Norwegen: Lange Wartezeiten auf E-Autos
Norwegen kritisiert die Autoindustrie, die den Bedarf an Elektroautos derzeit nicht decken kann. Die Folge sind zum Teil extrem lange Wartezeiten. Die Situation könnte sich binnen Jahresfrist entspannen, denn es ist mit einer Flut von neuen E-Autos zu rechnen
- Thomas StrĂĽnkelnberg
- Sigrid Harms
- dpa
Die Startbedingungen für Elektroautos sind in Norwegen geradezu ideal. Der Staat hat in den vergangenen Jahren reichlich Geld in die Hand genommen, um diese Art der Individualmobilität steuerlich zu bevorzugen. Die Stromerzeugung ist nahezu komplett regenerativ, die Konsumenten interessiert und vielfach kaufbereit. Doch die Industrie kann die Nachfrage derzeit nicht befriedigen, klagen einige Norweger. Die Lage dürfte sich binnen Jahresfrist bessern.
Im vergangenen Jahr wurden mehr als ein Drittel aller neu zugelassenen Fahrzeuge in Norwegen elektrisch angetrieben. Und das sei noch lange nicht das Ende, versichert Sprecher Petter Haugneland von Norwegens Elektro-Autoverein: „Für dieses Jahr erwarten wir, dass der Anteil reiner Nullemissionsfahrzeuge 50 Prozent ausmachen wird. Das wird ein neuer Meilenstein.“
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(Bild: Renault)
Ziel: 100 Prozent
Als die norwegische Regierung vor drei Jahren ankündigte, sie wolle ab 2025 nur noch lokal emissionsfreie Neuwagen zulassen, sorgte das weltweit für Schlagzeilen – so mancher bezweifelte, dass dies machbar ist. Heute scheint das Ziel in Reichweite. „Wenn wir dieses Jahr 50 Prozent erreichen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass wir bis 2025 die 100 Prozent schaffen“, meint Haugneland. Die Umstellung von Autos mit Verbrennungsmotor auf strombetriebene (auf Norwegisch: Elbil) ist ein wesentlicher Beitrag Norwegens, die Klimaziele von Paris zu erreichen. Weil das Land seinen Strom zu rund 95 Prozent aus Wasserkraft gewinnt, eignet es sich hervorragend für die Vorreiterschaft bei der Elektromobilität. Dank staatlicher Subventionen sind Elektroautos sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb oft billiger als Verbrenner. Zudem hat Norwegen im Gegensatz zu Deutschland keine Autoindustrie, auf die es Rücksicht nehmen muss.
Geduld ist gefragt
Aber angewiesen ist man auf die Branche trotzdem. „Wir haben eine extrem große Nachfrage und für viele Modelle gibt es lange Wartelisten, besonders für die großen mit einer langen Reichweite“, sagt Haugneland. Wenn die Industrie nicht nachkomme, sei das Ziel für 2025 in Gefahr. „Wir rechnen damit, dass in diesem Jahr 75.000 neue Elektroautos zugelassen werden“, fügt sein Kollege Ståle Frydenlund hinzu. Sein Eindruck: Einige Autohersteller in Europa halten ihre lokal emissionsfreien Fahrzeuge mit Absicht bis zum nächsten Jahr zurück. Denn ab 2020 gilt ein strengerer EU-Flottengrenzwert von 95 Gramm CO2 je Kilometer für alle neu zugelassenen Autos. Der Volkswagen-Konzern wies den indirekten Vorwurf aus dem Norden zurück: Erst Ende 2019 werde die erste E-Auto-Fabrik in Zwickau wirklich „massenfähig“ sein, erklärte er. Die Nachfrage sei größer als das Angebot. Die Vorstellung, Autos zurückzuhalten, findet man abwegig.
Doch einige Autohändler in Oslo sind schon fast verzweifelt. „Die meisten Kunden müssen bis zu zwei Jahre warten, bis sie ihr Auto bekommen“, klagt Hallgeir Olsen, Verkäufer in einem Kia-Autohaus. „Wir können die Nachfrage nicht befriedigen, wir bekommen nicht genügend Autos geliefert.“ 7000 Norweger stünden allein für den Kia e-Niro auf der Warteliste. Nur 2000 Kunden könnten damit rechnen, ihren Wagen im Laufe des Jahres zu erhalten. Inzwischen würden Plätze auf Wartelisten im Internet verkauft – für 5000 Euro rückt man auf der Liste nach oben. Auch für andere Modelle gebe es Wartelisten.
Wird zu wenig produziert?
Die Schuld tragen nach Auffassung Olsens die Autohersteller: „Die wollen uns lieber Benziner und Diesel anstelle von Elektroautos verkaufen und deshalb produzieren sie weniger“, meint er. Die Autobranche trage dazu bei, dass die Umstellung auf „grüne Energie“ mit E-Fahrzeugen verlangsamt werde. Bei Møller bil, der Hauptvertretung für VW und Audi in Norwegen, sieht man die Lage nicht ganz so dramatisch. „Im letzten Jahr hat es Lieferprobleme gegeben“, räumt Sprecherin Anita Svanes ein. Doch die Wartezeiten hätten sich inzwischen normalisiert. Auch BMW versichert, neue Wagen würden nach zwei bis drei Monaten geliefert.