Langeweile in der MotoGP: Die Dominanz von Marc Márquez

Das Ausnahmetalent Marc Márquez dominiert die MotoGP mit überlegenem Material nach Belieben. Ein neues Reglement soll die Chancen künftig besser verteilen.

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Marc Márquez

(Bild: Ducati)

Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Ingo Gach
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Marc Márquez ist das Beste und das Schlechteste, was der MotoGP passieren konnte. Was sich paradox anhört, erschließt sich bei näherem Hinsehen. Márquez hat sich 2025 seinen siebten MotoGP-Titel geholt, doch davor lag eine Durststrecke von fünf langen Jahren, bei denen er auf unterlegenem Material unterwegs war. 2025 dominierte der Spanier nach seinem Wechsel zum Ducati-Werksteam die Rennen dann nach Belieben.

Vor allem sein erwarteter Siegeszug bescherte der MotoGP 2025 einen neuen Zuschauerrekord an den Strecken. Rund 3,6 Millionen Menschen kamen insgesamt zu den 22 Rennwochenenden, das waren 21 Prozent mehr als im Vorjahr. Die TV-Zuschauerreichweite stieg um neun Prozent, über 60 Millionen Follower gab es in den Social-Media-Kanälen. Das erfüllte den Veranstalter DORNA natürlich mit Freude, doch die erdrückende Dominanz von Márquez hat auch ihre Schattenseiten.

Spannende Motorräder

Dass Marc Márquez der beste Fahrer im Feld ist, würden wohl auch die übrigen MotoGP-Fahrer nicht anzweifeln. Er ist das Ausnahmetalent, das noch einen Tick schneller durch Kurven kommt, noch geschickter taktiert, sich rascher auf neues Material einstellt und einen untrüglichen Instinkt besitzt. Márquez hat das Ellenbogenschleifen im Rennsport populär gemacht.

Dazu gesellt sich ein unfassbares Reaktionsvermögen. Beim Ritt auf der Rasierklinge – die MotoGP-Bikes leisten rund 300 PS – ist Márquez derjenige, der das ausbrechende Motorrad, das schon am Boden liegt, noch blitzschnell mit Knie und Ellenbogen abfängt, während andere unweigerlich gestürzt wären.

Márquez hatte bis 2019 sechs MotoGP-Titel auf Honda geholt, die Verbindung galt als Dream-Team. Doch 2020 geschah das Unvorstellbare: Honda – seit Einführung der MotoGP 2002 zwölffacher Weltmeister – war plötzlich nicht mehr konkurrenzfähig. Nicht einmal Superstar Marc Márquez konnte daran etwas ändern, er nahm verzweifelte Anläufe, fuhr die Honda RC213V über ihr Limit, nur um irgendwie vorn mithalten zu können.

Die Honda RC213V

Unzählige Stürze und schwere Verletzungen waren die Folgen. Márquez dachte nach vier Jahren laut über seinen Rücktritt nach. Doch dann siegte sein Ehrgeiz und er wechselte nach zehn Jahren bei Honda HRC zu Gresini Racing, das Team, in dem sein jüngerer Bruder Alex bereits war, um die Ducati Desmosedici GP23 fahren zu können. 2024 zeigte sich das ganze Können von Marc, er passte innerhalb weniger Monate seinen Fahrstil auf das für ihn völlig neue Motorrad an, holte drei Siege und belegte schließlich den dritten WM-Rang.

Daraufhin bot ihm das Ducati-Werksteam einen Vertrag an. Damit saß 2025 der beste Fahrer auf dem besten Bike. Das Ergebnis war zu erwarten: Márquez bedankte sich bei Ducati mit absoluter Dominanz. Er vollbrachte das Kunststück, sechs Rennen vor Ende der Saison punktemäßig uneinholbar Weltmeister zu werden und konnte es sich sogar leisten, die letzten vier Rennen auszulassen, um nach einem Sturz im fünftletzten Rennen eine Verletzung gründlich auszukurieren.

Für Márquez war es optimal gelaufen, doch für die Zuschauer machte sich im Laufe der Saison gähnende Langeweile breit. Es war meist keine Frage, wer gewinnt, sondern wer Zweiter hinter Marc Márquez werden würde. Für die restlichen Fahrer war es ein großzügiges Geschenk von Márquez, dass er an den letzten vier Rennen nicht teilnahm und auch mal jemand anderer gewinnen durfte. Die zweite Reihe prügelte sich um die goldene Ananas.

Im Gegensatz zu seinen ersten sechs WM-Titeln zwischen 2013 und 2019 hatte Marc Márquez 2025 keinen ernsthaften Gegner. Damals lieferte er sich noch spektakuläre Duelle gegen Top-Fahrer wie Valentino Rossi, Dani Pedrosa, Andrea Dovizioso und Jorge Lorenzo – Letzterem gelang es 2015 vor Rossi und Márquez den Titel zu holen. Márquez musste früher hart um Siege kämpfen, was die Sache für die Zuschauer spannend bis zum letzten Rennen machte.

