Sauerstoffzelt

Inhaltsverzeichnis

Ob es an Details der deutschen Bürokratie und folgender Lustlosigkeit der Franzosen gescheitert war, oder, weil man sich bei Citroën gedacht hat, dass sich eine Vermarktung im Land der statuslastigen Schwermetallautos eh nicht lohnt, wissen wir nicht. Dass es an der angeblich leicht brennbaren Kunststoff-Karosserie gelegen hat, wie heute sogar die Citroën-Pressestelle kolportiert, halten wir aber für ein Gerücht: ABS galt bereits damals als schwer entflammbar. Eine Häufung von Brandschäden ist beim Méhari jedenfalls nicht bekannt.

Unter der Haube des Méhari - zu Deutsch: Dromedar - arbeitet ein luftgekühlter Zweizylinder-Boxermotor mit 0,6 Litern Hubraum und einer Leistung von 28 PS. Das reicht, um den nur rund eine halbe Tonne schweren Méhari bis auf knappe 100 km/h zu beschleunigen - was sich natürlich deutlich schneller anfühlt. Fährt man offen, mindestens wie 150 km/h, je nach Windrichtung. Geschlossen hat man durch das laut peitschende Verdeck und die allgegenwärtige Zugluft den Eindruck, die Kiste will sich auflösen. Tut sie aber nicht.

Wenn man aber nicht gerade Heuballen transportieren oder Verbrecher jagen muss, ist das unmittelbare, sinnliche Erleben der Fortbewegung die Stärke des Kleinstwagens. Kein modernes Cabrio bietet nur annähernd so viel Frischluftgefühl, die Bordwand endet schließlich schon knapp oberhalb Ihrer Hüfte. Geheimtipp: Lassen Sie das Oberteil des Verdecks stehen und fahren Sie ohne Seitenteile. Das schützt vor der stechenden Sonne und lässt Sie dennoch im Freien sitzen. Entspannter und gleichzeitig besser involviert haben sie die Côte d'Azur oder den Achenpass noch nie erlebt ...

Nein. Halt. "Entspannter" trifft es nicht ganz - wegen der kauernden Sitzposition vor dem fast waagerecht stehenden Lenkrad. Das hat der Méhari (neben Luftkühlung, Zylinderzahl, Hubraum, Gewicht und Leistung) übrigens mit dem "echten" Arbeiter- und Bauernauto Trabant gemein ...

Die 1979 vorgestellte Allrad-Version ist ein technischer Leckerbissen. Die Kardanwelle zum hinteren Differenzial läuft geschützt zwischen oberem und unterem Blech im Rahmen, die hinteren Scheibenbremsen sitzen (wie die beim Méhari serienmäßigen vorderen) geschützt am Differenzial, eine mechanische Sperre im hinteren Differenzial und die Geländereduktion sind serienmäßig. In Verbindung mit einer schier nicht enden wollenden Verschränkung durch einen Federweg von über 25 cm (!) pro Rad und dem Fliegengewicht hoben sie die Geländeleistungen auf ein sehr beachtliches Niveau. Die Geländefähigkeiten des vierradgetriebenem Méhari reichten sogar aus, um ihn im Jahr 1980 als medizinisches Begleitfahrzeug bei der Rallye Dakar einzusetzen. Zehn Stück fuhren, ausgestattet mit Tragen, Sauerstoffflaschen, Geräten zur Bluttransfusion los, und alle erreichten problemlos Dakar, im Gegensatz zu den meisten Autos im Teilnehmerfeld. Die hohe Geländebegabung genügte auch, um ihn in einem größeren Kontingent der französischen Armee zu verkaufen.