Motorrad-Test Zontes 703 RR: Unschlagbar gĂĽnstige Sportmaschine
Die mit edlen Komponenten gut ausgestattete 95-PS-Sportmaschinen-Eigenentwicklung fährt richtig gut. Bei 8290 Euro ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis.
(Bild: Ingo Gach / heise Medien)
- Ingo Gach
Der Name Zontes dürfte den wenigsten Motorradfahrern ein Begriff sein, aber das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Die chinesische Marke baut mittlerweile einige bemerkenswerte Modelle, wir haben uns deshalb die 703 RR zum Test ausgeliehen. Das vollverkleidete Sportbike macht schon im Stand eine gute Figur, sie wirkt aggressiv und dynamisch. Die Front erinnert ein wenig an die Honda Fireblade, das Heck mit den Löchern könnte von der Yamaha R1 inspiriert sein.
- Leistung: 70 kW bei 11.500/min, Drehkraft 74 Nm bei 8500/min
- Komponenten von Marzocci, Brembo und Michelin
- Heizgriffe, Keyless-go und Reifendruckanzeige Serie
- Höchstgeschwindigkeit 230 km/h
- Preis: 8270 Euro
Auch Winglets sind verbaut, aber die Entwickler haben sie so geschickt in die Verkleidung integriert, dass sie kaum auffallen. Die 703 RR trägt wilde Kriegsbemalung, selbst an die roten Felgenaufkleber mit Zontes-Schriftzug wurde gedacht. Wer den Einsatzzweck des Fahrzeugs nicht auf Anhieb kapiert, dem helfen die „Racing“- und „Speed“-Aufkleber an der Schwinge auf die Sprünge. Hübsch ist das „RR“-Branding in der Stufe zum winzigen Soziussitz.
Pfiffige Details
Überhaupt fällt die 703 RR durch pfiffige Details auf. So gehören die beiden vermeintlichen roten Streifen unter dem Heck in Wahrheit zum separaten Rücklicht und leuchten auf, sobald die Zündung an ist. Die sehr schmalen LED-Scheinwerfer stehen gewissermaßen frei in der Frontmaske. Darunter befinden sich zwei Fernlichtscheinwerfer. Eine elegant ausgeführte Zweiarmschwinge mit je einem Loch im Schwingenarm, wie der Rahmen aus Aluminium, sticht optisch heraus. Auch in der oberen Gabelbrücke finden sich gefräste Löcher, was wohl den Leichtbaugedanken optisch unterstreichen soll.
Viel dazugelernt
Litten chinesische Motorräder noch vor wenigen Jahren unter Qualitätsmängeln und schlechtem Finish, beweist Zontes, dass Chinesen schnell lernen. Alle Kabel sind ordentlich verlegt und die Details wirken sauber gefertigt. Die Komponenten stammen von namhaften Herstellern: die Bremsen von Brembo, die Upside-down-Gabel und das Federbein von Marzocchi und die Reifen von Michelin. Eine erste Sitzprobe verrät schon, dass die 703 RR es ernst meint mit dem Sport. Die Sitzhöhe fällt mit 820 mm noch moderat aus, aber die hoch positionierten Aluminium-Fußrasten machen den Kniewinkel eng und die tiefen Lenkerstummel zwingen in eine deutlich vorgebeugte Haltung. Die Rasten lassen sich nicht individuell positionieren, einstellbar sind aber immerhin Kupplungs- und Bremsgriffe.
Zontes 703 RR im Test (7 Bilder)

Ingo Gach / heise Medien
)GroĂźes TFT-Display
Chinesen mögen große TFT-Displays mit Smartphone-Konnektivität, und die 703 RR kommt dem entgegen. Die Aufteilung im Bildschirm ist gut, die Informationen reichlich, sogar Reifendruckanzeige und Griffheizung sind serienmäßig. Die beiden Fahrmodi, die Schlupfregelung und der Laptimer werden mittels eines Scrollrads am linken Lenker eingestellt. Einzig der Blick in die Rückspiegel enttäuscht, denn außer den eigenen Unterarmen sehe ich dort nichts.
Dreizylinder mit 95 PS
Die 703 RR verfügt über Keyless-go, die Anzeige fährt hoch, wenn ich einen Knopf am rechten Lenker drücke. Ein Druck auf den Startknopf, und der Dreizylinder brabbelt in einem angenehmen Sound los. Der 699-cm3-Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen ist eine Eigenentwicklung von Zontes und leistet 95 PS bei 11.500/min. Ursprünglich hatte Zontes sogar 110 PS als Höchstleistung genannt. Die wurden für die EU aber um 15 PS reduziert, um sie auch als gedrosselte 48-PS-Version für den A2-Führerschein anbieten zu können. 74 Nm Drehmoment bei 8500/min sind in der Klasse ein ziemlich guter Wert. Die ebenfalls 70 kW leistende Honda CBR 650 R etwa ist mit einem kleinen Hubraumnachteil deutlich weniger kräftig: Sie benötigt 9000/min für nur 63 Nm.
