Was war. Was wird.
Denk ich an Deutschland in der Nacht... ja, ja, Heine klingt manchmal abgedroschen, und doch können deutsche Politik, deutsche Hightech, deutsche Presse und deutscher Pop den Schlaf rauben, da braucht es gar kein Mütterchen, befürchtet Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Eigentlich gehört zum gepflegten Sonntagstratsch das runde Jubiläum, doch aus gegebenen Anlass werde ich heute, an der Krümmung des deutsches Flusses, einen historische Ausnahme machen müssen. Heute vor 47 Jahren wurde in Nottingham der Schriftsteller Robert Harris geboren, der den Lesern dieser Wochenschau als Autor des Romans Enigma bekannt ist, aus dem ein etwas peinlicher Film gleichen Namens wurde, mit Mick Jagger in der Nebenrolle seines Lebens. Bevor Harris Schriftsteller wurde, arbeitete er als Journalist. 1987 entspannte er vom täglich nervenden Journalismus (ja, ja) an einem italienischen Badestrand, der fest in teutonischer Hand war. In der Sonne eingedöst, schreckte Harris auf und rings um ihn sprachen alle nur Deutsch. Fest davon überzeugt, dass die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hatten, schwamm er hinaus, sich zu ertränken. Aus dem kleinen schizohistorischen Anfall entstand sein Buch "Vaterland", dessen Handlung vor 40 Jahren einsetzt, mit den Vorbereitungen zu Hitlers 75. Geburtstag. 1964 beherrschen die Deutschen ganz Europa und haben die Judenvernichtung zum erfolgreichen Ende gebracht. Deutschland ist ein totaler Überwachungsstaat, in dem die letzten Zeugen ermordet werden, die nicht das offizielle Märchen von den umgesiedelten Juden glauben. Der deutsche Angriff auf die Herrschaft in Europa, der heute vor 68 Jahren von den Engländern beschönigt wurde, endete in einer Niederlage.
*** Und wo wir schon in Deutschland sind, zu ach so liberalen Zeiten: Ist das wirklich alles? Müssen wir damit leben? Wahrscheinlich: Jede Zeit und jedes Land hat den Pop -- und die Musikindustrie --, die sie und es verdienen. So vergehen die Echo-Awards und hinterlassen nicht einmal eine minimale Spur im Lauf der Zeiten und der Musik, haben sie doch nichts besseres zu bieten als etwa Yvonne Catterfeld, Dieter Bohlen, Scooter, Overground, Pur, DSDS -- und Urdeutsch-Tiefsinnsrocker wie Wolfsheim als "Alternative". Und nein, zu Xavier Naidoo, dem Vorbeter der neuen deutschen Jugend, fällt mir einfach auch nichts ein, genauso wenig wie zum Spagat zwischen Herbert Grönemeyer, Besinger von Schröders Berliner Republik, und der unter Applaus der NPD das neue deutsche Land beträllernden Mieze von Mia. Was jammern sie also also rum, die Herren und Damen der Musikbranche, verdienen sie damit doch immer noch Geld, und bei allem Gejammer um Raubkopieren und Tauschbörsen anscheinend noch immer zu viel, sonst drängelte sich nicht der Frust der "neuen Mitte", den die New-Wave-Reminiszenz "Wir sind Helden" so elaboriert besingt, oder die Belustigungsmusik der Hip-Hoper von "Seeed" als einziger Lichtblick in den Vordergrund. Wer sich all das ansonsten als deutsche Popmusik titulierte Gedudel anhört, hört vor allem eines: dass Ex-Universal Tim Renner Unrecht hat. Von wegen Vielfalt und nationale Eigenheiten -- geschissen ist drauf, wenn nichts besseres dabei herauskommt. Dann doch lieber wieder "Weißes Papier" -- oder ist es etwa an der Zeit, dass hier erneut eine Liste entsteht, dieses Mal über die 10 besten deutschen Pop-Lieder und Rock-Songs? Es hört sich alles danach an. Vorschläge sind also aufs Neue willkommen, mit entsprechender Begründung, versteht sich, auf dass die Leser des tänzelnden W ebenso wie der kleine Hal ihre Vorlieben bei den besten deutschen Popsongs endlich einmal der Öffentlichkeit -- und einer Branche, die Ideen wahrlich nötig hat -- kundtun.
