Retro-Enduro BMW R 12 G/S: Strichweise
BMW präsentiert die R 12 G/S mit Retro-Design, langen Federwegen und reichlich Bodenfreiheit. Ihr betagter Boxer bringt beachtliche 115 Nm Drehmoment.

(Bild: BMW)
- Ingo Gach
BMWs lange erwartete Retro-Enduro mit Boxer-Motor kommt endlich auf den Markt und erhält die Bezeichnung R 12 G/S. Der Strich ist wichtig bei BMW, weist er doch auf die Urahnin von 1980 mit dem ursprünglichen Namen R 80 G/S. Die Marke erklärte damals, dass "G/S" für "Gelände und Straße" stehe. Das hochbeinige Motorrad sollte also sowohl im Dreck als auch auf dem Asphalt eine gute Figur machen. Die anfängliche Skepsis wich bald echter Begeisterung. Acht Jahre und 20.000 verkaufte Exemplare später entfiel der Strich bei der ersten Modellüberarbeitung zur R 80 GS. Der Rest ist Geschichte, die GS wurde mit immer mehr Hubraum zur erfolgreichsten BMW aller Zeiten. Heute ist die R 1300 GS so perfekt und mit Elektronik vollgestopft, dass sich viele Kunden wieder zu den vermeintlich einfachen Zeiten der "Strich S" zurücksehnen.
Neue Enduro mit altem Motor
Um diese Qualitäten zumindest teilweise zurückzuholen, bringt BMW nun die R 12 G/S mit dem bewährten 1170 cm3-Boxermotor. Zwei Punkte standen ganz oben im Lastenheft der Entwickler: Zum einen sollte sie dem Ur-Modell von vor 45 Jahren ähnlich sehen, und zum anderen sollte sie nach dem Fehlschlag mit der R nineT Urban G/S aus dem Jahr 2017 auch wirklich offroadtauglich sein. Die Urban G/S sah zwar nach dem legendären Vorbild aus den 1980er-Jahren aus, konnte das Versprechen mit ihrem Fahrwerk nicht ansatzweise einlösen. Mit den kurzen Federwegen und geringer Bodenfreiheit sollte sie besser nicht im Gelände bewegt werden, zumal sie serienmäßig auf Gussfelgen stand. Drahtspeichfelgen kosteten Aufpreis und das 19-Zoll-Vorderrad war zu klein. Trotz des Namenszusatzes "Urban" gab es viel Kritik an der Pseudo-Enduro und entsprechend enttäuschend fiel der Verkauf der Retro-G/S aus.
Spagat zwischen Retro und Moderne
Solche Fehler vermeidet BMW bei der neuen R 12 G/S. Sie sieht gelungen aus und wirkt minimalistisch wie die R 80 G/S. Wir erinnern uns: Enduros sollten für den Geländeeinsatz so leicht wie möglich sein. Von dieser Prämisse sind die späteren GS-Modelle immer weiter abgewichen, bis sie über 250 kg wogen. Die R 12 G/S zeigt sich aber auch modern, vor allem mit ihrem schlanken Heck. Die kleine Frontmaske weist in ihrer Form hingegen auf die R 100 GS hin, die ab 1988 gebaut wurde.
BMW R 12 G/S Teil I (5 Bilder)

