Test BMW 840i Cabrio: Ode an den Sechszylinder
Seite 2: Handling, Infotainment, Preis
Das Schiff wird zum Skalpell, wenn es zielgenau jedem Millimetereinschlag des weißwurstdicken Lenkrads folgt. Und wenn man dem Sechsender ein paar Umdrehungen mehr beim Anflug an die Ecke gönnt, kommt das Heck. Und wie es kommt: ganz sanft, wie die Freundin die einen unvermittelt zärtlich am Nacken streichelt. Der Gasfuß entscheidet mit einer minimalen Bewegung, ob man jetzt in einen kontrollierten Drift oder entspannte Neutralität übergehen will. Anders als ein gleich motorisierter Z4, der bei solchen Gelegenheiten gern mal was von einem will, ordnet sich der Achter voll dem Fahrer unter. Der Z4 animiert zum schnellen Fahren.
BMW 840i Cabriolet (25 Bilder)

(Bild: Alle: Christian Lorenz)
Der Achter hat das nicht nötig, um Freude zu machen. Eine Disziplin, die der 840 ungleich besser beherrscht als seine M-bewährten V8-Abarten. „Zu viel“ ist immer deutlich schlechter als „genau richtig“. Gerade wer solch einer zärtlichen Kommunikation mit dem Heck nicht abgeneigt ist, für die der Achter dank seines Radstands prädestiniert ist, sollte aber nicht die Integral-Aktivlenkung bestellen. BMW bietet sie für 1950 Euro beim 840i ab, bei den übrigen 8ern kann man sie aufpreisfrei wählen. Ein Drift mit mitlenkenden Hinterrädern ist aber kaum beherrschbar. Zudem ist sie für die Handlichkeit des Achters nicht erforderlich.
Offen ohne Sprachassistent
Abwechselnd machen elektrisierende Querdynamik und souveräne Reisepassagen diesen herrlichen Granturismo aus. Denn die Federung schluckt alles, was stören könnte. Sie lässt aber alles durch, was zur Fahrzeugbeherrschung beiträgt. Da kann es einem leicht passieren, zu weit zu fahren. Jede Reise wird mit dem 840i großartig und tendenziell länger als geplant. Aber kein Problem, mit dem neuesten Infotainmentbaukasten OS7 von BMW hat man im Nu die kürzeste Route nach Hause aufgerufen – denkt man.
Aber leider muss man feststellen, dass der Sprachassistent in einem Cabrio nicht funktioniert. Dem feudalen Achter ist die Anrede „Hey, BMW“ zu vulgär. Er reagiert darauf nur bei geschlossenem Verdeck, damit es keiner hört. Dann allerdings kann man keine Unterhaltung mehr über BMW führen, weil immer, wenn man als Fahrer „BMW“ erwähnt, die Achter-Alexa nach den persönlichen Wünschen fragt.
Kleine Alltagsfehler
An das nervige Piepsen der Alarmanlage kann sich die Jet-Set-Kundschaft bestimmt ebenso wenig gewöhnen. Schon dadurch wird die Beziehung zu den Nachbarn mit dem Achter Cabrio auf eine harte Probe gestellt. Höchstwahrscheinlich kann man sich das Gepiepse auch wegprogrammieren lassen. Ausgelacht wurde ich mit dem Schiff aber, als ich ihm eine „Cabriowäsche“ in meiner Stammtankstelle gönnte. Während des Waschvorgangs ging die Alarmanlage los und der automobile Blaublüter fiel von seinem mondänen Habitus in ein peinliches Zappeln, Blinken und Hupen. Als würde der Pate plötzlich wie ein Kleinkind in der Badewanne heulen.
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Diese Punkte sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Achter ein Maß an Qualität bietet, wie es auch in dieser Superluxusklasse selten ist. Das im Innovationspaket des Testwagens (3650 Euro Aufpreis) enthaltene Laserlicht zeigt z.B. wie man sich auch ganz emotional über technische Perfektion freuen kann. Schnelle, weite Nachtfahrten, ob in der kurvigen Dunkelheit norwegischer Fjorde oder in der Monotonie der Poebene, werden damit zur lässigen Freude. Böse Zungen behaupten, die Nacht sei die beste Zeit des Achters. Er sähe nicht gut aus und habe ein tolles Licht.
Viel Emotion für viel Geld
Objektiv nicht falsch liegen dürfte man mit der Annahme, dass der Verbrauch in dieser Fahrzeugklasse keine große Rolle spielt. Wir brauchten im Test zwischen 9 und 11 Litern auf 100 km. Je nachdem, welche der beiden Persönlichkeiten des 840i man bemühte: Den Cruiser oder den Sprinter. Das zwar nicht sparsam. Noch vor wenigen Jahren forderten ähnliche Fahrleistungen bei solch souveränem Fahrverhalten aber einen ungleich größeren Tribut an der Zapfsäule. Der Einstiegspreis für den offenen 840i liegt bei 102.500 Euro.
Einige luxuriöse Dinge wie großes Infotainment, Head-up-Display, Lederpolster etc. sind zwar dann schon serienmäßig. Aber für über 100.000 Euro ein Fahrzeug anzubieten, bei dem man ein DAB-Radio für 420 Euro zusätzlich bezahlen muss, grenzt an eine Unverschämtheit. Unser Testwagen mit M-Sportpaket und kompletter Assistenzarmada kommt auf ziemlich genau 119.000 Euro. Das ist sehr viel Geld. Aber man bekommt dafür auch zwei Arten von Autos. BMW ist es hier gelungen, einen SL mit einem Z4 zu kombinieren.
Allerdings könnte man sich auch für einen Bruchteil des Geldes ein vernünftiges Alltagsauto und einen emotionalen Oldtimer zulegen. Für knapp die Hälfte bekommt man z.B. einen VW e-Up (Test) und ein Alfa-Coupé 1750 GTV mit Bertone-Karosserie aus den 70er-Jahren. Noch weniger kostet ein GTV6 mit süchtig machendem Arese-V6. Nein, ich würde den 840i Cabrio nicht kaufen. Aber es gibt derzeit wenig begehrenswertere Neuwagen, schon gar nicht im aktuellen BMW-Programm.
Fazit
Der 8er ist der einzige BMW Granturismo. Die hauseigene Nomenklatur entspringt reiner Ignoranz. Der offene 840i zelebriert Freude am Fahren so, wie man es BMW angesichts des aktuellen Portfolios gar nicht mehr zugetraut hätte. 120.000 Euro müsste einem das allerdings wert sein. Und man sollte Spaß dran haben können, zwei Personen mit wenig Gepäck ziemlich ressourcenvergeudend zu transportieren