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Was war. Was wird.

MĂĽssen wir alle ins Exil, und finden uns dann auf der Main Street der Republikaner wieder? Ausgemachte Esel finden sich aber nicht nur im alten Europa, sondern auch in der modernen IT-Branche, meint Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Journalisten glauben an Dinge, die für Normalsterbliche schlichtweg nicht existieren. Nehmen wir einmal das Sommerloch oder die Saure-Gurken-Zeit. Furchtbare Erscheinungen für unsereins, wo andere höchstens ein Schlammloch entdecken. Gerade weil Journalisten einen Hang zum Metaphysischen haben, setzen Firmen für sie gerne Non Disclosure Agreements auf, in denen das Unsagbare festgeschrieben wird. Manchmal sind solche NDAs von einer Art, dass sie nur von den Jayson Blairs dieser Branche unterschrieben werden können. Für die anderen bleibt das Loch, das unzweifelhaft unfüllbare. Darum begehe ich heute den Geburtstag von Cagliostro und schlage ihn zum alternativen Schutzpatron der Journalisten vor. Natürlich hat der gemeine Journalismus seit 1923 einen offiziellen Schutzheiligen, doch der auf Flugblätter spezialisierte Franz von Sales ist in diesen Tagen schwer beschäftigt. Ein anderer Flugblatt-Spezialist wählte den Freitod mit einer extremen Variante der Forderung, dass Politiker über ihren Schatten springen sollen.

*** Kommen wir zu einem Journalisten, der das Recht auf Dummheit zur freien Entfaltung der Persönlichkeit rechnete und die deutsche Sprache als Körperverletzung begriff. Heute vor 136 Jahren schiffte sich Mark Twain auf der "Quaker City" ein, um fünf Monate lang Europa zu besuchen. Diese Reise eines "Arglosen im Ausland" machte ihn berühmt, auch wenn er die Leser warnte, dass sie als ausgemachte Esel dastehen würden. Twain wünschte den Deutschen, sie würden "kräftige Worte aus der englischen Sprache importieren -- zum Fluchen und auch, um alle Arten kräftiger Dinge auszudrücken". Und so ist das Denglisch über uns gekommen, mit Dotcoms und Bobos in einer Bubble voller Venture Capital.

*** Die kräftige Verulkung, mit der eine Firma wie Ision zu Mondpreisen verscherbelt wurde, hat gestern Alexander Falk zu den Behörden getrieben. Nun ist gerade "Liquide" von einem Journalisten namens Don Alphonso erschienen, ein Roman, in dem ein reicher Verlegersohn Alex sein vieles Geld aus desolaten Internet-Investments mit Erpressungen aller Art retten lässt. Jegliche Ähnlichkeit ist zufällig, und jede Seite zeigt, dass das Recht auf Dummheit mit Leidenschaft entfaltet wird. Leider trieft das Buch vor lauter Sex und Drogen, aber schon Mark Twain belustigte mit einer Geschichte über einen Hopkins, der beim Aktenhandel armgeworden, Frau und Kinder erschlug und skalpierte und schließlich durch den Ort ritt, mit durchschnittener Kehle. So ähnlich ist Liquide, das nebenbei den guten Juden Barrabas wieder in die deutsche Literatur einführt.

*** Bill Gates ist nicht New Economy, nicht Old Economy. Es ist einfach ein ganz normaler Mann, nicht schön, nicht jung, nicht alt. Mit einigen juristischen Eingaben wehrte sich die Firma Microsoft dieser Tage, dass der Reichtum von Gates in juristischen Schriftstücken auftaucht. Gleichzeitig gibt es eine Schreibempfehlung an die Journalisten, den Zusatz "reichster Mann der Welt" wegzulassen. Was zählt sind Visionen -- aber damit sind Gateson und Larrison knapp bei Kasse. Einfacher ist es da schon, eine Firma wie Peoplesoft zu übernehmen. Man muss als richtiger Larry nicht so brutal offen sein, wie Lou Gerstner mit seinem Offenen Brief an den lieben Jim. Ja, wer sich noch erinnern kann, wie brutal damals IBM aufgetreten ist, das heute Linux so fürsorglich und eng umarmt, ist vor Überraschungen gewarnt. "Dear Jim, IBM has been interested for some time in pursuing a business combination with Lotus. Because you have been unwilling to proceed ... we are announcing this morning our intention to buy all of Lotus Development Corporation's outstanding common shares." Es mag sein Gutes haben, dass ein Brief an den lieben Linus komisch klingen würde, momentan.

