Vorwärts in die Vergangenheit: Fahrbericht von der Kawasaki W800
Seite 2: Lineare Kraftentfaltung
Der 773 Kubikzentimeter große Motor entfaltet seine Kraft fast linear. Er bietet zwar nirgendwo einen plötzlichen Punch, aber dafür dreht er auch im oberen Drehzahldrittel erfreulich rasant bis an den roten Bereich bis 7000/min. Eine Ausgleichswelle bekämpft dabei erfolgreich Vibrationen. Das hätte ich von dem Paralleltwin nicht erwartet und tatsächlich fühlt sich der Motor nach mehr als nur 48 PS an. Den Effekt hat die W800 den 63 Nm Drehmoment zu verdanken, die schon bei 4800 Kurbelwellenumdrehungen anliegen.
Selbst im fünften Gang rollt die W800 lässig mit Tempo 50 durch die City ohne zu ruckeln und zieht jenseits des Ortsausgangschildes ohne Runterschalten sauber hoch. Keine Gedenksekunde beim Gasaufdrehen, kein unwilliges Schütteln des Motors, die Kawasaki liefert ihre Kraft mit einer unerschütterlichen Selbstverständlichkeit. Dabei ist die W800 mit 221 Kilogramm bei vollem 15-Liter-Tank kein Fliegengewicht. Nur fürs Protokoll: Die Retro-Kawasaki erreicht 166 km/h. Damit hätte sie die britische Schallmauer der 60er-Jahre, die "magic ton" gepackt, also mehr als 100 Meilen pro Stunde (161 km/h). Das ist auch heute noch ausreichend schnell für ein Motorrad, das vorgibt, ein Oldtimer zu sein.
Schmale Reifen erhöhen den Spaß in Kurven
Die Raddurchmesser der W800 von 19 Zoll vorne und 18 hinten sind klassisch und fahren sich zunächst ungewohnt, aber handlicher als gedacht. Hier tragen die schmalen Reifen (100/90-19 und 130/80-18) ihren Teil zur Agilität bei, trotz des Radstands von 1465 und einem Nachlauf von 108 Millimetern. Kurvenfahren gestaltet sich mit Retro-Bikes erfahrungsgemäß nicht immer locker, doch die Kawasaki vermittelt sogar richtig viel Spaß dabei. Das Einlenken erfolgt ohne großes Gezerre am gut gekröpften Lenker, lediglich eine leichte Hüftsteifigkeit macht sich bemerkbar.
Kawasaki W800 Details (9 Bilder)

(Bild: Ingo Gach)
Einzig das bei flotter Gangart dezente Untersteuern mit entsprechend etwas weiteren Bögen sollte der Fahrer vorher einkalkulieren. Die Angstnippel der Fußrasten setzen erst auf, wenn die W800 schon mächtig Schräglage hat. Die Federung mit einer 41-Millimeter-Telegabel samt Faltenbälgen vorne und zwei klassischen Federbeinen hinten ist komfortabel ausgelegt und funktioniert in den allermeisten Fahrsituationen gut. Nur wenn die W800 sehr schnell durch Kurven mit welligem oder löchrigem Asphalt gescheucht wird, fängt das Heck an zu pumpen. Wer sich mit der Retro-Kawa sportlich betätigen will, sitzt aber auf dem falschen Motorrad.
Gute Bremsen
Ein Lob muss ich der Vorderradbremse von Tokico aussprechen: Ich hatte mich beim Anblick der einzelnen Scheibenbremse mit dem eher unscheinbaren Doppelkolben-Bremssattel auf schwammiges Bremsverhalten und elend lange Bremswege eingestellt und sah mich bald eines Besseren belehrt. Ein klar definierter Druckpunkt am Bremshebel macht Bremsmanöver zur souveränen Angelegenheit und lassen beim Verzögern vor Kurven nie Unsicherheit aufkommen. Dabei greift das ABS relativ früh ein, was bei einem braven Retro-Bike wohl nicht weiter stören dürfte.
Abgesehen von der Euro-5-Norm schont die W800 die Umwelt auch noch durch einen niedrigen Verbrauch von nur vier Litern auf hundert Kilometer. Damit kann sie, trotz ihres mit 15 Litern nur mäßig groß wirkenden Tanks, eine bemerkenswerte Reichweite von 375 Kilometern erreichen. Leider hat sie keine Benzinstandsanzeige, sondern nur ein Lämpchen mit Zapfsäulensymbol im Drehzahlmesser, das bereits aufleuchtet, wenn noch rund fünf Liter im Tank schwappen. Es macht den Fahrer unnötig früh nervös, weil die W800 noch 125 Kilometer fahren könnte.
Teurer Charme
Eigentlich würde ich der Kawasaki W800 eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen, wenn da der Preis nicht wäre: 9995 Euro plus 355 Euro Überführungsgebühren. Für ein 48-PS-Bike ist das nicht billig, zumal die Serienausstattung sehr bescheiden ausfällt: Abgesehen vom Hauptständer und den einstellbaren Handhebeln am Lenker ist die W800 nur mit dem Display im Tacho mit Uhrzeit, Gesamt- und Tageskilometerzähler versehen. Dennoch machen Liebhaber nostalgischen Designs mit dem Kauf einer W800 sicher nichts falsch, nur wenige Motorräder verströmen soviel Charme wie die Retro-Kawasaki.
Die Überführung und die Kosten für Benzin hat der Autor getragen.