Was war. Was wird.
Nein, Hal Faber ist nicht frĂĽh schlafen gegangen, und so schweift ein mĂĽder Blick auf verworrene Zeiten. FrĂĽher aber, da war keineswegs alles besser -- weder in der IT-Branche noch in der Musik.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
"Ich bin soeben erwacht; aber meine Geist ist noch benommen." Hm. Schlechter Anfang, vielleicht hätte ich mich an einen anderen Franzosen halten sollen: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen." Das geht nun aber nicht, so sei es denn, Comdex-Nachwehen und lange Nächte mit prominenten Geburtstagsfeierern zum Trotz will auch heute eine Wochenschau den mit den Tastaturen scharrenden Lesern kredenzt sein. "Gebe der Himmel, dass der Leser, erkühnt und augenblicklich von grausamer Lust gepackt gleich dem, was er liest, seinen abrupten und wilden Weg durch die trostlosen Sümpfe dieser finsteren und gifterfüllten Seiten finde, ohne die Richtung zu verlieren ..." Man sage also nicht, ich hätte nicht gewarnt. Trotzdem aber, auch wenn das rauschende Fest in Hannover wohl mittlerweile für alle -- mit klingenden Ohren, rotgeränderten Augen und heiseren Stimmen -- zu Ende gegangen sein dürfte, sei nachträglich noch einmal auch von dieser Stelle gratuliert. Berufenere als der kleine Kolumnist auf heise online haben dies zu Party-Zeiten in Filmform schon getan: Man mag es als bezeichnend ansehen, dass die Glückwünsche von Apple gewohnt cool rüberkamen, Microsofts Deutschland-Chef Jürgen Gallmann mit Stil das Gläschen Sekt zum Gruße erhob und SuSEs Richard Seibt, der schon als OS/2-Verantwortlicher bei IBM Deutschland nicht zu den Traurigen im Lande zählte, mit lockerer Gelassenheit gratulierte. Manch Bobo könnte sich vom Auftritt dieser drei Herren eine Scheibe abschneiden: So feiert und gratuliert jeder, wie er's verdient hat.
*** Ach ja, nicht nur mit müden Augen blickt man auf verworrene Zeiten. Die USA ist eines der reichsten Länder der Welt und hat insgesamt 80 Milliarden US-Dollar für ein kriegerisches Engagement in Nahost übrig. Aber 5,6 Milliarden fehlen ihr, um das eigene Schulsystem zu renovieren, wenn man der Global Campaign for Education glaubt, die am Dienstag ihre Studie "Strengt Euch mehr an" veröffentlichte. So hat die USA das schlechteste Schulsystem der reichen Industriestaaten, neben Neuseeland und Griechenland. Ohne von deutschen Pisa-Nöten abzulenken, möchte ich darauf verweisen, dass einige kluge Köpfe den amerikanischen Missstand bemerkt haben. Etwa Bill Gates, der die Situation des Schulwesens ganz schrecklich findet. 51 Millionen Dollar hat Superphilanthrop Gates nun den kleineren New Yorker Schulen gespendet, die von der Stadtverwaltung im Stich gelassen wurden. Empfänger und Verwalter der Summe ist ausgerechnet Joel Klein, der große Gegenspieler im Antitrust-Prozess. Ähnlich seltsam sind die Wege von David Boies, der als Staranwalt gegen Microsoft kämpfte, Napster und Al Gore verteidigte, und nun bei SCO mit im Boot ist, gegen gutes Geld, versteht sich. "Wo Geld voran geht, sind alle Wege offen", das wusste schon Shakespeare.
*** Bill Gates ist einer der wenigen Amerikaner, dessen Steuerzahlungen nicht von den Computern der Steuerbehörde IRS erfasst werden. Nein, es ist nichts Illegales: Die Summe kann die Software der Behörde einfach nicht verarbeiten. So kann selbst der Microsoft-Gründer Computer zum Absturz bringen, was sonst bei der guten Software des Hauses selbstverständlich kaum gelingt. Bei der üblichen Comdex-Keynote von Gates setzte der Computer nur am Ende eine Reihe von Fehlermeldungen ab. Als eine englische Such-Software präsentiert wurde, die der europäischen Presse bereits zur Geburtstagsfeier des Microsoft-Labors gezeigt worden war, passierte das Missgeschick. Der Rechner verlangte stur nach einer Reihe von DLLs, und die Demo wurde abgebrochen. DLLs, so erklärte ein anderer Vegas-Redner, sind das Salz der Windows-Welt, wie die Libraries das Salz der Unix-Welt sind und eben der SCO Group gehören. Ob McBrides Keynote der Nachwelt überliefert werden wird wie die 20 Keynotes, auf die es Bill Gates zur Comdex brachte, ist zweifelhaft. Nur kurz powerpointete es auf dem Server des Messeveranstalters, dann war die SCO-Präsentation verschwunden: Ein fettgedruckter Hinweis auf proprietäre Information ist alles, was geblieben ist. Spuren im Salz, verwischt von der Geschichte, vom Winde verweht.
