Mercedes 600 Pullman
1965 vermaß Mercedes den Luxus neu und kam zu dem Ergebnis, dass er, von Nummerntafel zu Nummerntafel, 624 Zentimeter lang ist. Namentlich: Mercedes 600 Pullman. Zu sehen gab es das Regierungsdekret hauptsächlich in der Tagesschau
- Bernd Kirchhahn
Das Jahr 1965 war das offizielle Jahr der Kooperation. Eine Zeit des Aufbruchs. Lyndon B. Johnson trat (erneut) das Erbe von John F. Kennedy an. Noch im Sommer unterzeichnete er den Voting Rights Act, der es Afroamerikanern erlaubte wählen zu gehen. Außerdem liberalisierte er die Einwanderungspolitik der USA. Deutschland lebte das Wirtschaftswunder, gab Banknoten über 500 Mark aus und fand sogar die Muße, zum ersten Mal den Prestigetitel „Krawattenmann des Jahres“ zu vergeben. Eine Erfindung der deutschen Werbebranche und des Deutschen Krawatteninstituts. Doch, das gab es wirklich, hat sich aber in Deutsches Mode-Institut umbenannt. Erster Preisträger war Hans-Joachim Kulenkampff. Der moderierte damals „Einer wird gewinnen“.
Damit wäre die Party abgesteckt, die Mercedes mit dem 600 Pullman besuchte. 624 Zentimeter lang, bis zu 3,3 Tonnen schwer, 250 PS stark, feudal ausgestattet und technisch seiner Zeit soweit voraus, dass einige der damals verbauten Techniken heute noch teurer Luxus sind. Kurzum ein Millionengrab, das nur ein Ziel verfolgte: der Luxuskonkurrenz zu zeigen, wie wertlos sie in den Augen des schwäbischen Betrachters sind und das Image der Marke zu boosten. Quasi nebenbei sollte der Wagen auch ein Motoren-Wettrüsten der Luxusklasse auslösen und damit eine Protz-Dekade prägen.
Mercedes 600 Pullman (12 Bilder)

(Bild: alle Mercedes)
Luxus neu vermessen
Angefangen hatte alles 1963. Auf der IAA schoss Porsche das Urmodell des 911er in den Automobil-Orbit und NSU versuchte mit seinem Wankel-Spider nichts weniger, als den Lauf der Motorengeschichte zu ändern. Trotzdem war es der Stand von Mercedes, der die Fans anzog. Dort stand der 600 – oder W100, wie er intern hieß. Es war eine 5,54 Meter lange Limousine, die zur Definition des Begriffs „Staatskarosse“ werden sollte.
Der Mercedes 600 wurde aus dem Stand der Traumwagen aller Deutschen. Er kostete etwas mehr als 50.000 Mark, was bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 7775 Mark eine Ansage der Superlative war. Doch sehen konnte der Michel den Wagen jeden Abend in der Tagesschau. Staatsoberhäupter auf jedem Kontinent griffen nämlich fortan zur neuen Prestige-Leitwährung.