Was war. Was wird.
Black Outs gibt es viele, manche im Stromnetz, viel mehr aber im Denken, bedauert Hal Faber und freut sich über viel Sommertheater und schöne Computerfilme.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Mit dem Licht verschwand die Logik. Der große Black Out an der nordamerikanischen Ostküste zeigt, dass Black Outs in der Analyse zwangsläufig folgen: Obwohl es noch Tage dauern soll, bis der genaue Hergang des Stromausfalles geklärt ist, weisen alle Experten mögliche Zusammenhänge zu fehlerhaften Übergängen zwischen SCADA-Systemen und LANs weit von sich. Großer Stromausfall auch bei uns und die Logik trollt sich als Erstes. Da werden Journalisten als Sensationshanserl abgestempelt, da wird dem kleinen Verlag in der norddeutschen Tiefebene ein Zusammengehen mit einem großen Berliner Verlag angedichtet. Ist die Frage nach Zusammenhängen, nach der Vorgeschichte und nach der Technik keine journalistische Arbeit, weil zusammen kommen wird, was nicht zusammen gehören soll? Was bleibt, ist das Bild von Lesern, die Denkverbote für Journalisten einklagen, weil zum Brett vorm Kopf der Holzweg die einzig passende Route ist.
*** Aber was solls. Strom-Kraftwerke mit Internet-Anschluss oder Krankenhäuser mit nicht immer gesicherten WLANs: Wer immer einst den Wunsch "Mögest Du in interessanten Zeiten leben" in die Welt setzte, würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, wie interessant die Zeiten auf dieser Welt mittlerweile sind. Denn ja, als interessant könnte man sie bezeichnen, die Zeiten, in denen Schlächter im Bett sterben, ohne je zur Verantwortung gezogen zu werden, während eine Branche ihre Kunden für den Mist zur Verantwortung ziehen will, wegen dessen Produktion die Kunden eben dieser Branche weglaufen. Oh Herr, lass Hirn vom Himmel regnen und wieder neu Produziertes, das den Namen Musik auch verdient, auf dass ich nicht irgendwann meinen CD-Player zum Fenster hinauswerfe.
*** Nun gut, verlassen wir das Sommertheater Popkomm und wenden uns einem anderen zu. Was ist, wenn wir das Sommertheater von SCO ähnlich nehmen wie die offizielle Lesart vom Black Out und allein den Worten der Weisen von Utah trauen? Dass die GPL gegen ein Grundgesetz verstößt, das allein eine Sicherheitskopie erlaubt, dass eine schweigende Mehrheit gierig nach dem Antidot zu greifen beginnt? Halten wir still oder denken wir an Shakespeare:
Ein Feuer brennt das andere nieder;
Ein Schmerz kann eines anderen Qualen mindern.
Dreh dich in Schwindel, hilft durch Drehn dir wieder!
Wen es bei der Argumentation von SCO schwindelt, der darf sich weiterdrehen. Legalisierter Kindermord, der Aufruf zur Verbreitung von Falschgeld oder der Verkaufen von Schore passen zum Geschäftsmodell der SCO Group. Was die angeblich schweigende Mehrheit anbelangt, so hat diese durchaus eine Meinung, die jedoch nicht mit der Realität von SCO kompatibel ist.
*** Wie ein Realitätsschock aussehen kann, hat einmal ein sozialdemokratischer deutscher Minister präzise ausgedrückt. Ich denk, mich' tritt ein Pferd, diese mutige Einschätzung von Hans Apel über die Steuerreform 1975 wird ein Hans Eichel über den größten Sozialabbau in der deutschen Nachkriegsgeschichte nicht bringen. Die Politik ist zurück aus den Ferien in Hannover, mit Kabinettsbeschlüssen, die sich das Prädikat Brüning light verdienen. Die Daten zum Abschwung West hält dann das in dieser Woche eröffnete Statistikportal bereit, über das in Zukunft die Volkszählungen laufen werden.