*** Wo ist Nemo, fragt dieser Tage nach halb Amerika auch ganz Deutschland. Die andere Hälfte der USA beschäftigt sich mit der Frage, was aus Michael Jackson geworden ist. Manche Amerikaner fragen außerdem, wer JFK erschoss, wofür bei uns der oberste "Verschwörungstheoretiker" zuständig ist. Richtig, wir sind bei den Jubiläen dieses Wochenendes angelangt. Ja, genau, was wäre das Leben ohne den Kennedy-Mord, zumindest für Verschwörungstheoretiker: Wenn die Mondlandung die Mutter aller Verschwörungstheorien zeugte, dann die Schüsse von Dallas ihren Vater. Dabei ist die eigentliche Verschwörung die wundersame Wandlung des Kennedy-Bildes in der Öffentlichkeit: Vom kalten Krieger, Kuba-Invasionisten und Vietnam-Interventionisten zum Friedensfürsten. Immerhin, das Bild des modernen Politikers prägte JFK vor -- einschließlich der als ihre Begleiterscheinung nicht mehr wegzudenkenden Spin-Doctores.
*** Da Erinnerung an Kennedy aus Millionen Links dröhnt, widmet sich das "tanzende W" den kleinen Daten des 22. Novembers, wie immer in der Gewissheit, dass die Leser noch ganz andere runde Jubiläen finden. Vor 75 Jahren wurde Ravels Bolero uraufgeführt, trotz aller neubelebter nackter Beatlemanie das größte Orchesterlied des letzten Jahrhundert: Phil Spector kann seine Streichereien einpacken, Weichspüler Penderecki, heute 70 geworden, kann sich höchstens noch als Superstar bewerben. Apropos nackt: Da drängt sich doch glatt die Frage nach einer Künstlerin auf, die mit einem Bolero ihre Karriere versenkte.
*** Näher an Kennedy dran ist der 22. 11. 1983, der apokalyptische Gerichtstag auf deutschem Boden genannt. Die Rede ist vom Nachrüstungsbeschluss des deutschen Bundestages, von dem Michael Schneider damals schrieb, man werde diesen Tag "als den schwärzesten Tag in der Geschichte der Bundesrepublik bezeichnen, falls es sie dann noch gibt". Nun, es gibt sie nicht mehr, diese hysterische BRD des kalten Krieges. Dafür geht ein Dank nach Osten. Mit Kennedy starb vor vierzig Jahren der Autor und LSD-Forscher Aldous Leonard Huxley, der die schöne neue Welt beschrieb, in der wir leben. In der es Prozac braucht und ein Dutzend Linux-Boxen, um die Sterne sehen zu können. In der nicht nur das Militär, sondern das Kaufhaus und der Discounter um die Ecke mit jenen Transpondern arbeiten, die aus Waren intelligente Dinge machen, die uns umzingeln. Wohlmeinend wird gewarnt, doch bald wird es darum gehen, das Geschwätz der kleinen Dinge gleich hinter der Ladenkasse abzustellen.
*** Es gibt Heise-Autoren, die manchen tollen Tipp für eine Story den aufmerksamen Forums-Lesern und -Leserinnen verdanken. Doch immer, wenn sie versuchten, etwas über diejenigen Beiträger und Beiträgerinnen zu erfahren, die anonym im Forum unterwegs sind, wurden sie von den Aufsehern geblockt. Das ist beim unersättlichen Hunger nach dem Scoop schrecklich, doch bei näherer Betrachtung der Lage unerlässlich. Auch wenn die Anonymität dazu führt, dass Debatten über Betriebssysteme in einer Form stattfinden, die die erworbene Schulbildung einer der Baumschule entsprechenden Stufe nahelegen, so bleiben die Beiträge anonym. Nun hat es dieser Tage viel Aufregung um die liebliche tabsi gegeben, die etwas unüberlegt gepostet hatte und damit ihre Gegner verführte, ihre Identität anzunehmen. Quod erat demonstrandum, frei nach Asterix und Obelix. Schweißgebadet in der Nacht wachte tabsi auf, nach einem fürchterlichen Albtraum. Doch siehe da, alles wird gut. Ein tabsi-update genanntes Stück Software ist eingespielt, die Produktion von tabsi-Goldkettchen wird hochgefahren. Am Knuddeln arbeiten wir noch, röcheln die Programmiersklaven in den Verließen von Heise.
Was wird.
Was wird beginnt der Abwechslung halber mit einem Ereignis in der nächsten Woche, das nicht wird. Die Konferenz über den Einsatz von quelloffener Software in Regierungen und staatlichen Institutionen wurde abgesagt, weil die Forschungen des Projekts sich nach dem Richtlinien der EU mehr um die Bestandssicherungen des geistigen Eigentums drehen sollen. Man kann es so beschreiben: In der Wissenschaft wird das Knuddeln "Playing Hardball" genannt.
Bleibt nur übrig an den 24. November 1973 zu erinnern. Das ist bekanntlich der Sieg Israels im Jom-Kippur-Krieg. Die vertrackten Deutschen feierten den Sieg auf ihre Art in Reaktion auf das Öl-Embargo mit einem Auto-Fahrverbot am Sonntag, den 25. November. Was die Ästheten als Volksausstellung im Namen von Joseph Beuys feierten, war für andere der totale Horror. Leider vergaß man, auch den Strom abzuschalten. Leider -- nicht nur wegen entsetzlicher Töne. Nein, früher war nicht alles besser. (Hal Faber) / (jk)