Der nächste IP-Carrier kriselt
Den Internet-Carriern und Backbone-Betreibern geht es nicht gut; nun kriselt es auch bei dem Traditionsunternehmen Genuity, das aus den ARPAnet- und Internet-Mitentwicklern BBN entstand.
Ob nun durch eigene Schuld, Bilanzfälschungen oder die akute Krise der Weltwirtschaft: Den Internet-Carriern und Backbone-Betreibern geht es nicht gut. Überkapazitäten durch Wirtschaftskrise und Pleiten unter den Dot.coms sowie der rasante Ausbau der weltweiten Glasfasernetze für den Datentransport brachten einige IP-Carrier in Nöte, der skandalgeschüttelte Konzern WorldCom, die Pleite-Firma KPNQwest und der gerade erst versteigerte Glasfasernetzbetreiber Global Crossing sind aber möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs. Nun musste sich auch der traditionsreiche Carrier Genuity vor der US-Börsenaufsicht SEC äußern: Es gebe grundsätzliche Zweifel, dass die Firma weiterarbeiten könne, da die Kreditlinien möglicherweise nicht verlängert würden.
Genuity mag als Firmenname auf Anhieb nicht sofort etwas sagen, aber bei Manchem klingelt es, wenn der Name BBN fällt. Die Firma Bolt, Beranek, Newman baute die allerersten Bestandteile des Netzes, das später zum ARPAnet und damit zur Grundlage des Internet werden sollte (siehe dazu auch: "Hätt ich dich heut erwartet ..." -- Das Internet hat Geburtstag, oder nicht?, c't 21/1999, S. 128). Als BBN Planet formierte die Firma eine Abteilung als unabhängigen Carrier und Internet-Provider, der nach der Übernahme durch den Konzern GTE zu GTEi (GTE Internet) wurde. Nach der Fusion von GTE mit Bell Atlantic zum Telecom-Giganten Verizon wurden die nationalen und internationalen IP-Dienste von BBN dann als Genuity wieder in eine eigene Firma ausgelagert, während BBN Technologies als Technologie-Schmiede bei Verizon blieb.
Verizon hielt zum Schluss noch 9,5 Prozent der Anteile an Genuity, hatte aber die Option, diesen Anteil auf 82 Prozent aufzustocken. Momentan betreibt Genuity neben einem Glasfasernetz in den USA unter anderem eine Backbone-Strecke zwischen New York und London sowie mehrere europäische Verbindungen und Netze, etwa Backbones zwischen Madrid und Paris, Paris und Mailand, Paris und London oder Frankfurt und Amsterdam.
Am 13. August hatte Genuity eine Verlängerung der gewährten Kreditlinien um 30 Tage von den Gläubigerbanken erhalten. Inzwischen hat der Carrier auch eine Beratungsfima beauftragt, die bei der Restrukturierung helfen soll. Dies folgte der Ankündigung von Verizon am 25. Juli, man sei nicht mehr an der Übernahme der restlichen Anteile von Genuity interessiert -- was nicht weiter verwundert, denn angesichts der Überkapazitäten in den Backbones sind Firmen mit Glasfasernetzen inzwischen zu Schnäppchenpreisen zu haben. Zudem müsste Verizon die Schulden einer Firma übernehmen, die im vergangenen Quartal bei einem Umsatz von 282 Millionen US-Dollar einen Verlust von 258 Millionen US-Dollar machte.
Es würden nun aber sowohl mit den Gläubigerbanken weitere Verhandlungen über eine Refinanzierung der Kredite geführt als auch mit Verizon über eine Fortführung des Investments bei Genuity, hieß es. Falls aber Verizon oder die Banken sofortige Rückzahlungen forderten, reichten die liquiden Mittel nicht aus, die Forderungen zu befriedigen. Dann sei man gezwungen, um Schutz nach dem US-Konkursrecht (Chapter 11) nachzusuchen. Die Schulden von Genuity bei den Banken betragen 2 Milliarden US-Dollar, Verizon hat dem Carrier 1,15 Milliarden US-Dollar geliehen. Die weitere finanzielle Unterstützung der europäischen Hosting-Firma Integra S.A., die Genuity im Jahr 2001 übernommen hat, werde ebenfalls eingestellt, heißt es in dem SEC-Bericht, was zur Insolvenz der Firma führen könne.
Zur Situation der IP-Carrier siehe auch: (jk)
- Löcher im Netz -- Internet-Struktur, optische Netze und die Krise der Carrier, c't 15/2002, S. 72
- Ăśber Global Crossing ist der Hammer gefallen
- AT&T: Wir können WorldCom-Traffic übernehmen
- Der Einfluss von WorldCom auf die Internet-Backbones
- Ein weiterer Abschied bei optischen Netzen
- Optische Xros-Switches von Nortel kommen vorerst nicht