Motorrad-Zulassungszahlen 2024: Ein Rennen gegen die Zeit

2025 dürfen nur noch Modelle mit Euro5+ neu zugelassen werden, viele Händler mussten die Bestände mit Rabatten losschlagen. Gute Zeiten für Schnäppchenjäger.

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Kawasaki Z 900 RS SE

Beispiel Kawasaki: Die Marke konnte im November 1188 Neuzulassungen verzeichnen, während es 12 Monate zuvor nur 291 Stück waren. Im Bild die Kawasaki Z 900 RS als Retromodell "SE" (Test)

(Bild: Ingo Gach)

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Von
  • Ingo Gach
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Der Wechsel auf eine neue Emissionsorm kurbelt den Motorradverkauf zum Jahresende immer an. 2024 ist er allerdings geradezu explodiert. Im November gab es in Deutschland 11.123 Neuzulassungen – zum Vergleich: im November 2023 waren es nur 3690 gewesen. Die Händler haben versucht, mit mächtig Rabatten ihre Euro-5-Modelle loszuwerden, weil ab 2025 nur noch Motorräder mit Euro5+ neu zugelassen werden dürfen. Viele Kunden haben offensichtlich genau darauf spekuliert und mit dem Kauf ihres Traum-Bikes noch gewartet, auch wenn sie es diesen Sommer sicher gerne schon gefahren wären. Da interessiert eher wenig, wenn ein Nachfolgemodell mit Euro5+ vielleicht sogar mehr Leistung oder bessere Ausstattung bietet. Das Geld sitzt bei den Deutschen nicht mehr so locker, und die Motorradfahrer gehen auf Schnäppchenjagd.

Dass die in Insolvenz befindliche Marke KTM verzweifelt versuchen würde, ihre teilweise noch aus den Jahren 2022 und 2023 stammenden Modelle loszuwerden, war klar. Weltweit stehen 130.000 KTMs auf Halde, 2,9 Milliarden Euro Schulden zu Buche und ein nicht inzwischen mehr ganz so guter Ruf im Hinblick auf die Qualität einer Lösung der Probleme entgegen. Die Geschäftsführung in Mattighofen hat darauf bestanden, dass die Händler massig Motorräder abnehmen mussten.

KTM steckt in der Insolvenz in Eigenverwaltung, hat Unmasse an Euro5-Modellen auf Halde stehen und versucht sie mit Nachlässen von bis zu 25 Prozent loszuwerden. Im November ließ die Marke fast viermal so viele Motorräder in Deutschland zu, wie im November des letzten Jahres. Im Bild eine KTM 1390 Super Duke R aus unserem Test.

(Bild: Ingo Gach)

Die Bikes haben die KTM-Dealer mit teilweise bis zu 20 Prozent Nachlass abverkauft. Bei den Modellen oberhalb der 20.000-Euro-Grenze konnten die Kunden entsprechend etliche tausend Euro sparen, wohlgemerkt für Neufahrzeuge mit null km auf dem Tacho. Die Verkaufszahlen im November sprechen Bände: 1424 KTMs wurden in Deutschland neu zugelassen, im November 2023 waren es nur 381.

Die zu KTM gehörige Marke Husqvarna wurde von der Krise des Mutterkonzerns voll erwischt. Ihre Modelle, ebenfalls in Matthighofen produziert, bauen auf KTM-Basis auf. Die Husqvarnas, allen voran der Bestseller 701 Supermoto, wurden mit aller Gewalt in den Markt gedrückt.

Husqvarna ist eine Tochtermarke von KTM und daher auch von der Insolvenz betroffen. Ihr meistverkauftes Modell, die 701 Supermoto, gab es im November mit ĂĽber 2000 Euro Rabatt.

(Bild: Husqvarna )

Husqvarna hat wohl einen neuen November-Rekord aufgestellt mit 926 Neuzulassungen, im Vergleichsmonat 2023 waren es nur 140 Stück. Die Husqvarna-Händler bangen darum, wie es 2025 weitergeht, ihr Schicksal ist noch ganz offen.

Auch andere Marken haben sich eine Rabattschlacht geliefert, erstaunlicherweise ist die Marke BMW darunter, die so etwas lange Zeit nicht nötig hatte. Die R 1300 GS ist weiterhin mit Riesenabstand der Bestseller in Deutschland, von Januar bis November sind 6904 Stück der Boxer-Enduro neu zugelassen worden, obwohl sie durch einige Kinderkrankheiten (u. a. sind einige wegen eines defekten Relais abgebrannt) und Rückrufaktionen negativ aufgefallen war.

