niedergangs offenbar nicht.
Fahrzeuge mit Wasserstoff-Antrieb sollen die Zukunft sein – wäre da nicht das Problem der umweltverträglichen Gewinnung und wirtschaftliche Verteilung dieses sauberen Treibstoffes. Der Wasserstoff-7er von BMW wurde von TR-Autor David Talbot auf deutschen Autobahnen einer Probefahrt unterzogen: Mit durchaus zufriedenstellendem Ergebnis, das auch Luxus-Karossenfreunde erstaunen dürfte. Doch wirklich praktisch ist die Technik dann leider, leider aber doch nicht – und ihre Sinnhaftigkeit hängt stark von der oben erwähnten umweltverträglichen Gewinnung des Energieträgers ab.
Resveratrol, ein Bestandteil roten Weines, gilt als mögliches neues Wundermittel gegen das Altern. Bei Mäusen, so führt eine neue Studie aus, über die wir in diesem Monat berichteten, funktioniert das bei hoher Dosierung bereits erstaunlich gut - selbst fettleibige Tiere profitierten deutlich mit längerer Lebenszeit. Warum das funktioniert, ist nach wie vor nicht gänzlich erforscht, ebenso weiß man aber auch noch nicht, wie man die guten Eigenschaften für den Menschen nutzen kann. Und dennoch: So interessant wie Resveratrol war noch kaum ein Stoff, wie Studienleiter Rafel de Cabo sagt: "Ich war positiv überrascht".
Dezember
Microsoft gibt jährlich Milliarden für seine weltweite Forschungstätigkeit aus. Wirklich viel davon kann man, mit Verlaub, allerdings in den Produkten der Firma nicht erkennen – Windows & Co. scheinen der Konkurrenz immer eine Nasenlänge hinterher zu hinken. Forschungsleiter Rick Rashid weist solche Sticheleien im TR-Interview im Dezember aber weit von sich: Man sei "durchaus innovativ" und arbeite an der Zukunft von Software und PC. Der Mann muss es eigentlich wissen: Er selbst arbeitete vor seinem Job bei MS unter anderem am Kernel des Mac OS X-Vorgängers NEXTSTEP – und Mac OS X gilt vielen als großes Vorbild des neuen Windows Vista...
Zahlreiche Tierarten besitzen die Fähigkeit, Gliedmaßen wieder nachwachsen zu lassen, sollte es zu Verletzungen kommen. Säuger haben diese Eigenschaft allerdings verloren – der Mensch natürlich auch. Forscher am Salk Institute for Biological Studies in Kalifornien arbeiten derzeit an Mittel und Wegen, diese Fähigkeiten wieder zu reaktivieren – mit Gentechnik ansätzen. So konnten sie bei Hühnchen bereits erste Erfolge verzeichnen. Auf den Menschen übertragbar ist dieses potenzielle "Ersatzteillager" im eigenen Körper bislang allerdings noch lange nicht.
Der Kampf um die langsam versiegenden fossilen Energiequellen der Erde wird härter. An vielen Stellen in der Öl-Branche wird heutzutage an neuen Vorkommen und der effizienteren Ausbeutung der alten gearbeitet, wie eine TR-Reportage zeigt - von bald erreichten Peaks, Fördermengenerhöhungen oder neuen Ausspülmethoden ist da die Rede. Und notfalls macht man eben Kohle zu Öl – die gute, alte Fischer-Tropsch-Synthese aus dem zweiten Weltkrieg existiert noch immer und feiert fröhliche Urstände, dem Öldurst sei Dank.
Die erste Impfung gegen Krebs ist da: Besonders junge Frauen und Mädchen sollen künftig gegen die Gefahr von Gebärmutterhalstumoren abgesichert werden, die von übertragbaren Papillomaviren droht. Vor Jahren hätte noch niemand geglaubt, dass das wirklich so einfach wäre. War es dann aber schon: Die eigentlich führende deutsche Forschung auf dem Gebiet verpasste nur leider die Chance, selbst mit dem Impfstoff zu verdienen. Harald zur Hausen, ehemaliger Forschungsleiter des Deutschen Krebsforschungszentrums, ging nach eigenen Angaben damals bei hiesigen Pharmakonzernen "Klingen putzen". Keiner griff zu. Dennoch: Die Impfung sei heute "ein Segen".
Das sind aus unserer Sicht die Highlights der zweiten Jahreshälfte gewesen. Unsere Leser haben mit dem Mausklick über ihre beliebtesten Geschichten abgestimmt: "Die Maschine muss fühlen lernen" +++ "Die Terroristen gewinnen in jedem Fall" +++ "I'll Follow The Sun" +++ Lichtblick für Blinde +++ Den Nerven bei der Arbeit zusehen 100-Dollar-Laptop geht in Testphase (wst)