Reiseenduro KTM 1390 Super Adventure S Evo: Zurück mit Macht – und Automatik

Das Komfortplus der Super Adventure dank Automatik und Assistenzsystemen passt besser zu SUV-Mode und weißbärtigen Kunden als zum KTM-Slogan "Ready to Race".

vorlesen Druckansicht 2 Kommentare lesen
KTM 1390 Super Adventure S Evo

(Bild: KTM)

Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Ingo Gach
Inhaltsverzeichnis

Das vergangene Jahr ist nicht gut gelaufen für KTM, doch immerhin gibt es die Marke aus Österreich noch. Die Insolvenz in Eigenverantwortung hat KTM erfolgreich überstanden, aber der Absatz ist 2025 brutal eingebrochen, in Deutschland um über 82 Prozent. Jetzt will die Marke mit Macht zurückkommen und das darf man bei der 1390 Super Adventure S Evo wörtlich nehmen. Eigentlich war ihre Markteinführung schon 2025 vorgesehen, aber die unerfreulichen Umstände haben sie verzögert. Bereits ihre Vorgängerin 1290 Super Adventure mit 160 PS und 138 Nm aus 1301 cm3 Hubraum war schon ein echter V2-Dampfhammer. Doch KTM meint „bigger is better“ und stockt den Hubraum auf 1350 cm3 auf. Das Resultat sind 173 PS und 145 Nm. Einen fülligen Drehmomentverlauf über das gesamte Drehzahlband erreicht der Motor mit zwei unterschiedlichen Nockenprofilen, die bei 6500/min wechseln. Die brachiale Leistung trifft auf 244 kg Leergewicht.

Optisch ist die 1390 zwar immer noch auf Anhieb als Super Adventure zu erkennen, sie wurde aber gründlich überarbeitet. War das bisherige „Split-Face“ bereits gewöhnungsbedürftig, hat die Neue nun komplett ihr Gesicht verloren. Es wird zwar noch von schmalen LED-Tagfahrleuchten in der Form des alten Scheinwerfers umrahmt, doch die kleinen LED-Scheinwerfer verschwinden in einem schwarzen Loch. Das kuriose Leuchten-Sammelsurium wirkt – man muss es so sagen – unharmonisch.

Auch Verkleidung und Tank sind neu gestaltet, letzterer ist aber immer noch weit nach unten gezogen bis auf Höhe des Kurbeltriebs und fasst unverändert 23 Liter. Der Rahmen ist dezent verbessert worden, er soll 73 Prozent verwindungssteifer sein. Nicht dass der alte Rahmen auch nur im Entferntesten instabil gewesen wäre, aber solche Zahlen kommen bei den Kunden immer gut an.

KTM 1390 Super Adventure S Evo Teil 1 (7 Bilder)

KTM präsentiert die 1390 Super Adventure S Evo mit 173 PS. (Bild:

KTM

)

Das Fahrwerk arbeitet wie üblich mit Komponenten des hauseigenen Zulieferers WP. Die Version „Evo“ bietet darüber hinaus ein semi-aktives Fahrwerk. Es erlaubt, die Federvorspannung an Terrain und Beladung anzupassen. Die zu Grundeinstellungen und Fahrmodus passende Dämpfung ermöglicht ein durch elektronisch gesteuerte Magnetventile geregelter Durchfluss der Hydraulikflüssigkeit. Die 1390 Super Adventure S Evo verfügt über die vier Fahrmodi Rain, Street, Sport und Offroad sowie drei freie Modi, optional ist auch noch ein Rally-Modus erhältlich.

Die 1390 Super Adventure S Evo rollt auf Gussfelgen, vorn im 19- und hinten im 17-Zoll-Format. Das widerspricht eigentlich dem Enduro-Gedanken, aber für Geländefreunde hat KTM gegen Aufpreis die 1390 Super Adventure R mit 21-Zoll-Vorderrad und Drahtspeichenfelgen im Programm. Verzögert wird die 1390 Super Adventure S Evo mit radial angebrachten Vierkolben-Bremszangen von Brembo. An das Bike angepasste Bremszylinder und Bremsbeläge sollen sie noch leistungsfähiger machen.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

Mit Ihrer Zustimmung wird hier ein externer Preisvergleich (heise Preisvergleich) geladen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen (heise Preisvergleich) übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Am lautesten rührt KTM aber die Werbetrommel für sein brandneues, automatisiertes Schaltgetriebe AMT, obwohl das dem KTM-Slogan „Ready to race“ eigentlich fundamental entgegensteht. Es gibt zwar noch einen Fußschalthebel, aber keinen Kupplungshebel mehr, dafür zwei Tasten am linken Lenkerende, die per Zeigefinger und Daumen die Gänge hoch- und runterschalten können. Schaltfaule können wahlweise die Arbeit auch ganz der Automatik überlassen. Die Gangwechsel dauern laut KTM nur 50 Millisekunden und sollen ruckfrei verlaufen.

