Kommentar: Cabrios, ein Konzept von gestern?

Cabrios sind vom Aussterben bedroht. Das liegt wohl nicht nur daran, dass man uns beliebige Autos mit dem Versprechen auf irgendeine Art von Freiheit verkauft.

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Mazda MX5

Traumcabrio: Mazda MX5

(Bild: Florian Pillau / heise Medien)

Lesezeit: 6 Min.
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Die Redaktion von heise Autos besteht durchweg aus Frischluftfanatikern. Als Notlösung muss es mindestens ein Schiebedach am eigenen Auto tun. Leider wird diese Option immer seltener. Cabriolets wären die Traumlösung, allerdings auch ein Luxus, den sich noch niemand von uns zugestanden hat. Trotzdem erzeugte eine aktuelle Meldung der Deutschen Presseagentur (dpa) eine gewisse persönliche Betroffenheit, der zufolge Autos mit Stoffoberteil offenbar am Aussterben sind.

Laut Kraftfahrtbundesamt wurden 2025 nur noch 33.924 Stück neu zugelassen, das waren ganze 17 Prozent weniger als 2024. Damit sei nur noch jeder 84. in Deutschland verkaufte Neuwagen ein Cabrio. Das markiert allerdings nur das Ende einer längeren Agonie, was deutlich wird, wenn man weiter zurückblickt: 2015 wurden mehr als doppelt so viele Stoffdachautos zugelassen wie im vergangenen Jahr, 2009 waren es mit 102.938 sogar noch dreimal so viele.

Für meine Kollegen und mich hätten es jeweils Viersitzer sein müssen, um nicht die Hälfte der Familie zurücklassen zu müssen. Zu einem VW T-Roc Cabrio hat sich aus Gründen niemand durchringen können. Immerhin als Testwagen haben wir zuletzt den zweisitzigen Mazda MX-5 sehr genossen, der aufgrund seiner Leichtigkeit und des aussterbenden Standardantriebs darüber hinaus auch gehobene Ansprüche an die Fahrdynamik jederzeit erfüllt.

Angesichts der unausweichlichen Umstellung der Fahrenergie ist das natürlich eine inzwischen fast schon nostalgische Perspektive. Wir hatten aber auch eine Riesenfreude am Offenfahren im elektrisch angetriebenen Fiat 500e (Test), obwohl der Kleinwagen mit seinem langen Rolldach zwar schon recht luftig, nach strenger Definition aber gar kein echtes Cabrio ist. Lassen wir unseren Testwagen des Jahres 2023 trotzdem zählen. Er wäre dann der gewissermaßen bescheidene Pol des elektrischen Cabrio-Angebots. Der andere geht in eine deutlich hypertrophe Richtung.

Dort beginnen sich die Probleme des Wandels deutlich zu zeigen. Als zukunftsweisende elektrische Alternative zu einem Mazda MX5 (Test) steht mit dem chinesischen MG Cyberster ein Auto zur Wahl, das dem Anspruch an einen typischen Roadster nicht gerecht werden kann. Sein 375 kW leistender, elektrischer Antrieb macht aufgrund der dafür nötigen Akkus den Wagen zu schwer für ein Handling, das man von der Gattung Roadster erwartet.

Ein MG Cyberster auf der IAA 2023

(Bild: Florian Pillau / heise Medien)

Andererseits gibt es immer weniger potenzielle Kunden, die solche Ansprüche aus eigener Anschauung noch erheben. Schon heute erreichen uns zunehmend Zuschriften von Lesern, die das Problem der drastisch erhöhten Massen für sich offenbar gar nicht mehr nachvollziehen können. Eine Marktchance für dieses Auto könnte sich ungeachtet solcher Entwicklungen aber ohnehin ganz woanders entscheiden: Wie viele der Nachwachsenden haben die Mittel, sich einen solchen Luxus zu gönnen?

Noch viel teurer als ein Cyberster dürfte der Porsche 718 Boxster EV werden. Er war für vergangenes Jahr, dann fürs laufende und nun für 2027 angekündigt. Angesichts der Morgenluft, welche die Autoindustrie mit dem Regierungswechsel und der angeblich wieder größeren Technologieoffenheit der EU um ihre Nasen weht, könnte das Projekt auch ganz beerdigt werden. Er wäre aber aufgrund eines Preises von absehbar mehr als 80.000 Euro ohnehin nur Thema für eine soziale Randgruppe. Das gilt auch für weitere gut 20 Modelle am Markt, von denen 17 über 100.000 Euro kosten, davon ein rundes Drittel über 200.000 und fast keines elektrisch fährt. Sicher keine Autos mit dem Potenzial, die fallenden Verkaufszahlen messbar nach oben zu reißen.

Insofern wäre es auch verständlich, wenn Porsche heute feststellt, dass sich solche Autos für eine Minderheit innerhalb seiner ohnehin exklusiven Kunden kaum lohnen. Denn Cabrios sind grundsätzlich teurer, mit ihren Karosserieversteifungen und der aufwendigen Dachmechanik. Da sie das auch schwerer macht und aerodynamisch verschlechtert, sind zumal bei Hochleistungskonzepten dann große Batterien eher die Regel, mit dem gleichen Fahrdynamik-Problem wie beim MG Cyberster. Alles zusammen treibt den Produktionsaufwand und senkt die Marge.

Im Zusammenhang mit Cabrios formuliert die Meldung der dpa deutlich die Idee, Autos würden ohnehin nur noch über Versprechen verkauft: „Hinter dem Rückgang dürfte einerseits ein Wandel im Lebensgefühl stehen. Zudem wird das Thema Freiheit, von dem der Cabrio-Markt profitierte, inzwischen ein Stück weit durch SUVs besetzt, die in den vergangenen Jahren ihren Marktanteil massiv ausgebaut haben“. Nein, diese offen defätistische Ansicht kann und will ich nicht teilen. Keinesfalls bin ich bereit, irgendein Produkt aufgrund eines unbestimmten Freiheitsversprechens zu erwerben. Ein Auto bleibt für mich weiterhin ein Werkzeug, das möglichst genau auf einen beschreibbaren Anwendungszweck passen muss.

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Denn der reichlich feuchte Traum des Kapitalismus, Produkte über Versprechen und Träume zu verkaufen, kann nur eins bedeuten: Entfremdung. Kein einziges aktuelles SUV wäre für eine Expeditionsreise zu gebrauchen, bei allen Träumen von besagter „Freiheit“. Nicht einmal aktuelle Geländewagen kann der sprichwörtliche Dorfschmied im Sahel noch reparieren, schon wegen seiner zahlreichen elektronischen Bauteile. Dazu eignen sich nur noch einige wenige Autos, die meist deutlich älter als 30 Jahre sind. So weit braucht man bei Cabrios gar nicht zu gehen.

Aber auch bei solchen Faltdachautos bin ich inzwischen zur oben bereits erwähnten Nostalgie gezwungen, wenn ich „Freiheit“ ernst nehme. Bei ihnen führt absehbar der Weg bereits fast exklusiv über den Gebrauchtwagenmarkt, wenn ich mich so richtig unentfremdet der frischen Luft aussetzen will. Als elektrisches Cabrio glänzt dort das nach einer Kleinserie von 999 Stück eingestellte Mini Cooper SE Cabrio von 2023. Ironischerweise ist das auch gebraucht noch ein Auto für eine soziale Randgruppe.

(fpi)