4W

Was war. Was wird.

Vielleicht ist das Streben nach GlĂĽck ja wirklich nichts, was die IT-Branche voranbringt. Aber vielleicht bringt die IT-Branche die Musikindustrie voran, das wĂĽrde auch dem Streben nach GlĂĽck weiterhelfen, meint Hal Faber.

vorlesen Druckansicht 40 Kommentare lesen
Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Die Machtübernahme in Bagdad war alles andere als eine Rosenrevolution und doch sind viele Kommentare entzückt darüber, wie friedlich diese Variante von Command & Conquer ablief. Die Macht vaporisierte sich und Saddams Fall war eine Sache von ein paar Seilen. Ein Blick in die Blogs zeigt, dass alles weiterlaufen kann wie bisher, selbst der Informationsminister bleibt Realität. Wo Saddam den Bin Laden macht, löst sich die Dialektik der Gegensätze in ein Nichts auf, in dem allenfalls die Verträge der Firma Haliburton Bestand haben. Am Ende bleiben die Filmrechte für Hollywood. Die Geschichte hätte kein Drehbuchschreiber verkaufen können: Dass eine hochspezialisierte Kampftruppe eine ehemalige Schönheitskönigin befreit, die mit dem Militärdienst ihre Ausbildung zur Kindergärtnerin finanzieren möchte, ist jedenfalls besser als Bull Durham.

*** Der Rest ist Anarchie und eine Überwachungsgesellschaft. Kein Ohr fand inmitten der Nachrichten aus Bagdad der Jahresbericht des Datenschutzzentrums, in dem die Kriegsfolgen aufgeführt sind: "Die zunehmende Überwachung der Telekommunikation hat z. B. aus einem nur im äußersten Fall zulässigen Rechtseingriff ein alltägliches Standardmittel der Strafverfolgung werden lassen. Wir dürfen deshalb den kontinuierlichen Abbau von Grundrechten nicht nur resignativ zur Kenntnis nehmen, sondern müssen die Kraft aufbringen, solche Entwicklungen zu stoppen und zum Positiven zurückzuwenden. Die Wiederherstellung eines effizienten Schutzes der Telekommunikationsfreiheit gehört aus diesem Grund ganz oben auf die innenpolitische Tagesordnung." Weise Worte, denen Taten folgen sollten. Dass sie nicht unnütz sind, zeigt ein Jubiläum, das längst vergessen ist: Am 13. April 1983, vor 20 Jahren, erließ der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts eine Einstweilige Verfügung gegen die für den 27. 4. 1983 geplante Volkszählung. Selbige verschob sich dann ins Jahr 1987, während erstmals das informationelle Selbstbestimmungsrecht der Bürger definiert wurde, mit dem Deutschland ein Vorbild schuf. Aus und vorbei?

*** Nun hat Deutschland nicht gänzlich an Einfluss verloren. Da schafft es Otto Schily, mit Microsoft einen günstigen Lizenz-Vertrag auszuhandeln und prompt ändert sich das Rating der Firma. Was natürlich uneinsichtig ist, wenn man andere, höchst erfolgreiche Schritte dieser Firma betrachtet. Nehmen wir nur den Einzug der Shared-Source-Derivate von Windows CE, bei denen sich Microsoft das Recht sichert, alle Verbesserungen anderer Firmen selber zu verwenden. Auch bei der Forschung ist man von Aachen bis Cambridge rege bei der Sache, die Sourcen des Hauses zu mehren.

*** Inmitten der Spekulationen zum groĂźen Switch von Apple macht diese Firma etwas Sympathisches und verhandelt mit einem Musikladen, um endlich die Apple Records zu werden, die man schon immer sein wollte. Wir hatten das Thema in den letzten Wochen und mĂĽssen den Mannen und Frauen um Jobs recht geben: Musik ist wichtiger als das Bauen und Verkaufen schicker Computer, die schnell veralten.

*** Hartgesottene Musik-Fans durften in dieser Woche mit dem Kopf geschüttelt haben, als die Musik-Branche erklärte, wie herzlich egal ihr Standards sind, solange nur die Ware zählt, die Kasse klingelt, der Umsatz brummt und nichts am Schrumpfen ist. Notfalls wird das Recht auf Privatkopie zu einem Akt der Piraterie erklärt. Vom Notfall zum Unfall ist es immer nur ein kleines Stückchen, und schrittweise gerät die private digitale Privatkopie ins Abseits. Der "zweite Korb", auf den viele ihre Hoffnung setzen, wird leer sein.

*** Wobei, wenn wir schon vor Gericht und damit auf hoher See landen, es gar nicht verkehrt ist, an einen Prozess zu erinnern, der gestern vor 370 Jahren begann. Damals wurde Galileo Galilei der Häresie beschuldigt, weil er die Sonne und nicht die Erde ins Zentrum unseres Sonnensystems stellte. Es brauchte 350 Jahre, bis der Papst zugeben konnte, dass die katholische Kirche irrte. Wir wissen nun nicht, was der Papst heute so alles empfiehlt, auch nicht George W. Bush. Vielleicht sollte er ihm aber wenigstens ein gutes Gedächtnis wünschen. Denn einer seiner Vorgänger, der am heutigen Sonntag seinen 260. Geburtstag feiern könnte, hielt ein paar Sachen für so selbstverständlich, wie sie heute lange nicht mehr zu sein scheinen. Dazu gehören die Gleichheit der Menschen und ihre unverzichtbaren Rechte: "We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their creator with certain unalienable rights, that among these are life, liberty and the pursuit of happiness", schrieb Thomas Jefferson, selbst Sklavenhalter mit eigenen Ansichten über die Sklaverei, den USA ins Stammbuch.

Was wird.

Am Montag starten die Verschenker von Novell im heimatlichen Salt Lake City ihre Brainshare. Novell hat Grund zum Feiern und lässt mit Huey Lewis die Fetzen fliegen, denn man begeht das 20-jährige Jubiläum. Wem die Sache mit Apple zu obskur vorkommt, der sei daran erinnert, dass Netware einst als Netzwerk-Addon für Apple begann, ehe der rote Kontinent der PC erobert wurde. Doch die Zeiten sind längst vorbei, als man bei den PC-Netzen ein Monopol hatte und kaufte, was gut erschien, aber nur teuer war. Ja, damals, als Unixware die Rechner dieser Welt betreiben sollte. Vaporisiert das alles. Geblieben ist ein skurriler Prozess, den SCO mit den Resten veranstaltet.

Offensichtlich gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied zwischen Schafen und Menschen, wurde diese Woche bekannt. Noch ein weiterer vaporisierter raelianischer Traum vom höheren Bewusstsein, der indes das kommende European Media Art Festival nicht daran hindert, unter dem Motto "Larger than Life" Biotechnologie, Computer und Kunst zusammenzurühren. Ja, größer als sein Leben kann der Mensch mit der Kunst, mit den Medien werden, was doch eine schöne Perspektive ist. So wird sogar ein Hal schwer philosophisch. (Hal Faber) / (jk)