Ă–kosystem Meer: Wie das Meer Nahrungsmittelquelle und COâ‚‚-Senke bleiben kann
Seite 2: Beispiel Ostsee
Vielleicht ist es aber auch schon zu spät. Zumindest für Orte wie die Ostsee. "Wir führen da seit Jahren ein Experiment durch, von dem keiner so genau weiß, wie es ausgeht", sagt Rainer Froese vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Denn für die Funktion eines Ökosystems sind vor allem zwei Elemente essenziell wichtig: Die sogenannten "Keystone Species" und die "Top Predatoren" – die Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette – müssen in entsprechenden Mengen vorhanden sein. Und das ist dort nicht mehr der Fall.
"Sonne scheint, bringt Energie in das System, und das pflanzliche Plankton produziert daraus Nahrung", erklärt Froese. "Diese Schwebealgen sind sehr klein – nur Bruchteile eines Millimeters. Sie werden von Zooplankton gefressen. Das sind hauptsächlich winzige Krebse, die nur wenige der größeren Tiere fressen können, wie etwa Sprotten, Heringe, Sardinen und Sardellen. Diese transportieren die Nahrungsenergie in den Zentimeterbereich, wo sie für Raubfische, Vögel und Meeressäuger zugänglich ist."
Top Predator: Dorsch
In der westlichen Ostsee sind Hering und Sprotte also solche Keystone Species. An der Spitze der Nahrungskette steht dort der Dorsch als Top Predator. Bis jetzt. Denn seit einigen Jahren sind die Bestände von Sprotte, Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee zusammengebrochen. "Was passiert jetzt mit dem System?", fragt Froese. "Ganz ehrlich, wir wissen es nicht. Aber es gibt eine Vermutung: Quallen fressen Zooplankton, können also die Lücke füllen, die durch das Wegfischen von Hering und Sprotte in der westlichen Ostsee entstanden ist." Es könne aber auch andere Ausbrüche geben, wie etwa die massenhafte Vermehrung von Stichlingen oder Garnelen oder Asseln oder Algen und Bakterien.
Die Hauptursache für die zusammengebrochenen Bestände von Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee sieht Froese in der Überfischung. "Von Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee wurde bis zu dreimal mehr rausgenommen, als pro Jahr produziert wurde", sagt er. "Die Bestände wären auch ohne Klimawandel zusammengebrochen. Der Klimawandel kommt nur obendrauf." Würde man die "Misswirtschaft beenden", könnten sich die Bestände wieder erholen, "solange es hoffentlich noch möglich ist".
Christian Möllmann von der Universität Hamburg ist da wesentlich weniger optimistisch: Er hat gemeinsam mit Kollegen 2021 eine Studie veröffentlicht, die eine Kombination aus Überfischung und Klimawandel für eine "irreversibel kleine Vermehrungsrate" der Dorschbestände in der Ostsee verantwortlich macht. Die Forschenden nutzen für ihre Arbeit ein abstraktes mathematisches Modell aus der sogenannten Katastrophentheorie, das einen "Regimewechsel" in dem Ökosystem diagnostiziert. Mit anderen Worten: Auch wenn die Bestände nicht mehr befischt werden, würden sie sich auf absehbare Zeit nicht wieder erholen.
Eine Frage der Politik
Unabhängig davon sind sich alle Experten jedoch einig, dass es darum gehen muss, die Überfischung zu stoppen. Die ist zwar verboten, aber letztendlich geht sie weiter, klagt Froese: "Ich war sehr engagiert in der letzten Reform der Europäischen Gemeinsamen Fischereipolitik", sagt er. Seit 2014 gibt es dazu ein europaweites Gesetz. "Da steht drin, dass ab 2020 mehr nicht überfischt werden darf, Punkt. Keine Ausreden, keine Ausnahmen. Fakt ist aber: Im Jahr 2020 wurden etwa 40 bis 50 Prozent der Bestände weiter überfischt, und zwar nicht illegal, sondern legal, weil unsere Landwirtschaftsminister einfach höhere Fänge vorgegeben haben, als die Bestände durch Wachstum ausgleichen können", sagt Froese. "Mit anderen Worten: Das System funktioniert nicht."
Das Bundeslandwirtschaftsministerium sieht das naturgemäß anders. Um zu verhindern, dass die Bestände sich nicht mehr erholen, wurde für die "Dorschbestände die gezielte Fischerei eingestellt und es wurden jeweils sehr restriktive Beifangmengen festgesetzt", schreibt Michael Hauck, Sprecher des Ministeriums. Doch der Teufel steckt im Detail. Froese plädiert dafür, die Fische erst dann zu fangen, wenn sie groß genug sind, also ihr maximales Wachstum erreicht haben und sich mehrfach fortgepflanzt haben – was praktisch bedeuten würde, nur Netze mit größerer Mindestmaschenweite zuzulassen. Eine solche Regelung sei bereits in Kraft, entgegnet das Ministerium, eine "präzise und gerichtsfest kontrollierbare Definition der Maschenweite" sei jedoch "schwierig". Zudem könne eine schlichte Erhöhung der Maschenweite dazu führen, "dass der Fangaufwand steigt. Dadurch kann auch die Menge an Beifängen zunehmen." Das dem Ministerium zuarbeitende Thünen-Institut für Ostseefischerei arbeite deshalb bereits an der Entwicklung selektiver Schleppnetze mit "artspezifischen Fluchtgittern", durch die beispielsweise Dorsche entkommen, während Schollen im Netz bleiben. Die EU-Kommission bereite zurzeit eine Verordnung vor, die den Einsatz solcher Netze verpflichtend mache, schreibt das Ministerium. Einen Zeitplan dafür gibt es nicht.