2025 hingegen spielte Márquez mit dem restlichen Feld, er holte elf Siege bei seinen 18 Starts und stand 15-mal auf dem Podium. Der regelmäßige Rennverlauf war: Marc Marquez schoss beim Start an die Spitze, führte souverän und siegte mit deutlichem Vorsprung. Die Spannung sank, die Scharmützel um die hinteren Plätze interessieren die wenigsten.

(Bild: Ducati)

Manchmal konnte ihm sein jüngerer Bruder Alex Márquez auf der Gresini-Ducati Desmosedici GP24 zwar folgen und in zwei Rennen gelang es ihm sogar, seinen älteren Bruder zu schlagen. Gelegentlich ließ sich Marc absichtlich hinter Alex zurückfallen, um ihn die Führungsarbeit machen zu lassen, besonders, wenn der Luftdruck seines Vorderreifens bedenkliche Werte erreichte. Zum Endspurt scherte Marc dann aus dem Windschatten aus und ließ den Bruder einfach zurück.

Der Einzige, der Marc Márquez ernsthaft hätte gefährlich werden können, wäre eigentlich sein Teamkollege Franceso „Pecco“ Bagnaia auf der zweiten Werks-Ducati gewesen. Doch der zweifache Weltmeister kam aus Gründen, die er selbst nie richtig verstand, mit der 2025er-Desmosedici einfach nicht zurecht. Bagnaia fuhr oft deutlich langsamere Zeiten als Márquez und das wirkte sich auf seine Psyche aus. Er konnte nur ein einziges Rennen früh in der Saison gewinnen, danach wurden seine Ergebnisse immer schlechter, irgendwann in der zweiten Saisonhälfte hatte er mental aufgegeben. Er fiel zum Schluss fünfmal hintereinander aus und belegte mit rund der Hälfte von Marc Márquez’ Punktezahl nur Rang 5.

Viele hatten ihre Hoffnungen auf Jorge Martin gesetzt. Doch der Weltmeister von 2024 hatte sich zu Beginn des Jahres im Training und danach während der Saison erneut verletzt. Er startete nur bei sieben Rennen und hatte keine Möglichkeit zu zeigen, was er nach seinem Markenwechsel von Ducati zu Aprilia vielleicht hätte erreichen können. Aber selbst unverletzt hätte er den Titel im ersten Jahr auf der Aprilia RS-GP sicher nicht geholt, dafür wäre die Umstellung von der Ducati Desmosedici einfach zu groß gewesen.

Sein Teamkollege Marco Bezecchi war zwar die gesamte Saison über schnell gewesen und hatte drei Siege für Aprilia eingefahren. Bei den letzten beiden Siegen hatte sich Marc Marquez schon verletzungsbedingt seine Auszeit genommen. Aber auch Bezecchi hatte nie eine Chance auf den Titel, obwohl die Aprilia RS-GP zum Ende des Jahres von der Performance fast auf Augenhöhe mit der Ducati war.

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Die Dominanz von Marc Márquez werden wir auch 2026 erleben und damit wird wohl erneut die Langeweile einkehren. Márquez wird zwar im Februar 33, ist aber immer noch in Top-Form und hat vor allem einen unbändigen Siegeswillen. Valentino Rossi ist bis zu seinem 42. Lebensjahr MotoGP gefahren, was beweist, dass heutzutage Rennfahrer bei entsprechendem Training und akribischer Vorbereitung sehr lange leistungsfähig bleiben können. Nichts spricht dagegen, dass Marc Márquez noch viele Jahre MotoGP fahren wird.

Einziger Lichtblick für mehr Spannung: ab 2027 werden die Karten in der MotoGP durch ein geändertes technisches Reglement neu gemischt, unter anderem werden der Hubraum auf 850 cm3 begrenzt, das Ride-Height-Device verboten und die Winglets reduziert. Das bietet Honda und Yamaha die Chance, endlich wieder konkurrenzfähige MotoGP-Motorräder zu konstruieren.

2027 wird der junge und hochtalentierte Pedro Acosta nicht mehr für KTM (deren Teilnahme an der MotoGP ungewiss ist), sondern voraussichtlich für Honda fahren. Er gehört neben Alex Márquez, Pecco Bagnaia und Jorge Martin (je nachdem auf welchen Bikes sie 2027 sitzen) zu den Wenigen, die Marc Márquez zukünftig vielleicht gefährlich werden und den Zuschauern wieder spannende Rennen bescheren könnten.

(fpi)