*** Die Affenhitze des letzten Wochenendes schmolz den zweiten Teil des definitven Filmkanons für Computerfans mit den Computern im Film aus dem Text. Wer gerätselt hat, ob es nach der Odyssee im Weltraum überhaupt noch nennenswerte Filme gab, findet hier die Highlights der werten Leserschaft. Gleich nach dem Meisterwerk von Kubrick erschien im Jahre 1969 Colossus: The Forbin Project, in dem sich im Kalten Krieg die Supercomputer hüben wie drüben darauf einigen, dass die Menschen nur Unsinn machen. Colossus I war der Name des ersten programmierbaren Computers im Bletchley Park, der in Finanznot steckt. Ein Jahr später erschien The Computer Wore Tennis Shoes (Superhirn in Tennisschuhen) mit Kurt Russel, von einigen Lesern freilich als schlechtester Computerfilm bezeichnet. 1973 zeigte Rainer Werner Fassbinder mit Welt am Draht, wie man ein Matrix-Thema ohne jeden Schnickschnack verfilmen kann. 1977 ist Demon Seed (Des Teufels Saat) insofern von Bedeutung für das Genre, als dass ein böser Computer eine Frau schwängert, was wir unter kulturellem Fortschritt verbuchen müssen. Für Tron aus dem Jahre 1982 gibt es etwa so viele Fans wie Hasser, zu denen wohl auch die Fans gehören, die nicht mehr auf den 26. August warten können, wenn die Fortsetzung startet. Im folgenden Jahr kam mit War Games der Home Computer auf der Leinwand an. 1988 erschien in Polen "Dekalog 1 -- Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir" -- von Krysztof Kieslowski. Ein Junge will auf einem See Schlittschuhlaufen, Vaters Computer berechnet die Dicke der Eisschicht, doch der Computer irrt, das Kind bricht ein und ertrinkt. Computerfilme der 90er Jahre haben es seltsamerweise nicht in den Filmkanon geschafft, einzig 23, die Geschichte um den Hacker Karl Koch, kommt wieder auf Nominierungen. Der Vollständigkeit halber sei nachgetragen, dass einige Leser ausdrücklich Filme nannten, die nicht aufgeführt werden sollten, etwa das "Netz" mit Sandra Bullock aus dem Jahre 1995 oder "You've Got Mail" (E-Mail für dich). Wenn ein Konzern wie Time Warner AOL aus dem Namen streicht, dann soll dies offenbar mit AOL-Filmen auch möglich sein.
*** Schwer aus dem kulturellen Gedächtnis wird dagegen das heutige Geburtstagskind zu tilgen sein: Vor 110 oder 111 Jahren wurde Mae West geboren, die mit dem erotischen Tanz "The Shimmy" Geschicht schrieb und später ein großer Filmstar wurde. Weil sie ihren wackelnden Bauchnabel zeigte, mußte sie wegen "Verrohung der Jugend" für eine Woche ins Gefängnis. "Ist das ein PDA in deiner Hose oder freust du dich, mich zu sehen", dieser West-Satz gehört zum kulturellen Welt-Erbe. Im Jahre 1955 gab es einen Wahrsager, der prophezeite, dass Mae West 1960 die erste Präsidentin der USA werden und 1965 zum Mond fliegen würde. Zumindest die Präsidentin West hätte die Geschichte nachhaltig verbessert.
Was wird.
Morgen vor 70 Jahren wurde der Volksempfänger 301 auf der Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin eingeführt. Die 301 als Typenbezeichnung verdankte das Radio dem 30. Januar 1933, dem Tag der Machtergreifung. "Der Rundfunk soll das braune Haus deutschen Geistes sein", hieß es auf der Funkausstellung. Die On Board Unit für das gesunde Volksbewusstsein besaß nur Mittelwelle, damit keine ausländischen Sender gehört werden konnten. "Drei kleine Meckerlein, die hörten Radio. Der eine stellte England ein, da waren's nur noch zwo", sang die Hitlerjugend. Am ersten Tag wurden 100.000 Stück des VE 301 verkauft, am 1. Januar 1934 waren 5 Millionen Teilnehmer angeschaltet. Das Radio begleitete Deutschland in den Schutt, und als es aus der Asche kam, war es das Radio, das den Boss unsterblich machte. Als das Volksfernsehen den Fußball terrorisierte, war der Mann mit der Klebe schon wieder weg. Zu den Toten dieser Woche zählt Gerhard Mauz, der auch als Sportreporter arbeitete. Ihm waren gleichgeschaltete Meinungen stets der Horror.
Morgen hat nicht nur der Volksempfänger Geburtstag, es ist auch der 500. Todestag des berüchtigten Papst Alexander VI., der den Ablasshandel in großem Stil aufziehen ließ. Das bringt uns in die Gegenwart zurück: Hoch her wird es in Las Vegas gehen, wo das SCO Forum seine Pforten öffnet, wo mehr als 40 Journalisten und 4000 Entwickler die frohen Dinge erfahren werden, wie es im Sommertheater weiter gehen wird. Treffen dieser Art liefern immer Anregungen für neue Geschäftsmodelle, erst recht, wenn der erste Käufer einer Antidot-Lizenz seinen Auftritt hat: Live and let die. Allein auf die treue SCO-Band Deth Specula muss man verzichten, doch nicht auf die guten Perspektiven. Man denke nur an die tolle Mucke, wenn sich RIAA und SCO zusammen schließen.
Finnland ist nicht nur das Sauna- und Nokia-Land, es war bis vor kurzem auch Sonera-Land. Die Telefongesellschaft, heute zur TeliaSonera fusioniert, ließ in den Jahren 2000 und 2001 die Telefon- und SMS-Aktivitäten von 100 Mitarbeitern überwachen, um Personen zu finden, die Interna an Journalisten weitergeben. Nun kommt heraus, dass die "kleine, interne Maßnahme" etwas umfangreicher war. Nach ersten Ermittlungen verletzte Sonera mit seiner privaten illegalen Schnüffelei die Privatsphäre von mehr als 7000 Personen. Treffend wirbt Teliasonera "It's not about the tools. It's about the people who use them." Ob es hilft, nur den Firmen zu vertrauen, die ein Datenschutz-Gütesiegel führen, soll eine Sommerakademie der Datenschützer klären. (Hal Faber) / (jk)