*** Immerhin, und wir sind immer noch in Deutschland: Zu den bemerkenswerten Ereignissen dieser Woche gehört eine Entscheidung, die dafür sorgt, dass Deutschland noch nicht der Überwachungsstaat ist, den "Vaterland" beschreibt. Der Große Lauschangriff muss ein bisschen kleiner Ausfallen, auch wenn die Politik das Urteil geflissentlich ignorieren möchte. Zu den positiven Nachrichten gesellen sich freilich auch negative, die von der Vaterland-, äh... Heimatland-Sicherheit produziert werden. Nehmen wir nur den Start der automatischen Videoüberwachung in Bayern, die die selbstgefällige taz mit einem Hinweis auf Toll Collect kommentiert, ohne zu erwähnen, dass die Technik der Mautbrücken und die Videoüberwachung von ein und derselben Firma geliefert wird.
*** Was die urdeutsche und hochtechnisierte LKW-Maut anbelangt, so winken die Transport-Profis mit Grauen ab, während die Politik-Profis ihr Lieblingsspiel betreiben: Posten umbesetzen. Die beklagte Software wird unterdessen von den Leuten weiter programmiert, die seit 1999 an ihr arbeiten. Nun wird die LKW-Maut federführend von einer Firma betreut, an der der Bund mit 86% beteiligt ist. Wer hier auf Aufklärung hofft, gar auf eine bedingungslose Öffentlichkeit, ist radikal, doch ein bisschen weltfremd.
*** In Deutschland aber, dem Land der Besiegten, gab es um 1964 eine Zeit, in der viele kritische Schriften nicht zu haben waren. Sie wurden zwar nicht verboten, wie die Weltbühne Ossietzkys, die heute vor 71 Jahren zum letzten Mal erschien, sie waren einfach nicht vorhanden. Sie waren verbrannt oder im Ausland erschienen. Die Konsequenz waren Raubdrucke von Autoren wie Adorno. Aus Raubdrucken lernten die so genannten 68er, die es heute außerordentlich verwerflich finden, wenn ein Kunstprojekt Textpassagen online stellt. Doch wie sagte schon ein Adorno, der von seiner Stadt Frankfurt an einen Herrn Reemstma verkauft wurde, jedenfalls in der Interpretation des ersten linken KI-Programmes namens Trotzki 2000: "Es gibt kein richtiges Millionär-Werden im Falschen".
*** Verweilen wir einen Moment noch in Deutschland, um Anlass für ein abschweifendes Jubiläum zu finden: Millionäre werden sie hoffentlich nicht mehr, die Abzocker mit ihren versteckten Dialern. Ob die miese Masche überhaupt ein Ende hat, muss freilich bezweifelt werden. Was immer angeboten wird, um heißen Porno schneller sehen zu können, das wird auch unbedenklich installiert, das würde auch in einem Harris-Universum gelten. Eigentlich haben die Abzocker ja ihr Jubiläum zu feiern, ein richtig rundes sogar, denn vor 10 Jahren rummste es gewaltig. Zunächst im Usenet in allen alt.culture-Untergruppen, doch zwei Tage später waren alle meine Mailboxen am Überlaufen, ob Compuserve, ob Internet, ob MHS. Die Green Card Lawyers schlugen zu. Der erste professionell geplante und durchgeführte Spam wurde von den Rechtsanwälten Lawrence Canter und Martha Siegel im Internet wie im echten Leben mit aller Konsequenz durchgezogen. Zeitgleich erschienen ihre Bücher zum " Profit im Internet", in Deutsch etwa bei Metropolitan:
"Bitte glauben Sie nicht den Blödsinn, den diese Clowns verzapfen. Ignorieren Sie die Clowns einfach. (Mit Clowns meinen wir diese Trottel mit dem glasig starrenden Blick). Die Datenautobahn ist für jeden zugänglich, auch für Rechtsanwälte und auch für Sie. [...] Glauben Sie niemals dem Unsinn. Es gibt keine Gemeinschaft im Internet. Ein Netzbewohner hat jedes Recht, seine Geschäfte zu machen."