Ruppig und teigig
Die Kupplung lässt sich ohne viel Kraftaufwand ziehen und der erste Gang fast geräuschlos einlegen. Im Fahrmodus S wie Sport nimmt der Motor das Gas etwas ruppig an. Daher wechsele ich in den Modus E und das Phänomen gibt sich wesentlich verbessert. Der Motor zeigt das typische, etwas raue Dreizylinderverhalten, dreht aber locker hoch und steht gut im Futter.
Bei der ersten Verzögerung fällt mir trotz der Vierkolbenbremssättel am Vorderrad sofort das teigige Bremsgefühl auf. Möglicherweise liegt es an den Bremsbelägen. Wir hatten während des Tests leider nicht die Gelegenheit, sie zu wechseln. Grundsätzlich verzögern sie aber ordentlich, es fehlt jedoch das klare Feedback. Bei harten Bremsmanövern, wenn die Gabel sehr weit eintaucht, bekommt der Vorderreifen Kontakt zum Bugspoiler, wie schwarze Gummistreifen beweisen. Da sollte Zontes nachbessern.
Versammelte Fahrposition
Die Tankflanken sind schmal und mit Pads beklebt, um den Oberschenkeln Halt zu geben. Das Sitzkissen ist nicht sehr dick gepolstert, was das Gefühl für das Motorrad verbessert. Das Heck steigt nach hinten merklich an, was einen automatisch nach vorn beugt. Auch wenn ihr Radstand mit 1450 mm eher lang gewählt wurde, erweist sich die 703 RR noch als angenehm handlich, ohne ins Nervöse abzudriften. Sie trifft präzise die anvisierte Linie und hält stabil den Radius. Ihr Leergewicht ist im Fahrzeugschein mit 202 kg (bei zu 90 Prozent gefülltem 16-Liter-Tank) angegeben – nicht rekordverdächtig leicht, aber auf klassenüblichem Niveau.
Zontes 703 RR im Test II (8 Bilder)

Bemerkenswerte 230 km/h
Die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h ist für ein 95-PS-Bike ein ziemlich guter Wert ist. Die 703 RR scheint relativ lang übersetzt zu sein. Ihre Gänge lassen sich per serienmäßigem Quickshifter tadellos durchreißen, allerdings funktioniert er nur nach oben. Nach unten muss die Kupplung bemüht werden. Tatsächlich stürmt die Zontes recht schnell in dreistellige Geschwindigkeitsbereiche. Ihr Windschild ist zwar nicht sehr hoch, gewährt aber einen halbwegs guten Windschutz durch die geduckte Sitzhaltung.
Trotz der nur einstelligen Lufttemperaturen – ich bin für die dreistufige Griffheizung dankbar – funktionieren die sehr sportlichen Michelin Power GP 2, vorne in 120/70-17 und hinten 180/55-17, sehr zuverlässig, zudem tragen sie auch noch zur Handlichkeit bei. Man kann Zontes wirklich nicht vorwerfen, dass sie bei der Ausstattung der 703 RR gespart hätten.
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Abstellbare Schlupfregelung
Inzwischen wieder in den Modus S gewechselt, nehme ich die etwas unharmonische, dafür aber spontanere Gasannahme in Kauf. Die Schlupfregelung lässt sich über das Menü ausschalten, was zumindest für erfahrene Biker den Spaß noch erhöht. Das fast voll einstellbare Fahrwerk mit Feder-Dämpfer-Komponenten von Marzocchi – lediglich die Druckstufe am Federbein kann nicht geändert werden – arbeitet sehr ordentlich. Sie ist ein gelungener Kompromiss für ausreichend Komfort und dennoch straff genug, um auch sportlicher Fahrweise auf der Landstraße gerecht zu werden. Lediglich bei schnell aufeinanderfolgenden, kurzen Wellen oder Löchern hat das Fahrwerk etwas Mühe und gibt die Stöße in die Handgelenke weiter – nichts Dramatisches, aber spürbar.
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Kritik an der automatischen Lenkverriegelung
Im Schnitt genehmigt sich der Dreizylinder fünf Liter auf 100 km, was bei der doch gelegentlich flotten Fahrweise auf einem Sportler völlig okay ist. Bei einem 16-Liter-Tank ergibt sich eine theoretische Reichweite von 320 km. Ein Kritikpunkt zum Keyless-go: Sobald ich mich mehr als drei Schritte vom Motorrad entferne, schaltet sich die Zündung aus, was normal ist. Wenn ich danach das Bike rangiere und den Lenker bis zum Anschlag einschlage, verriegelt sich die Lenkersperre automatisch. Wer darauf nicht vorbereitet ist, kann unangenehme Situationen erleben.
VerfĂĽhrerisch preiswert
Kommen wir zum erfreulichsten Aspekt der 703Â RR: Zontes verlangt nur 8270Â Euro fĂĽr sie. In Anbetracht der guten Ausstattung und sehr ordentlichen Performance ein Kampfpreis. Die chinesischen Hersteller wissen, dass sie gegen die etablierte Konkurrenz aus Japan und Europa nur ankommen, wenn sie ihren Trumpf der niedrigen Fertigungskosten ausspielen und die Preise bewusst niedrig ansetzen.