So weit wie Honda mit der Tourenmaschine NT 1100 (Test), die auf Kundenwunsch mit einem eigens entwickelten Doppelkupplungsgetriebe geliefert wird, geht KTM allerdings nicht. Die Reiseenduro hat optional lediglich ein automatisiertes Schaltgetriebe, was im Vergleich zu Hondas Radikallösung Kosten und Gewicht spart. Die Bezeichnung „AMT“ entspringt der Abkürzung für „Automated Manual Transmission“, wie sie übrigens auch Yamaha bei der MT-07 (Test) für eine technisch ähnliche Umsetzung verwendet.

Dank einer einfachen mechanischen Fliehkraftbetätigung für die Mehrscheibenkupplung fährt die KTM mit AMT bei eingelegtem Gang an, sobald genügend Gas gegeben wird. Sinkt die Drehzahl unter eine bestimmte Schwelle, unterbricht die Kupplung den Kraftschluss wieder. Ein Abwürgen des Motors ist so praktisch unmöglich. Parallel zur Schaltwelle liegt ein Stellmotor für die Gangwechsel, der Fußschalthebel hat keine direkte Verbindung mehr zum Getriebe, er dient lediglich als elektrischer Impulsgeber. So kann das Schaltschema ganz einfach auf Knopfdruck umgedreht werden. Normalerweise liegt der Leerlauf beim AMT unten und die sechs Gänge werden aufwärts geschaltet. Noch unterhalb der Leerlaufposition kann das Getriebe in Parkposition „P“ arretiert werden. Das ist nötig, weil man das Motorrad nicht mit einem eingelegten Gang am Wegrollen hindern kann, da die Fliehkraftkupplung wegen ihres Funktionsprinzips im Stand immer offen ist.

Videos by heise

Der Fahrkomfort auf der 1390 Super Adventure S Evo dürfte sehr hoch sein, zumal auch die gut gepolsterte Sitzbank in zwei Positionen in 847 oder 867 mm einstellbar ist. Im Vergleich zum Vorgängermodell liegt der Lenker 3 cm höher, die Fußrasten ein paar Millimeter tiefer. Der hoch aufragende Windschild kann per Handrad um 70 mm ausgefahren werden.

KTM 1390 Super Adventure S Evo Teil 2 (6 Bilder)

Im Cockpit erfreut ein acht Zoll TFT-Display mit Touchscreen-Funktion. Ein Navi lässt sich als Split-Screen einblenden. (Bild:

KTM

)

Im Cockpit glänzt ein Acht-Zoll-TFT-Display mit Touchscreen-Funktion, das senkrecht steht, wie vom Smartphone gewohnt. Sogar ein Navigationssystem ist im TFT-Display mit Touchscreen-Funktion vorhanden und kann im Splitscreen dargestellt werden. Der Bildschirm ist zwar mit dem Smartphone koppelbar und kann dessen Apps streamen, aber das GPS arbeitet autark. Serienmäßig montiert KTM ein Frontradar der fünften Generation von Bosch. Es ermöglicht eine Abstandstempomat-Funktion mit Distanz- und Kollisionswarner, Überholfunktion und Bremsassistent. Der gewünschte Abstand lässt sich fünffach von „sehr gering“ bis „sehr groß“ auswählen.

Die 1390 Super Adventure S Evo verfügt über ein Keyless-System mit sogenanntem Anti-Relay-Attack, das das Risiko eines Missbrauchs von außerhalb durch Verhinderung der Zündung unterbindet. Außer Lenkung und Zündstrom können auch der Tankdeckel und das optionale Koffersystem schlüssellos entriegelt werden.

Billig ist das rasante High-Tech-Gerät erwartungsgemäß nicht, die 1390 Super Adventure S Evo startet bei 22.999 Euro plus 495 Euro Nebenkosten, erhältlich in den Farben orange-schwarz oder schwarz-weiß. Immerhin bietet KTM nun eine Vierjahres-Garantie, um den Kunden wieder Vertrauen einzuflößen. Denn in den vergangenen Jahren hatte der gute Ruf etwas unter Qualitätsmängeln gelitten. Als Bedingung muss der Besitzer natürlich den Serviceplan für die 1390 Super Adventure S Evo penibel einhalten. Dort steht das Einstellen des Ventilspiels nur noch alle 60.000 km auf dem Plan. So kann dann wenigstens ein bisschen an der teuren Werkstattarbeitszeit gespart werden.