FĂĽr einige war es der Anfang, fĂĽr andere das Ende.
*** Deutsche Lande, deutsche Presse: Wo wir beim Geschäfte machen sind, darf diesmal die Bild-Zeitung nicht fehlen. Das Schmierenblatt der Nation hatte unlängst gegen die Türkin Sibel Kekilli zu einer Denunziationsaktion aufgerufen, zu der Telepolis das Gegenstück produzierte. Doch siehe da, was einem Springer-Blatt erlaubt ist, ist in diesem unserem Lande nicht einem Heise-Blatt erlaubt, das prompt von Rechtsanwälten schurigelt wird: Schmähkritik ist nicht jedem erlaubt. Lang lebe die Doppelmoral. Mit Blick auf Köhlers Krönung warten wir nur noch auf die Fortsetzung der Ole-Romanze. Geht es nach der Bild, so heißt es bald nicht mehr Hanau selber kaufen, sondern KZ selber kaufen. Bald läuft die größte christliche Filmwerbung aus dem Hause Springer an, die einen Film von Mel Gibson retten soll. Schon entrüstet sich die christliche Sittsamkeit über die Chzúfim, die den ziemlich schlechten Film auf die Schippe nehmen und entsprechend beantworten. Für einige war es das Kopftuch, für andere das Kreuz.
*** Womit wir deutsche Gefilde endlich verlassen, aber nur unter Verweis auf die Legende einer deutschen Stadt noch ernst bleiben können: Naht es, naht es, das Ende in einem Fall, in dem die SCO Group zum Allerletzten greift und abgehalfterte Analysten und Ferrari-Fans wie Rob Enderle den Stand der Dinge kommentieren können. Nun ist es echt, was als Halloween X veröffentlicht wurde. Nun kommt die mehr als dubiose Rolle eines Michael Anderer in das Schweinwerferlicht und dort, wo der IT-geschädigte Journalist mit IPX ein Novell-Protokoll vermutete, taucht die Firma IPX auf, die darauf spezialisiert ist, geistiges Eigentum aus anderen Firmen zu destillieren.
*** Schildbürgerstreiche aber gibt es zu Hauf, nicht nur in Deutschland. Wo es um geistiges Eigentum geht, sind die Patente nicht weit entfernt. Noch ist es nicht absehbar, was mit Eolas passiert, da die Entscheidung nur vorläufig ist. Auch Microsofts grandioser Porto-Plan gegen Spam kommt mit dem den Pferdefuß eines noch unsicheren Patentes einher. Wobei, wenn wir schon bei Patenten und Microsoft sind, wir die Einigung mit AT&T über Patent-Streitigkeiten nicht vergessen sollten, denn: Heute vor 128 Jahren wurde US-Patent 174.464 erteilt, das bisher wichtigste Patent aller Zeiten. Der glückliche Empfänger war Alexander Graham Bell und "seine" Erfindung war das Telefon.
Was wird.
Ruhig ist es, wie jedes Jahr, wenn Journalisten kurz Luft holen können, ehe die CeBIT mit ihrem Gedröhn den Verstand niederwalzt. Get the spirit of tomorrow heißt es bald in Hannover, wenn Pappnasen und Papprechner zusammen kommen. Unruhig sind allein die Vertreter der PR-Firmen, die alle Kommunikationskanäle zustopfen. So bleibt als Hinweis auf kommende Veranstaltungen nur die 2. Hamburger Internet-Filterkonferenz übrig, die sich mit Bombenbauanleitungen und Suizidchats beschäftigt und die "Pioniere der Internetfilterung" über das Thema reden lässt: "Die innere Sicherheit und der Jugendschutz werden durch Spezi-Fische Angebote im Internet bedroht."
Machts gut, und nein, kein Danke fĂĽr den Fisch. Lasst es gut sein. (Hal Faber) / (jk)