*** Oder, ein, anderes Beispiel, wenn das mit dem Kaufen bei offener Office-Software nicht geht, weil Nottingham mit MĂĽnchen gleichzieht, dann ist Gefahr im Verzug. Dann muss man halt versuchen, den privaten Einsatz kostenlos zu machen. Beim Stichwort Office darf heute Scott Adams' Geburtstag nicht vergessen werden, so vergeblich Dilberts Suche nach Intelligenz in den BĂĽros auch ist.

*** Hin und wieder blitzt dagegen Intelligenz in den Heise-Foren durch, sogar am Freitag. Ich weiß, es ist ein billiger journalistischer Trick, den Text einer schönen Frau als Aufhänger zu nehmen, aber das hat Franz von Sales mit seinen Salesianerinnen auch nicht anders gemacht: Denn wer hätte geglaubt, dass das Politik-Foren von Heise in so kurzer Zeit (nach der Wahl gestartet) so locker-lässig über die 50.000er-Marke springt, wie in dieser Woche passiert? Heise-Bürger sind mündige Bürger, jawoll. Auch wenn die Mehrzahl heute Nacht noch unter den Spätfolgen dieser furchtbaren Grillorgien zu leiden scheint, was das "mündige" in ein etwas soßiges Licht setzt. Na, jedenfalls wird es niemandem so langweilig, dass er oder sie ein Spielchen mit einem Computer beginnt, wie es am 3. Juni vor 20 Jahren mit WarGames begann. Ich spreche da aus leidvoller Erfahrung: Spielchen mit dem Computer können gefährlich ausgehen. Zu den technischen Jubiläen gehört sicher auch das rote Telefon, das vor 40 Jahren installiert wurde und lange Zeit kein Telefon, sondern ein Fernschreiber war. Da freut man sich über den Fortschritt, wenn nun ein "Instant Messenger" zwischen Bush und Putin geschaltet ist und sie nicht um einen IRC-Kanal kämpfen müssen. "Wir leben in einer großen Zeit, und sie wird täglich größer," wusste schon Erich Kästner.

*** Was neben der Zeit wächst, ist die Menge an Informationen. Hoffentlich ist bis hier hin kein Leser, keine Leserin in Informations-Ohnmacht gefallen. Tapfere Wissenschaftler im nahen Australien oder im fernen Saarland sind dabei, den linguistic turn von Deep Throat zu DeepThought möglich zu machen. Wenn sich all die Worte im Informationsoverload bis auf die Buchstaben entkleiden und neckische Spielchen machen, dann hat das Hirn Ruhe.

*** Natürlich gilt dies auch für das journalistisch arbeitende Hirn. Es wird neben metaphysischen Problemen vor allem von einem unzureichenden Langzeitgedächtnis geplagt. Mit großem Tamtam annonciert ein US-Magazin, dass es den Source-Code von Slammer veröffentlichen will, natürlich ohne die Leser darüber zu informieren, dass der virale Quell bereits im Januar im Klartext sprudelte. Ein klarer Fall von Informationsunterload.

Was wird.

Wenn Pfingsten abklingt, werden die Experten beweglich. Moving Expertise ist das Thema der deutschen Fachtagung über Kommunikationsnetze, einstmals als DFN-Tag bekannt. Mark Twain hätte seine helle Freude am kräftigen Englisch. "Lex, Lüge und Videos" als Titel bringt es freilich besser auf den Punkt, ganz zu schweigen von Wortgetümen wie dem Breitbandgipfel, mit dem die Klagen der Videoindustrie allerliebst visualisiert werden.

Man glaubt es nicht. Trotz aller steuerlichen FuĂźangeln brummt das E-Business in seinen mannigfaltigen und unterschiedlichen Varianten von Waren, die Normalsterbliche besitzen. So mag es seine Berechtigung haben, wenn in Bled die universale eTransformation ausgerufen wird.

Das Internet kennt bekanntlich keine Grenzen. Dennoch ist ein chinesischer Internet-Aktivist in den Hungerstreik getreten, was die Vision vom grenzenlosen freien Netz mindestens zur Halluzination abstuft. Eine OSZE-Konferenz zur Freiheit der Medien und des Internet versucht sich zum Ende der Woche in Amsterdam an einer Bestandsaufnahme, die ziemlich düster aussieht, gerade wenn man die aktuelle amerikanische Weltsicht in Betracht zieht. Aber aus dem Street Fighting Man wurde schon längst ein Gerontokrat, der nur noch Bürgerkonvente und Aufstände der Anständigen gutheißen kann. Im Exil auf der Main Street findet man den großen Wählerstimmenkorb der Republikaner -- und niemand singt mehr in einer Rock'n'Roll-Band. (Hal Faber) / (jk)