Energie: Wasserstoff-Partnerschaft mit Kanada – Abkommen mit einer Demokratie

Kanada ist das zweitgrößte Land der Welt, dort könnte grüner Wasserstoff auch für Deutschland entstehen. Kanzler und Vizekanzler hoffen auf sichere Abkommen.

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Deutsche Delegation und Kanadische Gastgeber im Gespräch

(Bild: Bundesregierung/Denzel)

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Die verschleppte Energiewende und die in den vergangenen Jahren noch vergrößerte Abhängigkeit von Russland, stellen Deutschland im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine vor erhebliche Probleme. Bundeskanzler Scholz verbindet mit seiner dreitägigen Kanada-Reise deshalb ein wichtiges Ziel: Er möchte in der Energiekrise eine Wasserstoff-Partnerschaft sicherstellen, die den enormen Energiehunger Deutschlands auch in Zukunft stillen könnte. An seinem zweiten Tag in Kanada soll ein Wasserstoff-Abkommen unterzeichnet werden, das die Partnerschaft langfristig sichern soll.

Denn, eines ist klar: Klimaneutral und sicher – so soll die deutsche Energieversorgung der Zukunft aussehen. Aber Deutschland wird sich Prognosen zufolge auch mit Bemühungen im eigenen Land nicht vollkommen autark machen können. Die Stiftung Klimaneutralität appellierte etwa noch im vergangenen Jahr an die Vorgänger-Regierung aus CDU, CSU und SPD, die Nationale Wasserstoffstrategie zeitnah weiterzuentwickeln. In einer Studie mit einem Ausblick bis 2045 prognostizierte sie schon für 2030 einen Bedarf von gut 60 Terawattstunden (TWh) Wasserstoff, um das Ziel von 65 Prozent Treibhausgasminderung zu erreichen. Bis 2045 steige der Bedarf auf über 260 TWh. Der Angriffskrieg Russlands und immer häufiger auftretende Extremwetterereignisse durch den menschengemachten Klimawandel könnten diese Bedarfsrechnungen noch einmal deutlich verändert haben oder noch verändern. Deshalb sucht das Land nun neue Partnerschaften – vorzugsweise mit Demokratien.

Scholz betonte am Montag nach einem Treffen mit Premierminister Justin Trudeau in Montreal entsprechend: "Kanada wird für die Entwicklung des grünen Wasserstoffs eine ganz, ganz zentrale Rolle spielen. Deshalb sind wir sehr froh, dass wir auch bei dieser Gelegenheit unsere Kooperation in diesem Feld ausbauen können."

Neben Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Habeck (Grüne) reisten auch 13 Spitzenmanager mit nach Kanada – darunter die Vorstandsvorsitzenden von energiehungrigen Unternehmen wie Volkswagen, Bayer, Siemens Energy und Uniper. Die deutsche Industrie interessiert sich nicht nur für grünen Wasserstoff, der erst in einigen Jahren zur Verfügung stehen könnte. Auch die Anlandung von Flüssiggas und der Zugriff auf mehr Bodenschätze wie kanadische Mineralien und Metalle ist attraktiv.

Flüssiggas soll in der aktuellen Lage dabei helfen, die Abhängigkeit von Russland zu mildern – und somit auch die Erpressbarkeit durch das Land. Zudem erhofft man sich in Deutschland mittels Flüssiggas über die Zeit zu retten, die es braucht, die eigenen Ausbauziele bei den Erneuerbaren Energien zu erreichen.

Kanada hat zwar Flüssigerdgas (LNG), aber auch hier zeichnet sich nicht eine sofortige Lösung ab. Pipelines und Terminals müssen zum Teil noch gebaut oder fertiggestellt werden. Das Terminal in Wilhelmshaven befindet sich bereits seit Anfang Juli im Bau und soll zum Jahresende einsatzbereit sein. Weitere LNG-Terminals sind für Stade, Brunsbüttel, Hamburg, Rostock und Lubmin im Gespräch. In Brunsbüttel soll ebenfalls in diesem Jahr noch ein schwimmendes Terminal wie in Wilhelmshaven an den Start gehen.

Trudeau sagte, man werde den Export von Flüssigerdgas über den Atlantik prüfen. Eine der Herausforderungen rund um LNG sei jedoch die Höhe der Investitionen in Infrastrukturen. "Wir prüfen jedoch alle anderen Möglichkeiten, um den Deutschen und Europäern kurzfristig zu helfen, da sie im kommenden Winter vor einer echten Herausforderung stehen." Russland dürfe Energie nicht als Kriegswaffe benutzen.

Auch für den grünen Wasserstoff müssten noch Terminals geschaffen werden. Die Windkrafträder für den kanadischen grünen Wasserstoff sollen insbesondere in Neufundland entstehen. Dort sei viel Platz vorhanden, zugleich sei Neufundland nur spärlich bewohnt. Der Energiehunger der eigenen Bevölkerung sei also gering. Laut Berichten der Tagesschau sollen im Laufe der Jahre 500 Onshore-Windkraftanlagen in der Region errichtet werden. Dadurch könnte Neufundland Hunderte neue Jobs erhalten.

Allerdings gibt es bereits Gegenwind aus der Bevölkerung. Passionierte Umweltschützer und Wanderer der "International Appalachian Trail Association" befürchten, dass das herausragende Landschaftsbild durch die Anlagen gestört werden könnte. Paul Wylezol von der Trail Association erklärte: "Das hier ist eine spektakuläre Gegend. Und nördlich liegt ein Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Die Gegend, um die es geht, liegt mittendrin. Wir wollen sie schützen."

(kbe)