BMW
)Lackierung wie aus den 1980er Jahren
Es ist immer ein cleverer Zug bei Retro-Bikes, die Lackierung des Vorbilds zu ĂĽbernehmen. So wirkt die R 12 G/S in WeiĂź mit hellblauen und dunkelblauen Streifen auf dem Tank am eindrucksvollsten. Eine rote Einzelsitzbank zierte einst die R 80 G/S Paris-Dakar samt 33-Liter-Riesentank. Die stark modifizierte BMW holte in den 1980er-Jahren viermal den Sieg auf der berĂĽhmt-berĂĽchtigten WĂĽsten-Rallye. Es gibt die R 12 G/S zwar auch in komplett mattschwarz und in sandfarben mit rotem Rahmen, aber es dĂĽrfte wohl auĂźer Frage stehen, welche die meistgeklickte Farbe im Konfigurator sein wird.
115 Nm Drehmoment
Der luftgekühlte Boxer der R 12 G/S geht auf das Jahr 2004 zurück, damals mit 98 PS in der R 1200 GS. Heute erfüllt er selbstverständlich die Abgasnorm Euro 5+, leistet 109 PS bei 7000/min und bietet 115 Nm Drehmoment bei 6500[/min. Die damalige R 80 G/S erreichte 50 PS, wog aber vollgetankt auch nur 192 kg. Davon ist die jüngste Interpretation der G/S mit ihren 229 kg weit entfernt. Das dürfte die Kunden der R 12 G/S aber nicht abschrecken, denn sie sprintet angeblich in 4,1 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h erreicht über 200 km/h – Werte, von denen Fahrer einer R 80 G/S nur träumen konnten.
Auch das durchaus geländetaugliche Fahrwerk kann sich sehen lassen. BMW verzichtet auf das schwere Telelever der R 1300 GS zugunsten einer leichteren und voll einstellbaren Upside-down-Gabel von Marzocchi mit 45 mm Durchmesser. Sie arbeitet auf 210 mm Federweg. Hinten stehen am ebenfalls voll einstellbaren Federbein 200 mm Federweg sowie unter dem Motor 240 mm Bodenfreiheit zur Verfügung.
Endlich ohne Entenschnabel
Auf ein semi-aktives Fahrwerk, wie es die R 1300 GS bietet, verzichten Geländefahrer gerne. Es bleibt aber beim Kardanantrieb und Aluminium-Einarmschwinge an der R 12 G/S. Der Stahlrohrrahmen nimmt den Motor als tragendes Element auf. Der Heckrahmen ist angeschraubt, was Sturzfolgen in finanziellen Grenzen hält. Ein Aluminium-Endschalldämpfer schmiegt sich eng am Hinterrad entlang. Sie ist die erste GS seit Langem mit hochgesetztem Vorderradkotflügel ohne Entenschnabel, allein schon dafür gebührt den Designern Lob. Die Ingenieure beschränken den Tankinhalt auf 15,5 Liter, um das Gewicht nicht unnötig hochzutreiben. Wenn die Verbrauchsangabe des Herstellers von 5,1 Liter auf 100 km stimmt, kommt die BMW mit einer Tankfüllung rund 300 km weit.
Langer Radstand
Der Radstand der R 12 G/S ist mit 1580 mm endurotypisch lang, der Nachlauf misst 121 mm und der Lenkkopfwinkel hat 63,1 Grad. Angesichts dieser Werte geht stabiler Geradeauslauf offenbar vor Handlichkeit. Bei den Bremsen greift BMW am Vorderrad zu zwei Zweikolben-Bremssättel von Brembo an 310-mm-Bremsscheiben, hinten ist es ebenfalls ein Zweikolben-Bremssattel. Hier misst die Bremsscheibe 265 mm.
BMW R 12 G/S Teil II (10 Bilder)

BMW
)Das Cockpit besteht etwas spartanisch aus einem Rundinstrument, der die Geschwindigkeit per analogem Zeiger darstellt. Die restlichen Infos finden sich in einem kleinen digitalen Feld in der unteren Hälfte. Der Purismus lässt sich aber noch steigern, wenn stattdessen für 125 Euro ein kleines Digital-Display bestellt wird. Serienmäßig kommt die R 12 G/S mit den Fahrmodi Rain, Road und Enduro sowie einer Schlupfregelung, die für Geländefahrten abgeschaltet werden kann, und Anti-Hopping-Kupplung.
18-Zoll-Hinterrad gegen Aufpreis
Der Fahrer hockt serienmäßig auf einer Einzelsitzbank in 860 mm Höhe, es gibt daher standardmäßig keine Soziusfußrasten. Wenn er das aufpreispflichtige "Enduro Pro Package" wählt, bekommt er ein 18 statt 17 Zoll großes Hinterrad, Geländebereifung, breitere Enduro-Fußrasten, einen größeren Motorschutz, 20 mm Lenkererhöhung, Handprotektoren und einen längeren Seitenständer. Das größere Hinterrad hebt die Sitzhöhe auf 875 mm. Geländefahrer wollen natürlich den speziell abgestimmten Modus "Enduro Pro" haben, doch auch der ist nur im 750 Euro teuren "Enduro Pro Package" enthalten. Wer einen Passagier mitnehmen möchte, der bekommt das Sozius-Paktet mit Zwei-Personen-Sitzbank und Sozius-Fußrasten nicht etwa wahlweise beim Neukauf, sondern muss 205 Euro Aufpreis berappen. Auch Quick-Shifter, Tempomat, Berganfahrhilfe und Griffheizung kann der Käufer (un)verständlicherweise nicht einzeln bestellen, sondern nur als Komfort-Paket für 1010 Euro.
Nicht ganz billig
Für den Listenpreis von 16.990 Euro gibt es die R 12 G/S in "Nachtschwarz uni matt", die historisch anmutende Lackierung "Lightwhite Uni" kostet 300 Euro Aufpreis, die mit viel Zubehör inkludierte "Option 719" gibt es für 1900 Euro extra, die "Option 719 II" gar für 2100 Euro. So entwickelt sich der Preis für die R 12 G/S rasch in Richtung 20.000-Euro-Grenze. Erstaunlicherweise finden sich bei der Sonderausstattung von BMW zwar Seitentaschen und kleine Tankrucksäcke, aber keine Koffer. BMW kündigt die Markteinführung der R 12 G/S für Juni an.