Selbst BMW bietet nagelneue Motorräder mit freiwilligen Preisnachlässen an, eher ungewöhnlich für die Premium-Marke aus Bayern. Aber auch hier droht die Euro-5+. Sogar den Bestseller BMW R 1300 GS gibt es im Preis reduziert.

(Bild: BMW)

Trotz ihrer Beliebtheit haben sich anscheinend etliche Kunden zurückgehalten, denn es stehen zurzeit viele nagelneue R 1300 GS mit reichlich Sonderausstattung für einen günstigen Kurs als Tageszulassung im Internet. Die Händler bekommen die letzten Euro-5-Exemplare nur noch mit Preisnachlässen los. Aber auch andere beliebte BMW-Modelle werden mit Rabatten angeboten, etwa die BMW F[ ]900[ ]R (Test). Insgesamt wurden 1851 BMW im November neu zugelassen, während es im selben Monat ein Jahr zuvor nur 575 waren.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Marke Kawasaki, die 1188 Neuzulassungen im November verzeichnen konnte, im November 2023 aber auf nur 291 Stück kam. Für ihren Bestseller Kawasaki Z 900 steht für nächstes Jahr ein gründlich überarbeitetes Modell parat, also musste der Bestand raus.

Kawasaki beteiligt sich ebenfalls an der Rabattschlacht. Deren Bestseller Z 900 (Test) kommt 2025 gründlich überarbeitet, deshalb müssen alle Lagerbestände mit Euro5 raus.

(Bild: Kawasaki )

Bei vielen anderen Marken spiegelt sich die gleiche Situation, Yamaha hat 817 Motorräder im November neu zugelassen, statt 287 wie im November 2023, Harley-Davidson 761 statt 189 und Suzuki 687 statt 136. Moto Guzzi verfünffachte seine Neuzulassungen von 48 auf 240. Bei Triumph ist die Zahl eher gemäßigt von 150 auf 266 gestiegen, was aber vor allem auf die erst dieses Jahr eingeführten und sehr beliebten 400er-Modelle zurückzuführen ist. Honda stieg lediglich von 701 (November 2023) auf 927 Neuzulassungen in diesem November.

Auch Yamaha haute seine Euro5-Modelle raus. Von ihrem Bestseller Yamaha MT-07 erwartet uns nächstes Jahr eine neue Modellgeneration, da musste die noch aktuelle Vorgängerin zu günstigen Kursen angeboten werden.

(Bild: Yamaha)

Was davon zeugt, dass der weltgrößte Motorradhersteller offensichtlich keine allzu großen Lagerbestände aufgebaut hat. Dennoch gab es die beiden Bestseller Honda Hornet[ ]750 und XL[ ]750[ ]Transalp im November mit deutlichen Preisnachlässen.

Einzig Ducati hat im November mit 287 Stück sogar weniger Motorräder neu zugelassen als im Vergleichsmonat 2023, da waren es noch 314. Ein Indiz dafür, dass die Ducati-Händler nicht bereit waren, mit den Preisen weit runterzugehen.

Ducati Multistrada V4. Einzig Ducati registrierte im November weniger Neuzulassungen als im Jahr zuvor. Offensichtlich wollte die italienische Marke ihre Modelle nicht zu Dumping-Preisen verhökern, was ihr allerdings in Deutschland ein deutliches Minus im Verkauf einbrachte.


(Bild: Ducati )

Es spricht für das Selbstbewusstsein der italienischen Marke, allerdings schrumpft dadurch ihr Marktanteil in Deutschland, von Januar bis November war es ein Minus von sechs Prozent.

Die Zulassungszahlen der jeweiligen Marken werden bis Ende Dezember sicher noch einmal durcheinandergewirbelt, wenn die Händler verstärkt dazu übergehen, ihre Restbestände mit Euro-5-Norm als Tageszulassungen anzubieten. Im November haben die Kunden ihre neuerworbenen Motorräder noch problemlos selbst anmelden können, aber spätestens ab der zweiten Dezemberhälfte ist es schwierig geworden, noch einen Zulassungstermin zu bekommen.

Wer jetzt noch kein günstiges Euro-5-Motorrad ergattert hat, kann gelassen bleiben, im Januar werden die Händler ihre Neufahrzeuge mit Tageszulassung weiterhin für einen niedrigen Kurs anbieten. Tatsächlich sind die Händler die größten Leidtragenden bei der Sache, denn durch den massiven Abverkauf Ende 2024 werden ihre Kunden im Frühjahr wohl deutlich weniger neue Motorräder des 2025er-Jahrgangs mit Euro5+-Norm erwerben.

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(fpi)